Kurt Tucholsky | Abschied von den Pyrenäen


Das ist mein Abschied von den Pyrenäen:

Aus Perpignan fährt die Bahn nach der spanischen Grenze – bis Cébère. Da kommt das tiefe Tunneltor, drüben, hinter den Bergkuppen liegt Spanien. Hier stoßen die Pyrenäen an die See.

Schiffer fahren mich auf dem Meer spazieren, wir führen ernste Gespräche und unterhalten uns über die teuern Bodenpreise in Cébère, wo alle Welt Grenz-Handel treibt und alle Welt Geld verdient. Und davon reden wir, daß da im Norden Banyuls liegt, wo neulich abend das Kutterboot gekentert ist, mit den beiden Frauen und den Männern, von denen sich nur zwei gerettet haben.

Da fahren wir nun in eine Grotte am Wasser – es ist eine kleine, kümmerliche Höhlung im Stein, das Boot schaukelt zwischen den Felswänden. Hinten brummt dumpf das Wasser – es hört sich an, wenn es im Fels rollt, als ob er einstürzen wollte.

Und mit meinen Händen befühle ich noch einmal, zum letztenmal, den nassen Stein, den Berg in den Pyrenäen. Durch die Erde sehe ich hindurch bis zum andern Ende, bis zum Ozean, nach Hendaye und Bayonne. Höhlen liegen dazwischen – unten in Bétharram stand, fünfzig Meter tief unter der Erde, ein Grenzstein mit zwei Tafeln:

Basses-Pyrénées/Hautes-Pyrénées.

Es ist die Departements-Grenze. Ordnung muß sein.

Wann wieder, Berge –?

Die Fischer stoßen ab, sie rudern noch ein bißchen um das Kap herum – in die offne See … Und dann sind wir in dem kleinen Häfchen von Cébère. Oben laufen die Zollbeamten auf dem Bahnsteig auf und ab und befühlen die Koffer – und die Gendarmen prüfen die Pässe und tun recht geschäftig und staatserhaltend. Der Zug pustet Rauch aus.

Da verschwinden die Berge im dunstigen Blau, längs der Eisenbahn werden sie immer niedriger, jetzt sind wir wohl schon in der platten, unendlich weiten Ebene. Sieh – eine Station! Palau-del-Vidre. Und die Höhenzahl: 22 m 706 mm über dem Meeresspiegel.

Es ist aus.

Erlöst vom Gebirge – erlöst vom Steigen und Klettern.

In meinem Herzen liegt eine kleine Flocke, eben geboren, ein Ei: Sehnsucht nach den Pyrenäen.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

4 Kommentare zu „Kurt Tucholsky | Abschied von den Pyrenäen“

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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