Zur Blauen Stunde | Summ, summ, summ!

Summ, summ, summ!

Bienchen summ herum!
Ei, wir tun dir nichts zu leide,
Flieg nur aus in Wald und Heide!
Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!

Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!
Such in Blüten, such in Blümchen
Dir ein Tröpfchen, dir ein Krümchen
Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!

Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!
Kehre heim mit reicher Habe,
Bau uns manche volle Wabe,
Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!

Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!
Wollen bei den Christgeschenken
freudig deiner auch gedenken
Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!

Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!
Mit dem Wachsstock dann wir suchen
Pfeffernüss und Honigkuchen
Summ, summ, summ!
Bienchen summ herum!

Hoffmann von Fallersleben

Wilhelm Busch | Abschied

Abschied

Ach, wie eilte so geschwinde
Dieser Sommer durch die Welt.
Herbstlich rauscht es in der Linde,
Ihre Blätter mit dem Winde
Wehen übers Stoppelfeld.

Hörst du in den Lüften klingend,
Sehnlich klagend das Kuru?
Wandervögel, flügelschwingend,
Lebewohl der Heimat singend,
Ziehn dem fremden Lande zu.

Morgen muß ich in die Ferne.
Liebes Mädchen, bleib mir gut
Morgen lebt in der Kaserne,
Daß er exerzieren lerne,
Dein dich liebender Rekrut.

Hans Christian Andersen | Däumelinchen

Däumelinchen.

Es war einmal eine Frau, die sich sehr nach einem kleinen Kinde sehnte, aber sie wußte nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: »Ich möchte herzlich gern ein kleines Kind haben, willst Du mir nicht sagen, woher ich das bekommen kann?«

»Ja, damit wollen wir schon fertig werden!« sagte die Hexe. »Da hast Du ein Gerstenkorn; das ist gar nicht von der Art, wie sie auf dem Felde des Landmanns wachsen, oder wie sie die Hühner zu fressen bekommen; lege das in einen Blumentopf, so wirst Du etwas zu sehen bekommen!«

Weiterlesen „Hans Christian Andersen | Däumelinchen“

Kurt Tucholsky | Wie werden die nächsten Eltern?

Wie werden die nächsten Eltern?

Von der durch die Nase zu sprechenden Bemerkung »Der Alte ist ja verrückt!« bis zu anerkennender Dankbarkeit gibt es alle Skalen im Verhältnis meiner Generation zu ihren Eltern. Aber im großen ganzen waren wir nicht recht zufrieden; wir fühlten uns nicht verstanden, und auch ohne daß wir zur Pistole des Hasencleverschen Sohns gegriffen haben: es war doch verdammt weit von uns bis zur »alten Generation«. Beschwerdebuch –!

Unsere Mütter hatten entsetzlich viel zu tun, aber nichts zu arbeiten – und das brachte sie oft auf krause Gedanken. Da gab es neben guten Müttern viel leere Vogelgehirne, Papas, die nur aus Berufsarbeit, Schrullen und einer knarrenden Zugstiefel-Weltanschauung bestanden, Mamas, die einkauften und großreinemachten, wie man eine heilige Handlung vornimmt … und wir immer mitten drin, ein wenig hin- und hergestoßen, das Ganze für herzlich überflüssig empfindend. Möchten Sie noch einmal jung sein? Ich für meinen Teil habe reichlich genug.

Weiterlesen „Kurt Tucholsky | Wie werden die nächsten Eltern?“

Thema: Kettenbriefe

Thema: Kettenbriefe

Hallo, mein Name ist Chris. Ich leide unter einigen sehr seltenen und natürlich tödlichen Krankheiten, schlechten Klausur- und Examensergebnissen, extremer Jungfräulichkeit und Angst davor, entführt und durch einen rektalen Starkstromschock exekutiert zu werden, weil ich circa 50 Milliarden beschissene Kettenbriefe nicht weitergeleitet habe.
Kettenbriefe von Leutchen, die tatsächlich glauben, dass, wenn man diese Briefe weiterleitet, dieses arme, kleine Mädchen in Arkansas, dass mit einer Brust auf der Stirn geboren wurde, genug Geld für die rettende OP zusammenbekommt, gerade noch rechtzeitig, bevor die Eltern es an die „Freak Show“ verkaufen.

Weiterlesen „Thema: Kettenbriefe“

Das kürzeste und wunderbarste Märchen der Welt

Das kürzeste und wunderbarste Märchen der Welt

Es war einmal ein stattlicher Prinz, der die wunderschöne Prinzessin fragte: „Willst Du mich heiraten?“
Und sie antwortete: „…NEIN!!!“
Und der Prinz lebte viele Jahre lang glücklich und ging angeln und jagen und hing jeden Tag mit seinen Freunden herum und trank viel Bier und betrank sich so oft er wollte, spielte Golf, liess seine Jacke auf der Stuhllehne im Esszimmer hängen und hatte Sex mit Dirnen und Nachbarinnen und Freundinnen und furzte nach herzenslust und sang und rülpste und kratzte sich ausgiebig am Sack.

ENDE

Richard Arnold Bermann | Die Hauptstadt

Die Hauptstadt

Es steht in jedem Schulbuch, daß Dublin die Hauptstadt von Irland ist. Es ist, wie die meisten Sachen, die apodiktisch in den Schulbüchern stehen, nicht ganz wahr, sondern nur so annähernd. Dublin war einmal die Hauptstadt von Irland. Dublin wird später einmal wieder die Hauptstadt von Irland werden. Heute ist London die Hauptstadt von Irland und Dublin nur eine Art untergeordnete Sub-Hauptstadt. So wie früher die Lord-Statthalter von Irland ruhig in England zu bleiben und nur einen untergeordneten Stellvertreter nach Irland zu schicken pflegten.

Weiterlesen „Richard Arnold Bermann | Die Hauptstadt“

Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [4]

4.

– kürzlich vermeldete Attentat Unter den Linden mit bolschewistischen Umtrieben im Zusammenhang –

»Ich schenke sie dir!“ hat er in Deeters Ohr geflüstert, als er die keck überrumpelte Nuscha vom Nebentisch heranschleppte. Frech für andere, so wurde ihm schon mancher Erfolg. – Einfach fragen sie das Mädchen aus. Tippmamsell in einer Firma für Wohnungseinrichtungen. Der Chef hat sie aus Ostpreußen hergelockt, ihr den wohlbezahlten Posten verschafft, hat das staunende Kind zunächst einmal städtisch eingepellt: Eine Modegarnitur für zwei Mille.

Weiterlesen „Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [4]“

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (177)

177. König Abels Jagd

König Abel, der Brudermörder, war Zeit seines Lebens ein gewaltiger Jäger, und als es mit ihm zum Sterben kam, wünschte er sich, statt der ewigen Seligkeit, ewig jagen zu dürfen. Dieser Wunsch ward ihm gewährt zur ewigen Strafe. Kohlschwarz im Gesicht, von zehn manchmal feurigen, aber kleinen Hunden begleitet, auf einem kleinen Pferde reitend, durchzieht er die Lüfte mit Lärm und Getöse und gellem Hornruf. Sein Schrei tönt: Hurra! Hurra! – Es war zur Zeit König Abels Leben nicht gut, ihm zu begegnen, und ist’s auch heute noch nicht. Ein alter Bauer aus Dorf Danewerk erzählte, wie seiner Großmutter ihre Großmutter noch eine junge Dirne gewesen, da hätte um das Danewerk herum noch viel Gehölz gestanden, dahinein hätte die Dirne die Kühe getrieben und gehütet. Da habe sie einmal unversehens in der Luft ein fürchterliches Ramentern vernommen und wäre König Abel in Lüften dahergesaust mit seiner Jagd. Zehn Hunde, ganz weiße, hatte er bei sich, die hatten feurige Zungen aus dem Halse hängen. Ach, dachte die Dirne, nun bin ich so ganz allein, wie soll das wohl gehen? Sie hatte ein weißes Schürztuch um, das band sie ab, und wickelte es um ihren Kopf, und setzte sich bei einen großen Baum und weinte. König Abel kam nun heran und machte gar ein grausiges Geprassel und Getöse bei ihr herum, und dann zuletzt machte er sich wieder von dannen. Von den Hunden des Königs Abel kam aber einer zu der Dirne heran, und sprang ihr in den Schoß, und legte sich still hinein. Wie nun der Lärm vorüber war, so nahm sie den Hund im Schoß mit nach Danewerk, und da hat er sein Geschlecht vermehrt, daß noch immer solche Däckel dort gefunden werden. König Abels Jagd hat aber seitdem nicht mehr zehn Hunde, sondern nur noch neun. König Abels Pferd braucht auch Futter. Auf dem Hesterberg bei Schleswig bringen die Bauern aus Mielberg, wenn sie ein Stück Land mit Hafer besäen, einen Sack voll mehr mit, als sie brauchen, nachts kommt hernach allemal jemand, der den Hafer für sein Pferd braucht. Darum gerät aber auch der Hafer auf dem Hesterberg am allerbesten in ganz Schleswig.

Ludwig Bechstein (1801-1860)