Zur Blauen Stunde | Stilles Bescheiden

Stilles Bescheiden.

Bei ihres Anblicks Lieblichkeit, –
Der alle Sinne mir berücket,
Der mich beseligt und entzücket
Und doch zu tiefst bedrängt mit Leid –
Nie werd‘ ich nur mit einem Blick
Der Herrin meine Lieb‘ gestehen,
Nie ihre Gegenliebe flehen
Und stumm ertragen mein Geschick!
Ein Frevel wär’s an holder Frau,
Wenn ich den eitlen Glauben hegte,
Daß mich, nur mich allein, bewegte
All ihrer Anmut reiche Schau.
Nein, nein, ich bin der einz’ge nicht,
Den ihre Nähe froh beseelet!
Der letzte war‘ ich, den sie wählet;
Ich steh‘ im Banne harter Pflicht,
Nicht Jugendkraft, noch Wohlgestalt
Vermag mir mehr das Wort zu führen,
Ich kann vielleicht durch Lieder rühren,
Doch Mitleid wehrt der Lieb‘ Gewalt.
So fass‘ ich denn den einen Mut,
Es im Beginne schon zu enden.
Wie käm‘ zu eines Bettlers Händen
So hohes überreiches Gut?
Ergeben will ich meine Last
Auch fürder stumm des Weges tragen,
Es soll kein Blick der Herrin sagen,
Wie mächtig es mich stets erfaßt
Bei ihres Anblicks Lieblichkeit,
Der alle Sinne mir berücket,
Der mich beseligt und entzücket
Und doch zu tiefst bedrängt mit Leid.

Ludwig Anzengruber (1839-1889)

Kurt Tucholsky | Die Schweigende

Die Schweigende

Erst haben wir davon gesprochen
– du hörtest freundlich zu –,
ob unsre alten Männerknochen
sich niemals in den Hörselberg verkrochen …
Und du?

Er sagte: »Ach, ich bin ein böses Luder!
Die Frauen fehlen mir.
Ich fresse jedes Jahr ein halbes Fuder,
wild tobt mein Herz, stäubt nur ihr weißer Puder …«
Was klopft denn dir?

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Joachim Ringelnatz | …liner Roma… [3]

3.

    Perserteppiche, alte Gebisse, Gold, Brillanten, Pfandscheine, Korken, Armeepistolen kauft oder tauscht gegen Lebensmittel – Isidor Rosenmilk, Spittelmarkt.

Das beschämende Trinkgeldwesen ist abgeschafft, dafür der obligatorische Aufschlag eingeführt. Aber vor Leuten, was sage ich, vor Baronen, wie Kehlbaum schwänzeln die Kellner devoter denn je. Denn der pocht eisern jeden Samstag auf das Trinkgeldgeben wie auf seinen Stammsessel vis-à-vis dem »Für Damen« und auf Fürstenberg-Auslese. – Herr Blasewitz (Glatze, bauchglattglänzend) fragt Kehlbaums mitgebrachten Gast jovial: »Na, Herr Deeters, wie gefällt Ihnen Berlin?«

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Richard Arnold Bermann | Die Meistersinger von Irland

Meine Schwiegermutter erzählte mir oft – und gerne- folgende Geschichte:
„Sonntags tanzen? Dafür kam man zumindest ins Fegefeuer, wenn nicht gleich in die Hölle! 😒
So schlich der Dorfpfarrer Sonntags durchs Dorf, schaute in die niedrig gelegenen Fenster in die Wohnstuben und hoffte, die Sünder auf frischer Tat zu ertappen..
Die entwickelten daraufhin einen Tanz, bei dem der Oberkörper und die Arme möglichst unbeweglich zu bleiben hatte, sich aber die Füße und Beine rasant bewegen durften. So entstand der Riverdance!“
👀 😎

Die Meistersinger von Irland

An einem englischen Sonntag ist dem Menschen nichts gestattet, als fromm zu sein und sich in respektabler Weise zu langweilen. In Irland ist das etwas anders. Sehr fromm ist man auch hier. Die besser gekleideten Leute gehen in den Gottesdienst der evangelischen Kirche von Irland, aber das weite Gotteshaus wird nicht ganz voll. Die schlechter gekleideten Leute, die echten Iren von Irland, knien in Scharen vor dem Tor der katholischen Kathedrale, denn sie haben innen nicht alle Platz. Am Nachmittag aber verlangt die katholische Geistlichkeit von ihren Gläubigen nicht, daß sie wie die Anglikaner und Presbyterianer still zu Hause sitzen und sich langweilen; ganz im Gegenteil. Am Sonntag nachmittag wird im katholischen Irland gesungen und getanzt, und der Klerus ist auch mit dabei.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (176)

176. Der wilde Jäger in Dithmarschen

Auch in Dithmarschen kennt man den wilden Jäger, wie am Rheine, auf dem Harz, in Thüringen, im Vogtlande und sonst. Also wird vom Freischützen zu Marne erzählt, daß er ein ziemlich wilder Bauernbursch gewesen, der die Jagd über alles geliebt, aber, nachdem er sich verheiratet und ein kleines Gütchen bewirtschaftete, dieses über der Jägerei vernachlässigt, mit dem Weidwerk aber gar wenig aufgesteckt habe. Da ging er einstmals ganz mißmutig durch den Wald nach Hause, denn er hatte den ganzen Tag noch keine Krähe und keine Klaue geschossen, siehe, da ging ein fremder Jagdgesell vor ihm her, der trug ein schönes Gewehr und eine bauschende Jagdtasche, und der Bauer mochte ihn gern einholen.

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