Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz

…liner Roma…

Mit 10 Bildern von ihm selbst

(1924)

Dem Maler Karl Huegin in Zürich

1.

– erfolgreichen Razzia vier Spielhöllen auszuheben und in der Motzstraße 296 die Eheleute Krusis zu verhaften, die dort gegen Eintrittsgeld eine Nacktvorstellung gaben.

Sie waren beide heißen Blutes trunken, auch von einem ausgesuchten Wein und von ungewöhnlichen Worten berauscht. Er rief sie Wiga, ohne ihren Nachnamen zu kennen. Aber spät morgens, als der Schlaf sie doch übermannte, betrachtete Gustav lange und nahe die Falten in Wigas Gesicht und das Tal zwischen ihren Brüsten und stand behutsam auf, um nackt und glücklich durch das Zimmer zu wandern. Er liebte den geheimnisvollen Modergeruch, der aus Gasthofkommoden strömt. Er las sieben Haarnadeln auf, die sich zwischen die Sofapolster verkriechen wollten. Und Wiga war wieder erwacht, denn sie sagte: „Wenn wir jetzt stürben, dann würde kein Mensch uns hier suchen.“ Hierauf stieg auch sie aus dem Bett, hoch und schlank, und stellte sich hinter Gustaven und lugte mit ihm zum Fenster hinaus auf den Kleinstadtmarkt, der für andere Leute unansehnlich, nun überdies vom Regen verdüstert war. Und eine fast vergessene Stadt in weiter Ferne hieß Berlin.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Fortsetzung folgt…

Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Das Oktoberfest

Das Oktoberfest

Der Bühnenhintergrund zeigt ein buntes Panorama des Oktoberfestes, auf dem man Buden aller Art erkennt. Ganz im Hintergrund ragt ein großes Praterrad in den Himmel, weiß-blaue Fahnenstangen tragen Wimpel und zweizipfelige Fahnen in den Landesfarben oder Fichtenkränze. Von anderen Masten sind Leinen mit Wimpeln gezogen. Ganz rechts im Vordergrund ist halb von der Seite eine Schaubude zu sehen, vor der ein kleines Podium aufgebaut ist; bunte Bilder von der Riesendame Wiesi-Wiesi und dem Ohrenphänomen Tafit hängen an den Zeltwänden. Daneben hat die Hellseherin ihren Wahrsagestand errichtet, das Glücksrad schließt sich weiter hinten an. Weitere Schaubuden folgen nach der Bühnenmitte zu: die Menschenfresser, ganz im Hintergrund erkennt man die Schichtl-Bude, deren Podest ebenfalls ein wenig in die Bühne hineinragt. Ein großes Bierzelt im linken Vordergrund ladet durch Tische und Bänke zur Brotzeit ein. Links davon hat der Lukas seinen Stand aufgemacht, an dem ein großer weiß-blauer Mast mit dem Schild ›10 Pfennig‹ und einer Pappe voller Orden emporragt. Der Schlegel liegt zum Ausholen bereit. Während des ganzen Spiels wird die Szene von stummen Passanten belebt, die von einer Bude zur andern in beiden Richtungen lustwandeln.

Sie (Liesl Karlstadt) hat ein buntgeblümtes, hochgeschlossenes Musselinkleid mit langen Ärmeln an, auf dessen weißem Brustlatz unordentlich eine schwarze Schleife hängt. Ihr altmodischer Topfhut ist mit einem Sträußchen Himmelsschlüssel geschmückt.

Er (Karl Valentin) hat sich fein gemacht und offenbar seinen guten blauen Anzug zum Wiesenfest hervorgesucht, der förmlich nach Mottenkugeln riecht. Um den steifen Gummikragen mit seinen verschwitzten Ecken ist eine bunte altmodische Schleife gebunden. Der kurze, hellbraune Sommerüberzieher ist aufgeknöpft. Darum sitzt er nie richtig, sondern zipfelt nach allen Seiten. Er trägt einen Schnurrbart, der ehemals vielleicht nach der Mode »Es ist erreicht« nach oben gezwirbelt war, jetzt aber melancholisch rechts und links nach unten hängt, nur die äußersten Spitzen heben sich ein klein wenig. Auf der breiten, kurzen Nase sitzt schief ein altmodischer Zwicker, der an einer Seidenschnur befestigt ist, wie man es zuweilen bei kleinen Beamten noch sehen kann. Auf die militärisch kurzgestutzten Haare hat er einen grauen Filz gestülpt, dessen Krempe rund nach allen Seiten lustig, aber unregelmäßig emporstrebt, während der Kopf bereits jede Fasson verloren hat. Die Tabakspfeife, die er später aus dem angebrannten Taschenfutter zieht, ist eine Reformpfeife; man kann das Mundstück über den Kopf drehen.

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Kurt Tucholsky | Warum eigentlich?…

Warum eigentlich?…

Kleine Dinge, die in der ganzen Welt gleich sind

Vor dem Kriege ist in Paris ein sehr merkwürdiges Buch erschienen: »Les Petites Choses« von Emile Berr, bei Bernard Grasset, Paris. Es beschäftigt sich mit Dingen, die so klein sind, daß man sie kaum wahrnehmen kann; es ist gewissermaßen eine Zeitlupenbeobachtung des Lebens, eine Mikroskopie des Lächerlichen.

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Erich Kurt Mühsam | Appell an den Geist. Texte und Geschichten | Politisches Variété

Politisches Variété

Aus: Kain, 1912

Politik ist die Kunst, Staatsgeschäfte zu besorgen. Kunst nicht im Sinne der werteschaffenden Kultur, sondern im Sinne der Artistik: denn in der Politik handelt es sich um Jonglieren, Balanzieren, Seiltanzen, Sprüngemachen. Politik also ist das Kunststück, Staatsgeschäfte zu besorgen. Die Berufsartisten dieser Spezies der Leichtathletik nennt man Diplomaten. Ihre Fertigkeit ist Begriffsverrenkung, Rechtsverdrehung, Verschwindenlassen offenkundiger Tatsachen und Herbeizaubern von Irrealitäten. Wer es im Durcheinanderwerfen scheinlogischer Seifenblasen zu besonderer Geschicklichkeit gebracht hat, wird von den Staatsbürgern als Staatsmann hoch gepriesen und erhält von seiner Direktion edelsteingeschmückte Orden. Die Stars der Diplomatie scheinen seit geraumer Zeit ausgestorben zu sein. Die das Handwerk heutzutage betreiben, beweisen in ihren Vorführungen soviel Ungeschick, daß das zahlende Publikum ihnen nachgerade hinter die Schliche kommt.

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Mark Twain | Tom der kleine Detektiv von Huck Finn erzählt [ 10/11 ]

Zehntes Kapitel

Bei diesen gräßlichen Worten standen wir wie zu Stein erstarrt und konnten wohl eine Minute lang kein Glied rühren. Sobald wir uns etwas von dem Schreck erholt hatten, hoben wir den alten Mann auf und setzten ihn wieder in seinen Stuhl; er ließ sich von Benny streicheln und küssen, auch die arme Tante versuchte ihn zu beruhigen. Doch waren sie beide so verwirrt und außer sich, daß sie kaum wußten, was sie thaten. Am allerunglücklichsten war aber Tom selbst. Daß er seinen Onkel vielleicht ins Verderben gestürzt hatte, war ihm fürchterlich. Hätte er nicht solchen Ehrgeiz gehabt, berühmt zu werden und hätte das Suchen nach der Leiche aufgegeben, wie die andern Leute, so wäre es ja am Ende nie herausgekommen. Doch nicht lange, da besann er sich und änderte seine Gedanken:

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Richard Arnold Bermann | Der Shannon

Der Shannon

Von Killarney nach Limerick. Das ist schon wieder so eine Stadt, die malerisch an einem Fluß gelegen ist und sonst nichts. Der Fluß ist der Shannon, der irische Rhein. Was die Stadt betrifft – –

Was die Stadt betrifft, so wäre zunächst der Ordnung halber der alte irische König Brian Boroimhe zu erwähnen, den Freunde der historischen Abwechslung auch Brian Boru nennen dürfen. Übrigens behaupten alle Brians, Bryans und O’Briens in ganz Irland und Amerika, von diesem alten König abzustammen, denn er war ein sehr großer König, und man kann sich gar keinen feineren Ahnherrn aussuchen. Was nun die Stadt Limerick betrifft, so hat sie Brian Boru im Jahre 968 von den dänischen Wikingen befreit. Auch sonst haben sich zu den passendsten historischen Daten die wichtigsten historischen Ereignisse in Limerick abgespielt; die Stadt hat eine so interessante Geschichte, daß sie gänzlich auf eine irgendwie interessante Gegenwart verzichten kann. Es gibt eine Neustadt mit schnurgeraden Straßen, es gibt eine Altstadt mit unmenschlich viel Schmutz; dazwischen stehen historische Gebäude und langweilen sich. Durch einen verwilderten Garten schimmert die wunderbare normannische Kathedrale; natürlich ist sie im Laufe der Zeit den Katholiken weggenommen worden und gehört jetzt der anglikanischen Kirche von Irland, die fast so viele Dome wie Gläubige hat.

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Das Märchen von dem Hause Starenberg und den Ahnen des Müllers Radlauf (8 und Ende)

Das Märchen vom Schneider Siebentot auf einen Schlag

Eines Morgens wollte es in Amsterdam gar nicht Tag werden, die Häringsfischer guckten alle Augenblick zum Fenster hinaus, ob die Sonne bald aufgehe, daß sie auf den Fang fahren konnten. Die Seelenverkäufer machten wohl zwanzigmal den Laden auf, um nach der Morgensonne zu sehen, weil sie die Seelen heraus zum Verkauf hängen wollten; denn sie nehmen sich in der Morgensonne sehr schön aus und singen dann: »Wach auf, mein Seel, und singe!« wodurch sie Käufer herbeilocken. Aber immer blieb es dunkel. Die Käshändler liefen auf die Straße und guckten nach dem Himmel; aber dunkel war es, dunkel blieb es, und kein Mensch wußte, wo er dran war.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (174)

174. Die Schlacht auf dem Tausendteufelsdamme

König Johann von Dänemark sprach zu dem Herzog, seinem Bruder: Was beginnen wir nur, daß wir das reiche freie Dithmarschenland an uns bringen? Da sprach der Herzog: Wir wollen einen Boten an die sächsische Garde senden, mit deren Beistand wollen wir wohl den Dithmarschen obsiegen. Und sendeten einen Boten auch in die Marsch und kündigten dem Volke an, daß der König drei feste Schlösser haben wolle im Lande, aber das wollten die Bauern mitnichten leiden. Und der Bote ging zurück nach Rendsburg, allwo der König lagerte und ein mächtig großes Heer sammelte aus Jütland, aus Fünen, aus Holstein und aus deutschen Landen; Soldknechte, eine ganze Schar vom Rhein, aus Franken und Sachsen, die hatten sich zusammengetan und nannten sich die sächsische Garde. Und da die Garde zu dem Königsheere stieß, da fragte sie: Herr König, wo liegt denn das Dithmarschen? Liegt es im Himmel droben oder auf schlichter Erde? – Da sprach der König: Es ist nicht mit Kloben an den Himmel geschlossen, es liegt auf Erden. – Darauf sprach wieder die Garde: Herr König, wenn das Dithmarschenland nicht mit Kloben an den Himmel geschlossen ist, so soll es bald unser werden. – Und da ließ der König die Fahnen fliegen und die Trommeln schlagen und zog mit dem Heere von zwölftausend Mann auf das tiefe Land zu. Zuerst zog das Heer nach Windbergen, da lag es eine kleine Weile und rastete, hernach zog es weiter nach Meldorf zu und trieb allerlei Übermut und Grausamkeit. Sie steckten des Königs Banner hoch vom Turme aus und hingen ihre Schilde über die Mauer, alles den Dithmarschen zum Hohne. Die hatten nur eine kleine Schar von tausend Streitern und wichen zurück bis an die Hemmingstetter Brücke. Da war noch ein Wall aus der alten Sassenzeit und tiefe Graben, und die Graben waren schlammig und voll Wasser. Da machten die Dithmarschen in der Nacht ein Bollwerk, stopften die Lücken des alten Erdwalles mit Moos und Schlamm und Binsen, machten ein Pfahlwerk und erwarteten den Feind. Der kam im Frühstrahl herangezogen, voll Kampfesmut, und die Dithmarschen warfen ihnen einen Steinhagel entgegen. Die Feinde aber suchten in Eile den Graben zu überbrücken, sie banden Speere zusammen, und darauf warfen sie querüber wieder Speerbündel, und nun hinüber, aber rücklings wurden sie niedergestürzt und niedergeschmettert. Viele wollten im Sprung die Höhe des Walles gewinnen und schwangen sich am Schaft der Lanzen hoch empor, aber sie sprangen zu kurz, und wem ja der Sprung gelang, den empfing in Kolbenstreichen auf dem Wall der sichere Tod. Da leuchtete mancher alte Morgenstern vom Bornhöveder Schlachttage wieder hell, und manche verrostete Klinge von damals schliff sich heute wieder blank an Feindes Helm und Panzer.

Aber siehe, plötzlich entstand ein Angst- und Schreckensruf im Kampfhaufen der Dithmarschen: Umgangen! Weh! Wir sind umgangen! Im Rücken heran zog Feindesgewimmel, das an anderer Stelle den Wall überklettert hatte, und es drohte nun der sichere Tod. Da trat plötzlich allen unversehens eine Dithmarschenjungfrau vor, die schwang hoch in der Hand eine Fahne mit dem Bilde des Heilandes und rief laut zur Mutter Gottes: Hilf uns, Maria, Gebenedeite, so gelobe ich dir ewige Keuschheit! – Und: Mir nach, rief sie, drauf! – und stürmte mit der Fahne und einem Schwert und fliegenden Haares geradezu gegen den Feind. Da entstand ein hartes und fürchterliches Schlagen, und lange stand der Kampf, aber die Übermacht der Feinde war allzu groß. Da aber hatte Gott ein Erbarmen und sandte die Flut. Die wälzte sich heran, krachte an die Schleuse, brach die Schleuse, überströmte die Felder von Hemmingstett, und wie die Bauern die Wogen daherbrausen sahen, da jauchzten sie in erneuter Kampflust, nahmen wieder hinterm Tausendteufelsdamme festen Stand, wo sie sicher vor der Flut waren, und schlugen auf den Feind los, den rings die Wogen bedräuten. Da war ein Gardenführer, sie nannten ihn den langen Jürgen, der hatte Herz im Leibe und spornte seinen Hengst, und sprengte glücklich auf den Wall, und rief: Wer wagt es mit mir, der komme heran! – Und da war ein Bauer, der hieß der Reimer von Wiemerstede, der sprang vor, schlug mit seiner Mordaxt des Junker Jürgen Speer zur Seite und hieb mit derselben Axt in den Panzer des Junker ein, die saß so fest, daß er sie nicht wieder herausziehen konnte. Da riß der Reimer den Jürgen am Axtstiel nieder, trat auf das Eisen und trat es dem Junker fünf Zoll tief in den Leib hinein. Und von den andern Feinden blieben zahllose Tote in dieser wilden Schlacht, außer denen, die von den Wogen verschlungen wurden, es blieben da fünf von dem Geschlechte derer von Rantzau, von Ahlefeld sieben, von Wackerbarth vierzehn, der König entfloh zu Schiffe. Lange sind noch Lieder von dieser Schlacht auf die sächsische Garde, von Jürgen Slens, von der kühnen Maid und dem Reimer von Wiemerstede im Dithmarschenlande gesungen worden.

Ludwig Bechstein (1801-1860)