Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (27-31)

Sechsundzwanzigster Abend.

»Es war gestern in der Morgendämmerung!« das sind des Mondes eigne Worte; »nicht ein Schornstein rauchte noch in der großen Stadt, und es waren gerade die Schornsteine, auf die ich herabsah. Aus einem derselben kam plötzlich ein kleiner Kopf hervor und dann der halbe Leib, die Arme ruhten auf dem Rande des Schornsteins. ›Hurra!‹ Es war ein kleiner Schornsteinfegerjunge, der zum erstenmal in seinem Leben ganz hinauf im Schornstein gekommen war und den Kopf herausgesteckt hatte. ›Hurra!‹ Ja, das war etwas andres, als in den engen Röhren und in den schmalen Kaminen herumzukriechen! Die Luft wehte so frisch und er konnte über die ganze Stadt hinsehen bis zu dem grünen Wald; die Sonne stand eben auf; rund und groß schien sie ihm in das Gesicht, das von Glückseligkeit strahlte, obgleich er ganz hübsch mit Ruß beschmiert war. ›Nun kann die ganze Stadt mich sehen!‹ sagte er, ›und der Mond kann mich sehen und die Sonne auch! Hurra!‹ und damit schwang er den Besen!«

Siebenundzwanzigster Abend.

»Gestern nacht sah ich auf eine Stadt in China hinab,« sagte der Mond. »Meine Strahlen beschienen die langen, nackten Mauern, welche die Straßen bilden; da und dort ist zwar ein Tor, aber es ist zugeschlossen, denn die Welt draußen, was kümmert sie den Chinesen? Dichte Jalousien bedeckten die Fenster hinter der Mauer des Hauses, nur aus dem Tempel schimmerte ein mattes Licht durch die Scheiben. Ich sah hinein, sah die bunte Pracht; vom Boden bis zur Decke waren in grellen Farben und reicher Vergoldung Bilder gemalt, welche das Wirken der Götter auf Erden darstellen; in jeder Nische ihre Bildsäulen selbst, aber beinahe verdeckt von bunten Draperien und herabhängenden Fahnen; und vor jedem Gott – sie sind alle von Zinn – stand ein kleiner Altar mit Weihwasser, Blumen und brennenden Wachslichtern; aber zu oberst im Tempel stand Fu, die höchste Gottheit, geschmückt mit einem Kleide von Seide in der heiligen gelben Farbe. Am Fuße des Altars saß eine lebendige Gestalt, ein junger Priester, er schien zu beten, aber mitten in seinem Beten in ein Grübeln zu versinken: und es war gewiß eine Sünde, denn seine Wangen glühten und sein Kopf beugte sich tiefer. Armer Soui-Houng! träumte er sich vielleicht hinter der Straße lange Mauern, in einem der kleinen Blumenbeete arbeitend, die sich vor jedem Hause befinden, und war ihm diese Beschäftigung lieber, als die Wachskerzen im Tempel zu bewachen? oder gelüstete ihn, an der reichgedeckten Tafel zu sitzen und zwischen jedem Gericht seinen Mund mit Silberpapier abzuwischen; oder war seine Sünde so groß, daß, wenn er sie auszusprechen wagte, das Himmlische Reich ihn mit dem Tode strafen mußte? Durften seine Gedanken mit den Schiffen der Barbaren nach ihrer Heimat fliehen, nach dem weit entlegenen England? Nein, seine Gedanken flogen nicht so weit und doch waren sie so sündig, als das warme Jugendblut sie nur zeugen kann, sündig hier im Tempel vor Fus und der heiligen Götter Statuen. Ich weiß, wo seine Gedanken weilten. Am äußersten Ende der Stadt, auf dem flachen, fliesenbedeckten Dach, wo die Brustlehne von Porzellan zu sein schien, wo die hübschen Vasen standen mit großen, weißen Glockenblumen, und die anmutige Pe saß mit den schmalen, schelmischen Augen, den vollen Lippen und dem allerkleinsten Fuß; ihr Schuh war eng, aber ums Herz war ihr noch weit enger; und sie hob die feingeformten Arme und der Atlas rauschte. Vor ihr stand ein Glasgefäß mit vier Goldfischen; sie rührte sachte im Wasser herum mit einem bunt bemalten und lackierten Stäbchen, ganz langsam, denn sie grübelte! Dachte sie vielleicht daran, wie reich und golden die Fische gekleidet waren, wie sicher sie in dem Glasgefäß lebten und ihre Nahrung erhielten und wie weit glücklicher sie doch in der Freiheit sein könnten. Ja, das begriff die schöne Pe; ihre Gedanken schweiften fort von daheim, ihre Gedanken eilten nach dem Tempel, aber sie kamen nicht um des Gottes willen. Die arme Pe! der arme Soui-Houng! ihre irdischen Gedanken begegneten sich, aber meine kalten Strahlen lagen wie ein Cherubsschwert zwischen ihnen!«

Achtundzwanzigster Abend.

»Es war Meeresstille,« sagte der Mond, »das Wasser war so durchsichtig, wie die reine Luft, die ich durchsegelte; ich konnte tief unter der Meeresfläche die seltsamen Pflanzen sehen, die, wie Riesenbäume im Walde, mit klafterlangen Stengeln zu mir aufstiegen; die Fische schwammen über ihre Wipfel hin. Hoch in der Luft zog ein Schwarm wilder Schwäne; einer von ihnen sank mit ermatteten Schwingen tiefer und tiefer, sein Auge folgte der lustigen Karawane welche sich mehr und mehr entfernte, er hielt die Schwingen weit ausgebreitet, und sank, wie die Seifenblase in der stillen Luft sinkt, er berührte die Wasserfläche, sein Haupt bog sich zurück zwischen die Flügel; still lag er wie der weiße Lotus auf dem ruhigen Binnensee. Und der Wind erhob sich und kräuselte die leichte Wasserfläche, die so strahlend schien, als wär‘ es der Äther, der sich in großen, breiten Wogen dahin wälzte, und der Schwan erhob sein Haupt und das blitzende Wasser sprühte wie blaues Feuer über Brust und Rücken. Der Morgenschimmer beleuchtete die roten Wolken, und der Schwan erhob sich gestärkt und flog zur aufsteigenden Sonne, zur blauenden Küste, wohin die Luftkarawane gezogen, aber er flog allein mit der Sehnsucht in seiner Brust; einsam flog er über die blauen, die schwellenden Wasser.«

Neunundzwanzigster Abend.

»Ich will dir noch ein Bild aus Schweden geben,« sagte der Mond. »Zwischen dunkeln Fichtenwäldern, nahe an den melancholischen Ufern des Roxen, liegt die alte Klosterkirche Wreta. Meine Strahlen glitten durch das Gitter in der Mauer in das hohe Gewölbe, wo Könige in großen Steinsärgen schlummern; in der Mauer über ihnen prangt, als das Bild der irdischen Herrlichkeit, eine Königskrone, aber sie ist nur von Holz, bemalt und vergoldet; sie wird durch einen in die Mauer getriebenen Holzpflock festgehalten; der Wurm hat das vergoldete Holz durchnagt, die Spinne hat ihr Netz von der Krone bis zum Sarge herab gesponnen, es ist eine Trauerfahne, vergänglich wie die Trauer um die Sterblichen. Wie still sie schlummern! ich erinnere mich ihrer so deutlich! Ich sehe noch das kecke Lächeln um die Lippen, die Freude oder Kummer aussprachen, so mächtig, so entscheidend. Wenn das Dampfschiff, wie eine Zauberjacht zwischen den Bergen dahinfährt, kommt bisweilen ein Fremder zur Kirche, besucht dieses Grabgewölbe, fragt nach der Könige Namen und diese klingen vergessen und tot; er blickt zu den wurmstichigen Kronen hinauf, lächelt, und ist er ein recht frommes Gemüt, so liegt Wehmut in seinem Lächeln. Schlummert, ihr Toten! Der Mond gedenkt eurer, der Mond sendet in der Nacht seine kalten Strahlen zu eurem stillen Königreich, über dem die Krone aus Föhrenholz hängt! – «

Dreißigster Abend.

»Dicht an der Landstraße,« sagte der Mond, »liegt ein Wirtshaus, und gegenüber von demselben ein großer Wagenschuppen; das Dach wurde eben gedeckt; ich sah durch die Sparren und durch die offenen Deckenluken in den unheimlichen Raum; der kalkuttische Hahn schlief auf dem Balken und der Sattel war in der leeren Krippe zur Ruhe, gebracht. Mitten in dem Raum stand ein Reisewagen, die Herrschaft schlief noch fest, während die Pferde getränkt wurden und der Kutscher seine Glieder reckte, obgleich er, ich weiß es am besten, gut geschlafen hatte, und das mehr, als den halben Weg. Die Tür zum Kutscherzimmer stand offen, das Bett sah aus, als ob es zu oberst und unterst gekehrt worden wäre, das Licht stand auf dem Boden und war tief im Leuchter heruntergebrannt. Der Wind blies kalt durch den Schuppen und die Zeit war näher am Morgengrauen, als an Mitternacht. Dort in dem Stand auf dem Boden schlief eine wandernde Musikantenfamilie, Mutter und Vater träumten wohl von dem brennenden Naß in der Flasche, das kleine, bleiche Mädchen träumte von dem brennenden Naß im Auge; die Harfe lag zu ihren Häupten, der Hund zu ihren Füßen. –«

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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