Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (23-26)

Zweiundzwanzigster Abend.

»Ich sah ein kleines Mädchen weinen,« sagte der Mond, »sie weinte über die Bosheit der Welt. Die schönste Puppe hatte sie geschenkt bekommen, o! es war eine Puppe, so niedlich und sein, sie war wahrhaftig nicht zum Unglück geboren. Aber des kleinen Mädchens Brüder, die langen Bengel, hatten die Puppe genommen, sie auf einen hohen Baum im Garten gesetzt und waren fortgelaufen. Das kleine Mädchen konnte nicht bis zu der Puppe hinaufreichen und ihr nicht herunterhelfen, und deshalb weinte sie; die Puppe weinte gewiß auch, sie streckte die Arme aus zwischen den grünen Zweigen und schien ganz unglücklich. Ja, das war der Welt Mißgeschick, von dem die Mama so oft sprach. O die arme Puppe! Es begann ja bereits dunkler Abend zu werden, bald mußte es Nacht sein! Sollte sie draußen sitzen bleiben im Baume die ganze Nacht? Nein, das konnte das kleine Mädchen nicht übers Herz bringen. ›Ich will bei dir bleiben!‹ sagte es, obgleich es nichts weniger als mutig war; sie schien bereits ganz deutlich die kleinen Nixen zu sehen, mit ihren hohen, spitzen Mützen, wie sie zwischen den Büschen hervor lauschten, und dort in dem dunkeln Gang tanzten Gespenster, sie kamen näher und näher, streckten die Hände nach dem Baume aus, wo die Puppe saß, sie lachten und zeigten mit dem Finger nach ihr. Ach! wie dem kleinen Mädchen bange wurde! Aber wenn man keine Sünde begangen hat, dachte sie, so kann einem ja das Böse nichts anhaben! habe ich denn eine Sünde begangen? und sie besann sich. ›Ach ja!‹ sagte sie, ›ich habe über die arme Ente mit dem roten Lappen am Beine gelacht; sie hinkt so komisch, deshalb lachte ich; aber es ist eine Sünde über die Tiere zu lachen!‹ und sie sah zu der Puppe hinauf: ›Hast du über die Tiere gelacht?‹ fragte sie, und es sah aus, als ob sie mit dem Kopfe schüttelte.«

Dreiundzwanzigster Abend

»Ich sah auf Tirol herab,« sagte der Mond, »ich ließ die dunkeln Fichten tiefe Schlagschatten auf die Felsen werfen. Ich betrachtete den heiligen Christoph mit dem Jesuskind auf seinen Schultern, wie er an den Mauern der Häuser steht, kolossal, vom Boden bis zum Giebel; der heilige Florian goß Wasser auf das brennende Haus und Christus hing blutend an dem großen Kreuz am Wege. Das sind alte Bilder für das neue Geschlecht; ich aber sah sie errichten, sah, wie eines dem andern folgte. Hoch an dem Bergabhange hängt wie ein Schwalbennest ein einsames Nonnenkloster; zwei Schwestern standen droben im Turme und läuteten; sie waren beide jung und deshalb flog ihr Blick hin über die Berge, hinaus in die Welt. Ein Reisewagen fuhr unten auf der Landstraße, das Posthorn erklang und die armen Nonnen richteten mit verwandten Gedanken den Blick hinab; in der jüngsten Auge stand eine Träne. – Und das Horn klang schwächer und schwächer, die Glocke des Klosters übertäubte seine hinsterbenden Töne, –«

Vierundzwanzigster Abend.

Höre, was der Mond erzählte: »Es ist mehrere Jahre her, es war hier in Kopenhagen; ich sah zum Fenster einer armseligen Stube hinein. Vater und Mutter schliefen, aber der kleine Sohn schlief nicht; ich sah, wie die geblümten Bettvorhänge von Kattun sich bewegten und das Kind heraus schaute; ich glaubte zuerst, es sehe nach der Bornholmschen Stubenuhr; sie war ja so bunt bemalt mit Rot und Grün, oben drauf saß ein Kuckuck, schwere Bleigewichte hingen daran und der Perpendikel mit der glänzenden Messingplatte ging hin und her, ›ticktack!‹ aber das war’s nicht, wonach es sah; nein, es war der Mutter Spinnrocken, der gerade unter der Uhr stand. Es war des Knaben liebstes Stück im ganzen Hause, aber er durfte es nicht anrühren, sonst wurde er auf die Finger geklopft. Ganze Stunden, wenn die Mutter spann, konnte er dasitzen und auf die surrende Spindel und das drehende Rad sehen und dabei hatte er seine eignen Gedanken. Ach, wenn er nur auch an dem Rocken spinnen dürfte! Vater und Mutter schliefen; er blickte zuerst auf sie, dann auf den Rocken, und kurz darauf kam ein kleiner, nackter Fuß aus dem Bett und dann noch ein nackter Fuß, dann kamen zwei kleine Beine, bums! stand er auf dem Boden. Er drehte sich noch einmal um, nach Vater und Mutter zu sehen, ob sie schliefen; ja, sie schliefen; und nun ging er leise, ganz leise, nur in seinem kleinen, kurzen Hemde hin zum Rocken und begann zu spinnen; die Schnur flog vom Rade ab, und das Rad lief nun noch viel rascher. Ich küßte sein blondes Haar und seine lichtblauen Augen; es war ein hübsches Bild. Da erwachte die Mutter, der Vorhang bewegte sich, sie sah heraus und glaubte eine Nixe oder einen andern kleinen Geist zu sehen. ›Um Jesu willen!‹ sagte sie und stieß erschrocken ihren Mann in die Seite; er schlug die Augen auf, rieb sie mit der Hand und sah nach dem kleinen, geschäftigen Jungen. ›Das ist ja Bertel!‹ sagte er.

Und mein Auge wandte sich von der ärmlichen Stube – ich sehe ja so weit umher! Ich sah im selben Augenblick in die Säle des Vatikans, wo die Marmorgötter stehen; ich beschien die Laokoongruppe; der Stein schien zu seufzen; ich drückte meinen stillen Kuß auf der Musen Brust, ich glaube, sie hob sich. Doch am längsten weilten meine Strahlen bei der Nilgruppe, bei dem kolossalen Gott. Sich an die Sphinx lehnend, lag er so gedankenvoll, träumend da, als dächte er an die dahinrollenden Jahre; die kleinen Amorinen spielten um ihn her mit den Krokodilen; im Füllhorn saß mit gekreuzten Armen und schaute auf den großen, ernsten Flußgott, ein ganz kleiner Amor, ein treues Bild des kleinen Knaben am Rocken; es waren dieselben Züge; lebendig und anmutig stand hier das kleine Marmorkind, und doch hat sich über tausendmal des Jahres Rad gedreht, seit es aus dem Marmor hervorsprang. Ebensooft, als der Knabe in der armen Stube das Spinnrad drehte, hat das größere Rad geschnurrt und schnurrt noch, ehe das Zeitalter Marmorgötter schafft, wie diese.

Sieh, das ist nun viele Jahre her! Gestern,« fuhr der Mond fort, »sah ich auf eine Bucht hinab an Seelands Ostküste; dort sind schöne Wälder, hohe Hügel, ein alter Herrenhof mit roten Mauern, Schwäne im Wallgraben, und eine kleine Landstadt mit ihrer Kirche zwischen Obstgärten. Eine Menge Boote, alle mit Fackeln, gleiten über die ruhige Wasserfläche hin; nicht zum Walfang leuchteten die Fackeln, nein, alles war festlich! Musik ertönte, ein Lied wurde gesungen und mitten in einem der Boote stand er, dem sie huldigten: ein hoher, kräftiger Mann in einem großen Mantel, er hatte blaue Augen und lange weiße Haare; ich kannte ihn und dachte an den Vatikan mit der Nilgruppe und an alle Marmorgötter; ich dachte an die kleine, ärmliche Stube, ich glaube, es war in der Grönnegasse, wo der kleine Bertel mit dem kurzen Hemde saß und spann. Das Rad der Zeit drehte sich; neue Götter sind aus dem Stein hervorgestiegen. – – – Aus dem Boote erklang ein Hurra, ein: ›Hurra für Bertel Thorwaldsen!‹«

Fünfundzwanzigster Abend.

»Ich will dir ein Bild aus Frankfurt geben!« sagte der Mond. »Ich betrachtete dort besonders ein Gebäude; es war nicht Goethes Geburtshaus, auch nicht das alte Rathaus, wo durch die vergitterten Fenster noch die gehörnten Schädel der Ochsen hervorragen, die bei der Kaiserkrönung gebraten und zum besten gegeben wurden; es war ein bürgerliches Haus, grün angemalt und armselig, an der Ecke der engen Judengasse, es war Rothschilds Haus. Ich sah durch die offene Tür hinein, das Treppenhaus war hell erleuchtet; da standen Diener mit brennenden Lichtern in massiven Silberleuchtern und verbeugten sich tief vor einer alten Frau, die in einem Tragstuhl die Treppe herab gebracht wurde. Der Besitzer des Hauses stand mit entblößtem Haupte da und drückte einen ehrerbietigen Kuß auf die Hand der Alten. Es war seine Mutter, sie nickte ihm und den Dienern freundlich zu und sie brachten sie in der engen, dunklen Gasse in ein kleines Haus; da wohnte sie, da hatte sie ihre Kinder geboren, von da war ihr Glück aufgeblüht; verließ sie die verachtete Gasse, das kleine Haus, so würde das Glück auch sie vielleicht verlassen; das war nun einmal ihr Glaube.« – Der Mond erzählte nicht mehr; allzu kurz besuchte er mich heute abend, aber ich dachte an die alte Frau in der engen, verachteten Gasse; nur ein Wort von ihr, und sie hatte ihr glänzendes Haus an der Themse; nur ein Wort von ihr, und ihre Villa lag an Neapels Golf. »Verließe ich das geringe Haus, wo meiner Söhne Glück entsprang, so verließe sie vielleicht das Glück!« Das ist ein Aberglaube, aber von der Art, daß, wenn man die Geschichte kennt und das Bild sieht, man nur, um es zu verstehen, die beiden Worte darunter zu setzen braucht: » Eine Mutter!«

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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