Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (14-16)

Dreizehnter Abend.

»Ich sah bei einem Redakteur zum Fenster hinein,« sagte der Mond, »es war irgendwo in Deutschland. Da gab es schöne Möbel, viele Bücher und ein Chaos von Zeitungen. Es waren mehrere junge Männer da; der Redakteur selbst stand am Pulte, zwei kleine Bücher, beide von jungen Schriftstellern, sollten besprochen werden. ›Das eine ist mir zugesandt,‹ sagte er, ›ich habe es noch nicht gelesen, aber es ist hübsch ausgestattet; was sagen Sie von dem Inhalte?‹ – ›O!‹ sagte einer, der selbst ein Dichter war, ›der ist sehr gut, etwas gedehnt, aber mein Gott, es ist ein junger Mann; die Verse könnten freilich etwas besser sein! Die Gedanken sind sehr gesund, es sind freilich sehr gewöhnliche Gedanken! aber was soll man sagen? Man findet nicht immer etwas Neues. Sie können ihn wohl loben! Ich glaube freilich nicht, das je etwas Großes aus ihm, als Dichter, wird. Aber er ist gelehrt, ist ein ausgezeichneter Orientalist, urteilt selbst sehr gesund. Er war’s, der die hübsche Kritik über meine Phantasien über das häusliche Leben geschrieben. Man muß mild gegen einen jungen Mann sein.‹ ›Aber das ist ja ein reiner Esel!‹ sagte ein andrer Herr im Zimmer. ›Nichts ist in der Poesie schlimmer, als Mittelmäßigkeit und höher hinauf geht das nicht!‹

›Armer Junge!‹ sagte ein Dritter, ›und seine Tante ist doch so glücklich über ihn. Das ist dieselbe, Herr Redakteur, die so viele Subskribenten auf Ihre letzte Übersetzung gesammelt hat – –‹

›Die gute Frau! Ja, ich habe das Buch ganz kurz kritisiert. Unverkennbares Talent! eine willkommene Gabe! Eine Blume im Garten der Poesie! gut ausgestattet usw. Aber das andre Buch! der Verfasser will wohl haben, ich soll es kaufen! Ich höre, es wird gerühmt! Genie hat er! Glauben Sie nicht?‹

›Ja, so heißt es allgemein,‹ sagte der Dichter, ›aber es fiel etwas wild aus! Die Interpunktion ist besonders genial!‹

›Er darf wohl etwas durchgehechelt, etwas geärgert werden, sonst bildet er sich zu viel von sich selbst ein.‹

›Aber das ist unbillig!‹ rief ein Vierter, ›wir wollen nicht auf so kleine Fehler hinaufsitzen, sondern uns des Guten freuen, und dessen ist hier viel! Er sticht sie doch allesamt aus!‹

›Gott bewahre uns! wenn er wirklich ein so echtes Genie ist, kann er wohl die scharfe Lauge aushalten! Es sind ihrer genug, die ihn ins Gesicht loben, wir wollen ihn nicht ganz verrückt machen!‹

›Unverkennbares Talent!‹ schrieb der Redakteur, ›die gewöhnlichen Nachlässigkeiten; daß er auch mißglückte Verse schreiben kann, sieht man auf Seite fünfundzwanzig, wo sich zwei Hiaten finden. Das Studium der Alten ist zu empfehlen usw.‹ – Ich ging fort,« sagte der Mond »und sah durch das Fenster in der Tante Haus; da saß der gefeierte Dichter, der Zahme, dem von allen eingeladenen Gästen gehuldigt wurde, und war glücklich.

Ich suchte den andern Dichter, den Wilden; er war ebenfalls in großer Gesellschaft bei einem Beschützer, wo man von des andern Dichters Buch sprach. ›Ich werde auch das Ihre lesen!‹ sagte der Mäcen, ›aber offen gesagt, Sie wissen, ich sage Ihnen immer, was ich meine, ich hege keine großen Erwartungen davon. Sie sind mir zu wild, zu phantastisch – aber ich anerkenne, als Mensch sind Sie sehr respektabel!‹ Ein junges Mädchen saß in einer Ecke und las in einem Buche:

Alltägliches hebt man zum Himmel –
In den Staub, wer geistesfrei!
Das ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie ewig neu!«

Vierzehnter Abend.

Der Mond erzählte: »An dem Waldwege liegen zwei Bauernhäuser; die Tür ist niedrig, die Fenster sitzen bald oben, bald unten, aber ringsum wachsen Weißdorn und Berberitzen; das Dach ist bemoost und mit gelben Blumen und Hauslaub bewachsen; es ist nur Grünkohl und Kartoffeln in dem kleinen Garten, aber an der Hecke wächst ein Fliederbaum und unter diesem saß ein kleines Mädchen; sie heftete ihre braunen Augen auf die alte Eiche, die zwischen den Häusern stand. Dieser Baum hat einen hohen, morschen Stamm, der oben abgesägt ist, und wo der Storch sein Nest gebaut hat; er stand just oben und klapperte mit dem Schnabel. Ein kleiner Knabe kam heraus; er stellte sich neben das Mädchen, es waren Bruder und Schwester. ›Wonach siehst du?‹ fragte er. – ›Ich sehe nach dem Storche,‹ sagte sie, ›die Nachbarsfrau hat mir vertraut, daß er uns heute abend ein kleines Brüderchen oder Schwesterchen bringt; nun will ich acht auf sie haben, wenn sie kommen!‹ – ›Der Storch bringt keines!‹ sagte der Knabe. ›Du kannst mir glauben; die Nachbarsfrau hat es mir auch erzählt, aber sie lachte, als sie es sagte, und da fragte ich sie, ob sie so wahr Gott lebt darauf sagen könne! Das konnte sie nicht und daher weiß ich, daß die Geschichte mit dem Storch nur etwas ist, was man uns Kindern weismacht.‹ – ›Aber woher sollte dann das kleine Kind kommen?‹ fragte das Mädchen. – ›Dies bringt unser Herrgott!‹ sagte der Knabe. ›Gott trägt es unter seinem Mantel, aber kein Mensch kann Gott sehen und deshalb können wir auch nicht sehen, wenn er es bringt!‹ Im selben Augenblick rauschte es in den Zweigen des Fliederbaums, die Kinder falteten ihre Hände und sahen einander an; es war gewiß Gott, der mit dem Kleinen kam. Und sie faßten einander bei der Hand; die Tür des Hauses ging auf; es war die Nachbarsfrau: ›Kommt jetzt herein,‹ sagte sie, ›seht, was der Storch gebracht hat, es ist ein kleines Brüderlein!‹ Und die Kinder nickten; sie wußten ja schon, daß es gekommen war.«

Fünfzehnter Abend.

»Ich glitt über die Lüneburger Heide hin,« sagte der Mond, »da lag eine einsame Hütte am Wege; einige entblätterte Büsche standen dicht dabei und in diesen sang eine Nachtigall, welche sich verirrt hatte. In der Nachtkälte mußte sie sterben; es war ihr Schwanengesang, den ich hörte. Die Morgenröte schimmerte; es kam eine Karawane des Weges gezogen, auswandernde Bauernfamilien, welche nach Bremen oder Hamburg wollten, um mit einem Schiffe nach Amerika zu gehen, wo ihnen das Glück, das geträumte Glück blühen sollte. Die Frauen trugen ihre kleinern Kinder auf dem Rücken, die größern hüpften an ihrer Seite; ein armseliges Pferd zog auf einem Karren einige Stücke Hausgerät. Der kalte Wind blies; das kleine Mädchen schmiegte sich fester an die Mutter, welche zu meiner runden, abnehmenden Scheibe aufblickte, und an die bittere Not dachte, die sie zu Hause gelitten und an die schweren Steuern, die sie nicht hatten bezahlen können. Daran dachte auch die ganze übrige Karawane; der rote Dämmerschein leuchtete darum wie das Evangelium von der Sonne des Glücks, die ihnen wieder aufgehen würde; sie hörten die sterbende Nachtigall singen; es war keine falsche Prophetin, sondern eine Verkünderin des Glücks. Der Wind pfiff, sie verstanden darum ihr Lied nicht: ›Segle ruhig über das Meer! die lange Überfahrt hast du ja bezahlt mit allem, was du besaßest; arm und hilflos wirst du dein Kanaan betreten. Du mußt dich selbst verkaufen, deine Frau und deine Kinder. Doch lange wirst du nicht leiden! Hinter den breiten, duftenden Blättern sitzt der Todesengel; sein Willkommsgruß haucht tödliches Fieber in dein Blut, fahre hin, fahre hin über die schwellenden Wasser!‹ Und die Karawane lauschte froh dem Gesang der Nachtigall, denn er bedeutete Glück. Der Tag leuchtete aus den leichten Wolken; das Bauernvolk ging über die Heide nach der Kirche; die schwarzgekleideten Frauen mit dem dicken, weißen Linnen um den Kopf erschienen wie aus den alten Bildern in der Kirche herabgestiegene Gestalten; ringsum war nur die große tote Umgebung, das dürre, braune Heidekraut, dunkle, versengte Rasen zwischen weißen Sandbänken. Die Frauen trugen ihre Gesangbücher und wanderten nach der Kirche. O betet, betet für die, die zum Grabe wandern, jenseit der schwellenden Wasser!«

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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