Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (7-9)

Sechster Abend.

»Ich bin in Upsala gewesen!« sagte der Mond. »Ich sah hinunter auf die große Ebene mit dem dürftigen Grase und den unfruchtbaren Feldern. Ich spiegelte mich im Fyris, während das Dampfschiff die Fische zwischen das Schilf hineintrieb. Unter mir eilten die Wolken hin und warfen lange Schatten über Odins, Thors und Freyrs Gräber, wie man jene Hügel nennt. In dem dünnen Rasen über den Hügeln sind die Namen eingeschnitten. Hier ist kein Bautastein, in welchen der Reisende seinen Namen meißeln, keine Felsenwand, auf die er ihn malen lassen könnte; deshalb hat der Besuchende hier den Rasen ausschneiden lassen. Die nackte Erde scheint in großen Buchstaben und Namen hervor; sie bilden ein ganzes Netz, ausgespannt über die große Höhe; eine Unsterblichkeit, die ein neuer Rasen deckt. Dort stand ein Mann, ein Sänger, er leerte das Methorn mit dem breiten Silberring und flüsterte einen Namen. Er bat die Winde, ihn nicht zu verraten, aber ich hörte den Namen, ich kannte ihn, eine Grafenkrone funkelte darüber und deshalb nannte er ihn nicht laut; ich lächelte, eine Dichterkrone funkelte über ihm. Eleonore von Estes Adel hängt an Tassos Namen. Ich weiß auch, wo die Rose der Schönheit blüht –!«

Dies sagte der Mond, da ging eine Wolke vorüber. – Mögen keine Wolken sich zwischen den Dichter und die Rose drängen!

Siebenter Abend.

»Dem Strande entlang dehnt sich ein Wald aus mit Buchen und Eichen, so frisch und duftend; im Frühjahr wird er von Hunderten von Nachtigallen besucht; dicht dabei ist das Meer, das ewig wechselnde Meer, und zwischen beiden läuft der breite Sandweg hin. Ein Wagen nach dem andern rollt vorbei, ich folge ihnen nicht, mein Auge ruht am liebsten auf einem Punkt: hier ist ein Hünengrab; Brombeerranken und Schlehendorn wachsen zwischen den Steinen hervor. Hier ist Poesie in der Natur. Wie glaubst du, daß die Menschen sie auffassen? Nun, ich will dir erzählen, was ich dort nur am letzten Abend und in der Nacht hörte. Zuerst kamen zwei reiche Landleute gefahren. ›Das sind herrliche Bäume!‹ sagte der eine. ›Da gibt gewiß jeder zehn Fuder Brennholz!‹ antwortete der andre; ›der Winter wird streng; letztes Jahr bekamen wir vierzehn Taler für die Klafter!‹ und so ging es fort. ›Hier ist der Weg mal schlecht!‹ sagte ein andrer Fahrender. ›Das sind die verwünschten Bäume,‹ antwortete der Nachbar, ›es kann kein rechter Luftzug hier durch, außer von der Seeseite!‹ und so fuhren sie vorüber. Auch der Postwagen kam vorbei; alles schlief an der hübschesten Stelle; der Kutscher blies das Posthorn; aber er dachte nichts weiter als: ›Ich blase gut und hier klingt es recht hübsch; ob es ihnen wohl gefällt?‹ Und damit war der Postwagen vorüber. Da kamen zwei junge Bursche zu Pferd einhergesprengt. Hier ist Jugend und Champagner im Blut, dachte ich; sie sahen auch mit einem Lächeln auf den Lippen nach dem moosbewachsenen Hügel und das dunkle Gesträuch. ›Hier möchte ich mit Müllers Christine spazieren gehen!‹ sagte der eine und fort waren sie. Die Blumen dufteten sehr stark, jedes Lüftchen schlummerte, als wäre das Meer ein Teil des Himmels, der über das tiefe Tal gespannt war. Ein Wagen fuhr vorbei, sechs Personen saßen drin, vier schliefen, der fünfte dachte an seinen neuen Sommerrock, der ihn gut kleiden müsse, der sechste beugte sich zum Wagen heraus und fragte, ob etwas Merkwürdiges an dem Steinhaufen sei. ›Nein!‹ sagte der Kutscher, ›das ist ein Steinhaufen, aber die Bäume sind merkwürdig!‹ – ›Erzähle mir!‹ – ›Ja, sie sind sehr merkwürdig! sehen Sie, wenn im Winter der Schnee hoch liegt und alles wie eine Fläche aussieht, so sind die Bäume mir ein Merkmal, an das ich mich halten kann, daß ich nicht ins Meer hineinfahre; sehen Sie, darum sind sie merkwürdig!‹ und damit fuhr er weiter. Nun kam ein Maler, seine Augen funkelten, er sagte nicht ein Wort, er pfiff, die Nachtigallen sangen, die eine lauter als die andre. ›Halts Maul!‹ rief er und notierte sich ganz genau alle Farben und Tinten: ›Blau, Lila, Dunkelbraun! das wird ein herrliches Gemälde werden!‹ Er faßte es auf, wie der Spiegel das Bild auffaßt, und dabei pfiff er einen Marsch von Rossini. Zuletzt kam ein armes Mädchen, sie ruhte sich an dem Hünengrabe aus und setzte ihre Bürde ab; das schöne bleiche Antlitz beugte sich lauschend nach dem Walde, ihre Augen funkelten, als sie zum Himmel auf und über das Meer hin schaute. Die Hände falteten sich, ich glaube, sie betete ihr Vaterunser. Sie begriff selbst das Gefühl nicht, das sie durchströmte, aber ich weiß, noch nach Jahren wird manches Mal dieser Augenblick und die Natur ringsum weit schöner, ja treuer in ihrer Erinnerung stehen, als der Maler sie mit bestimmten Farben zu Papier brachte. Meine Strahlen folgten ihr, bis die Morgenröte ihre Stirn küßte!«

Achter Abend.

Es waren schwere Wolken am Himmel, der Mond kam gar nicht zum Vorschein; ich stand doppelt einsam in meiner kleinen Kammer und sah hinaus in die Luft, wo er hätte erscheinen sollen. Meine Gedanken flogen weit umher, hinauf zu meinem großen Freund, der mir jeden Abend so hübsch Geschichten erzählte und mir Bilder zeigte. Ja, was hat er nicht erlebt! Er segelte über der Sündflut Wasser und lächelte zur Arche hinab, wie jetzt zu mir und brachte Trost von einer neuen Welt, die hervorblühen würde. Als Israels Volk weinend an Babylons Wassern stand, schaute er wehmütig durch die Weiden, wo die Harfen hingen. Als Romeo auf den Balkon stieg und der Liebe Kuß wie der Gedanke eines Cherubs gen Himmel stieg, stand der Mond halb verborgen zwischen den dunkeln Zypressen in der durchsichtigen Luft. Er sah den Helden auf St. Helena, wenn er von dem einsamen Felsen über das Weltmeer hinausschaute, während große Gedanken seine Brust bewegten. Ja, was kann der Mond nicht alles erzählen! Das Leben der Welt ist ein Märchen für ihn. Heute abend sehe ich dich nicht, alter Freund! kann kein Bild zur Erinnerung an deinen Besuch zeichnen! – Und wie ich so träumend hinauf zu den Wolken sah, wurde es hell; es war ein Strahl des Mondes, aber er erlosch wieder; dunkle Wolken zogen vorüber, aber es war doch ein Gruß, ein freundlicher Abendgruß, den mir der Mond sandte.

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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