Hans Christian Andersen | Bilderbuch ohne Bilder (3-6)

Zweiter Abend.

»Es war gestern,« erzählte mir der Mond, »da schaute ich hinab in einen kleinen Hof, der von Häusern umschlossen war; da lag eine Henne mit elf Küchlein; ein hübsches kleines Mädchen sprang um sie her. Die Henne gluckte und breitete erschrocken ihre Flügel über die kleinen Jungen aus. Da kam des Mädchens Vater, er schalt, und ich glitt weiter, ohne ferner daran zu denken. Heute abend jedoch, es ist nur wenige Minuten her, sah ich wieder in denselben Hof hinab. Da war es ganz stille, aber bald kam das kleine Mädchen, schlich sich leise hin zum Hühnerhaus, schob den Riegel zurück und schlüpfte zu der Henne und den Küchlein hinein; diese schrien laut und flatterten umher, die Kleine lief ihnen nach, ich sah es deutlich, denn ich schaute durch eine Lücke in der Mauer. Ich wurde ganz zornig auf das böse Mädchen und freute mich, als der Vater kam und noch heftiger als gestern schalt, und sie am Arme faßte. Sie beugte den Kopf zurück und große Tränen standen in den blauen Augen. ›Was machst du hier?‹ fragte er. Sie weinte. ›Ich wollte hinein,‹ sagte sie, ›um die Henne zu küssen und sie wegen gestern um Verzeihung zu bitten, ich wagte nicht, es dir zu sagen!‹ Und der Vater küßte die süße Unschuld auf die Stirne; und ich küßte sie auf Augen und Mund.«

Dritter Abend.

»In der engen Gasse hier dicht nebenan – sie ist so schmal, daß ich nur eine Minute meine Strahlen an des Hauses Mauern niedergleiten lassen kann, aber in dieser Minute sehe ich genug, um die Welt zu kennen, die sich hier bewegt – sah ich eine Frau. Vor sechzehn Jahren war sie ein Kind; draußen auf dem Lande in dem Pfarrhofgarten spielte sie; die Rosenhecken waren alt und ganz abgeblüht; sie wucherten draußen im Gange und schossen lange Zweige hinauf bis in die Apfelbäume; nur da und dort saß noch eine Rose, zwar nicht schön, wie es die Königin der Blumen doch sein kann, aber die Farben waren da, der Duft war da. Des Pfarrers kleine Tochter schien mir eine weit schönere Rose; sie saß auf ihrem Schemel unter der wildwachsenden Hecke und küßte die Puppe mit den eingedrückten Wangen von Pappe. Zehn Jahre später sah ich sie wieder; ich sah sie in dem prächtigen Ballsaal, sie war des reichen Kaufmanns schmucke Braut; ich freute mich über ihr Glück, ich suchte sie an stillen Abenden auf. Ach, niemand denkt an meine hellen Augen, meinen sichern Blick! Meine Rose trieb auch wilde Schößlinge, wie die Rose im Pfarrhofgarten! Das Alltagsleben hat auch seine Tragödie; heute sah ich den letzten Akt. In der engen Gasse, todkrank lag sie auf dem Bett, und der böse Hauswirt, ihr einziger Schutz, riß ihr roh und kalt den Teppich weg und sagte: ›Steh auf! deine Wangen verscheuchen die Leute, putze dich! Schaffe Geld oder ich werfe dich auf die Straße, rasch, steh auf!‹ – ›Der Tod wühlt in meiner Brust!‹ sagte sie, ›o laß mich ruhen!‹ Aber er riß sie heraus, malte ihre Wangen, flocht Rosen in ihr Haar, setzte sie ans Fenster, das brennende Licht dicht daneben und ging fort. Ich stierte sie an; sie saß unbeweglich, die Hand fiel ihr in den Schoß. Das Fenster schlug zurück, daß eine Scheibe zerbrach, aber sie saß still; die Gardine flatterte wie eine Flamme um sie, sie war tot. Von dem offenen Fenster predigte die Tote Moral – meine Rose vom Pfarrhofgarten!«

Vierter Abend.

»Ich war heute abend in der deutschen Komödie,« sagte der Mond, »es war in einer kleinen Stadt; ein Stallgebäude war in ein Theater umgewandelt worden; das heißt, die Stände waren geblieben, nur zu Logen herausgeputzt; alles Holzwerk war mit buntem Papier bezogen; unter der niedern Wölbung hing ein kleiner Eisenkronleuchter und damit dieser, wie in großen Theatern, hinaufgezogen werden konnte, wenn die Souffleurglocke ihr Klingeling ertönen ließ, war eine umgestülpte Tonne darüber eingemauert. ›Klingeling!‹ und der kleine Eisenkronleuchter machte einen Sprung von einer halben Elle; nun wußte man, daß die Komödie begann. Ein junger Fürst mit seiner Gemahlin, die durch die Stadt reisten, wohnten der Vorstellung bei, und deshalb war das Haus gepfropft voll, nur unter dem Kronleuchter war es wie ein kleiner Krater. Hier saß nicht eine Seele, denn die Lichter tropften ›tropp! tropp!‹ Ich sah alles, denn es war so warm drinnen, daß sie alle Luken in der Wand hatten öffnen müssen und durch alle Luken sahen Burschen und Mädchen von außen hinein, obgleich die Polizei drinnen saß und mit dem Stocke drohte. Dicht am Orchester sah man das junge Fürstenpaar in zwei alten Lehnstühlen; in diesen pflegten sonst der Bürgermeister und seine Frau Platz zu nehmen. Heute abend mußten sie aber auf den Holzbänken sitzen, wie die andern Bürgersleute. ›Da kann man sehen, daß ein Habicht den andern vertreibt!‹ lautete der Frauen stille Bemerkung und alles wurde dadurch noch festlicher: der Kronleuchter hüpfte, der Pöbel bekam auf die Finger geklopft und ich – ja der Mond war mit bei der ganzen Komödie.«

Fünfter Abend.

»Gestern,« sagte der Mond, »sah ich auf das bewegte Paris herab, meine Augen drangen in die Gemächer des Louvre. Ein altes Großmütterchen, armselig gekleidet – sie gehörte zur Volksklasse – folgte einem aus der niedern Dienerschaft in den großen, leeren Thronsaal; diesen wollte sie sehen, müsse sie sehen. Es hatte sie manches kleine Opfer, viel Beredsamkeit gekostet, ehe sie bis hierher gelangt war. Sie faltete die magern Hände und sah sich feierlich um, als wenn sie in einer Kirche stände. ›Hier war es!‹ sagte sie, ›hier!‹ und sie näherte sich dem Throne, von welchem der reiche, goldverbrämte Samt herabhing. ›Da,‹ sagte sie, ›da!‹ und sie beugte ihre Knie und küßte den Purpurteppich – ich glaube, sie weinte. ›Es war nicht dieser Samt!‹ sagte der Diener, und es spielte ein Lächeln um seinen Mund. ›Aber hier war es doch!‹ sagte die Frau, ›so sah es hier aus!‹ – ›So,‹ antwortete er, ›und doch nicht so; die Fenster waren eingeschlagen, die Türen herabgerissen und Blut auf dem Boden. Sie kann doch sagen: Mein Enkel ist auf dem Throne Frankreichs gestorben!‹ – ›Gestorben!‹ wiederholte die alte Frau; ich glaube nicht, daß noch ein Wort gesprochen wurde; sie verließen auch bald den Saal, die Abenddämmerung brach herein und mein Licht bestrahlte doppelt hell den reichen Samt auf Frankreichs Thron. Wer glaubst du, daß die alte Frau war –? Ich will dir eine Geschichte erzählen. Es war in der Julirevolution, gegen Abend, an jenem glänzendsten Tage des Sieges, als jedes Haus eine Festung, jedes Fenster eine Schanze war; das Volk stürmte die Tuilerien. Frauen und Kinder sogar waren mitten unter den Kämpfenden; sie drangen in die Gemächer und Säle des Schlosses. Ein armer, kleiner Knabe in Lumpen kämpfte mutig zwischen den ältern Kriegern; tödlich verwundet von mehreren Bajonettstichen sank er zu Boden, es war im Thronsaale und man legte den Blutenden auf Frankreichs Thron und wickelte den Samt um seine Wunden; das Blut strömte über den königlichen Purpur. Welch ein Bild! Der prächtige Saal, die kämpfenden Gruppen! Eine zerbrochene Fahne lag auf dem Boden, die dreifarbige Flagge wehte auf den Bajonetten, und auf dem Thron der arme Knabe mit dem blassen, verklärten Gesicht, die Augen zum Himmel gerichtet, während die andern Glieder im Todeskampfe zuckten; seine nackte Brust, seine armselige Kleidung, und halb sie bedeckend die Draperie des reichen Samt mit den Silberlilien. An des Knaben Wiege war prophezeit worden: ›Er wird auf Frankreichs Thron sterben!‹ Das Mutterherz hatte von einem neuen Napoleon geträumt. Meine Strahlen haben den Immortellenkranz auf seinem Grabe geküßt, meine Strahlen haben in der Nacht die Stirn des alten Großmütterchens geküßt, als es träumte, und das Bild sah, das du hier zeichnen kannst: ›Der arme Knabe auf Frankreichs Thron!‹ «

Hans Christian Andersen (1805-1875)

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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