Zur Blauen Stunde | Der Sänger

Was hör ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Laß den Gesang vor unserm Ohr
Im Saale widerhallen!
Der König sprachs, der Page lief;
Der Knabe kam, der König rief:
Laßt mir herein den Alten!

Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel, Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergetzen.

Der Sänger drückt‘ die Augen ein
Und schlug in vollen Tönen;
Die Ritter schauten mutig drein,
Und in den Schoß die Schönen.
Der König, dem das Lied gefiel,
Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.

Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern;
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.

Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet;
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt ich eins:
Laß mir den besten Becher Weins
In purem Golde reichen.

Er setzt‘ ihn an, er trank ihn aus:
O Trank voll süßer Labe!
O wohl dem hochbeglückten Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergehts euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke.

Kritik des Herzens (6)

Die Rose sprach zum Mägdelein:
»Ich muß dir ewig dankbar sein,
Daß du mich an den Busen drückst
Und mich mit deiner Huld beglückst.«Das Mägdlein sprach: »O Röslein mein,
Bild dir nur nicht zuviel drauf ein,
Daß du mir Aug‘ und Herz entzückst.
Ich liebe dich, weil du mich schmückst!«

Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die Rose von Seeland

Die Rose von Seeland

Die Wogen des baltischen MeeresDie Ostsee.stürmten an SeelandsHauptinsel Dänemarks.grünenden Ufern vorüber.

Wenn um die frühe Morgenstunde der erste Sonnenstrahl auf den bewegten Wellen zittert, dann blitzt es auf wie Perlen und Diamanten, eine leuchtende Purpurröte bedeckt die wallende Fläche; die hüpfenden Wellen scheinen einen Blätterkranz zu bilden, aus dessen Mitte seltsame Zauberblumen hervorsprießen.

Der Fischer steht mit übereinandergeschlagenen Armen an der Küste; er beschaut sinnend das herrliche Naturspiel und murmelt vor sich hin: »Das ist die Rose von Seeland.«

Die Rose von Seeland war ein junges Mägdlein, die Tochter eines Fischers. Sie ist schon längst verstorben, aber noch immer lebt ihr Andenken im Munde des Volkes. Der Küstenbewohner jener stolzen Insel ist nicht unempfindlich für die Reize der Jugend und Schönheit; er preist, er bewundert sie, wenn er ihnen begegnet; aber im stillen setzt er hinzu: »Es ist doch nicht die Rose von Seeland!«

Rose war noch nicht ganz sechzehn Jahre alt; leicht und zierlich gebaut wie eine Nymphe, in ihrem Kopf zwei blaue Augen, feuchtschimmernd wie zwei hellglänzende Seesterne, eine vollkommene Tochter des Meeres. Des Vaters Auge ruhte voll unaussprechlicher Wonne auf ihr, die Blicke der Liebhaber folgten ihr mit Entzücken. Wer einmal einen recht frohen Tag haben wollte, der klopfte an ihre Hütte und sagte: »Schöne Rose, lächle mir zu!« Das tat sie und kein Mißgeschick rief im Lauf des Tages eine Wolke auf seine Stirn. Wer eine große Herzensqual erduldete, der trat ihr in den Weg und sprach: »Schöne Rose, sieh mich an!« – dann richtete sie einen Blick des unnennbaren Mitleids auf den Unglücklichen, und alsbald versiegten seine Tränen.

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Erinnerungen an Erich Kurt Mühsam

Als ich dich fragte …

Als ich dich fragte: Darf ich Sie beschützen?
Da sagtest du: Mein Herr, Sie sind trivial.
Als ich dich fragte: Kann ich ihnen nützen?
Da sagtest du: Vielleicht ein andres Mal.
Als ich dich bat: Ein Kuß, mein Kind, zum Lohne!
Da sagtest du: Mein Gott, was ist ein Kuß?
Als ich befahl: Komm mit mir, wo ich wohne! –
Da sagtest du: Na, endlich ein Entschluß!

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (141)

141. Doktor Faust und sein Teufel Jost

Johann Faust, wie man ihn sich um 1726 vorstellte. Tatsächlich ist über sein Aussehen nichts bekannt.

Auch das Niederland hat seine eigne Sage vom weitberufenen Doktor Faust. Selbiger war gar ein gelahrter Mann und hatte seinen Wohnsitz auf dem Schlosse Waerdenberg bei Bommel. Alldort laborierte und alchimisierte er, suchte den Stein der Weisen und konnte ihn nicht finden. Da dachte der Teufel, mit dem Doktor sei wohl ein Fang zu tun, trat daher zu ihm und sprach:

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