Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Buchbinder Wanninger

Dialoge

Buchbinder Wanninger

Der Buchbindermeister Wanninger hat auf Bestellung der Baufirma Meisel & Co. 12 Bücher frisch eingebunden, und bevor er dieselben liefert, frägt er telefonisch an, wohin er die Bücher bringen soll und ob und wann er die Rechnung einkassieren darf. Er geht in seiner Werkstätte ans Telefon und wählt eine Nummer, wobei man das Geräusch der Wählerscheibe hört.

Portier: Hier Baufirma Meisel & Compagnie!

Buchbindermeister: Ja hier, hier ist der Buchbinder Wanninger. Ich möcht nur der Firma Meisel mitteilen, daß ich jetzt die Bücher, wo’s bstellt ham, fertig habe und ob ich die Bücher hinschicken soll und ob ich die Rechnung auch mitschicken darf!

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Der Mai ist gekommen …

Der Mai ist gekommen …

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus;
Wie die Wolken wandern am himmlischen Zelt,
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, dass Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht!
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl
Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all,
Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein da kehr’ ich durstig ein:
„Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
Ergreife die Fiedel, du lust’ger Spielmann du,
Von meinem Schatz das Liedel sing’ ich dazu.“

Und find’ ich keine Herberg’, so lieg’ ich zu Nacht
Wohl unter blauem Himmel, die Sterne halten Wacht:
Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
Es küsset in der Früh’ das Morgenrot mich wach.

O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
Da wehet Gottes Odem so frisch in die Brust;
Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!

Heinrich Smidt | Seemanns-Sagen und Schiffer-Märchen | Die frommen Schläfer

Die frommen Schläfer

Paul war ein munterer Bursche und von Jugend auf mit dem Meer vertraut. Wenn es glatt wie ein Spiegel vor ihm lag, schaute er träumend darüber; wenn der Sturm die aufgeregten Wellen peitschte, steuerte er mutig in den Schwall hinein. Von einer langen Reihe von Seefahrern abstammend, hatte er selbst die Matrosenjacke angezogen und war an Bord eines Schiffes gegangen, das nach Indien bestimmt war.

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Kritik des Herzens (4)

Ich kam in diese Welt herein,
Mich baß zu amüsieren,
Ich wollte gern was Rechtes sein
Und mußte mich immer genieren.
Oft war ich hoffnungsvoll und froh,
Und später kam es doch nicht so.Nun lauf ich manchen Donnerstag
Hienieden schon herummer,
Wie ich mich drehn und wenden mag,
’s ist immer der alte Kummer.
Bald klopft vor Schmerz und bald vor Lust
Das rote Ding in meiner Brust.

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (139)

139. Gangolfs Brunnen

Büste des Heiligen Gangolf mit Lanze und Falke in der Gangolfskapelle auf der Milseburg

Im Lande Languedoc war ein Graf, Gangolf mit Namen, der zog gegen die Sarazenen und Vandalen und kam in Welschland auf ein Blachfeld, wo ein klarer Brunnen sprang. Dort ließ er sich nieder, und ließ Gezelte schlagen, und trank mit all seinen Wappnern aus dem Brunnen, und ließ auch die Tiere tränken. Da kam des Feldes Eigentümer daher und schalt und sagte, das sei nicht des Landes Gewohnheit und Sitte, den Leuten das Gras zu vertreten, und sich ungefragt niederzulassen, und Menschen und Vieh aus fremden Brunnen zu tränken. Darauf sprach Gangolf sanftmütig und freundlich also: Es tut mir leid, mein guter Herr, daß es geschehen, doch zürnet nicht allzusehr, wenn es Euch genehm, so kaufe ich Euch den Brunnen ab. – Das, meinte jener Mann, sei ein Wort, das sich hören ließe, und lachte in seinem Herzen als ein Schalk, indem er meinte, den Brunnen möge der Fremde immerhin kaufen, wenn nur der Platz sein bliebe, auf dem er quelle. Und heischte des Geldes nicht allzuviel, und Gangolf zahlte es und hob sich hinweg mit den Seinen, nachdem er seinen Stab in den Quell eine Weile gestellt hatte.

Da nun Gangolf wieder in seine Heimat nach der Grafschaft Burgund kam, stieß er seinen Stab in seinem Hof in den eignen Grund und Boden, da sprang alsbald ein heller, wasserreicher Quell, und jener Brunnen, den Gangolf im welschen Lande gekauft, versiegte auf immerdar.

Diese burgundische Sage würde nicht unter den deutschen Sagen dieses Buches stehen, wenn sich nicht von ihr ein auffallender Widerhall, sogar bis auf den Namen, im östlichen Frankenlande fände. Am Felsenberge Milseburg im Rhöngebirge springt der von allem Volke wertgehaltene Gangolfsbrunnen. Da war ein Heiliger, Gangolf geheißen, der liebte diesen Berggipfel wegen seiner Einsamkeit und kam hinab nach Fulda, die uralte Bischofstadt, und fand bei einem Bürger einen klaren Brunnen, kaufte den dem Bürger ab, und derselbe meinte wunders, wie er den frommen Mann überlistet; denn, dachte er, der Brunnen mag immerhin sein eigen sein, mein bleibt doch der Platz, wo er quillt. Aber St. Gangolf ließ sich einen kleinen hölzernen Brunnenkasten machen, füllte den mit Wasser aus dem Brunnen, trug ihn eigenhändig auf die Milseburg, stellte dort den Kasten hin und durchstieß mit seinem Stabe den Boden. Siehe, da quoll das Wasser fort und fort von unten herauf in den Kasten, daß dieser überfloß, der Brunnen des Bürgers drunten in Fulda aber versiegte. Der Gangolfsbrunnen aber quillt noch unversiegbar fort bis auf den heutigen Tag, sein Wasser, wohl verstopft, soll sich jahrelang frisch erhalten, auch die sondere Tugend haben, für Frauen ein Kindleinsbrunnen werden zu können.

Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Am vierten Sonntage nach Heilige Drei Könige

Evang.: Von den Arbeitern im Weinberge

      Ich kann nicht sagen:
      »Keiner hat mich gedingt.«
      Wem soll ich klagen,
      Wenn es mich niederzwingt
In meine schmählich selbstgeflochtnen Bande!
Vor Millionen hast du mich erwählt,
Mir unermeßnes Handgeld zugezählt
In deiner Taufe heil’gem Unterpfande.      Ich kann nicht sagen:
      »Siehe, des Tages Last
      Hab‘ ich getragen!«
      Wenn nun, zu Duft erblaßt,
Mich meine matte Sonne will verlassen;
Mein Garten liegt ein übergrüntes Moor,
Und blendend steigt das Irrlicht draus empor,
Den Wandrer leitend in den Tod, den nassen.      Ich kann nicht sagen:
      »Siehe, wer stand mir bei?
      Ich mußte zagen;
      Um mich die Wüstenei
Und das Getier, so nimmer dich erkennet.«
O Gott, du hast zur Arbeit mir gesellt
Viel liebe Seelen, rings um mich gestellt,
Worin dein Name unauslöschlich brennet!      Ich kann nicht sagen:
      »Sieh‘ deine Stimme sprach,
      Ich mußte wagen,
      Und meine Kraft zerbrach;
Was hast du meine Nahrung mir entzogen?«
Mein Gott, und liegt wohl tief es in der Brust,
Doch bin ich großer Kräfte mir bewußt,
Und in der Angst hab‘ ich mir selbst gelogen!      Ich muß verschwinden
      Bis in die tiefste Kluft,
      Zergehn in Winden
      Wie einer Wolke Duft,
Wenn dein Gericht vor meinem Geist wird stehen;
Du hast mich über Vieles eingesetzt,
Und ganz verarmt erschein ich und zerfetzt,
Die Güter dein ließ ich zu Kot vergehen.      Nichts kann ich sagen,
      Denn meine Hand ist leer.
      Soll ich es wagen,
      Gegen die Waagschal‘ schwer
Zu legen meiner Reue späte Triebe?
Und ist es nur wie des Ersatzes Spott,
Nichts hab‘ ich sonst, doch du, o milder Gott,
Du hast ein großes, großes Wort der Liebe!