Höcke, Künast, Meinungsfreiheit: Simone Solga rastet aus! | SWR Spätschicht

Simone Solga beweist: Tief in einer scharfzüngigen Kabarettistin kann auch eine zarte Seele schlummern – oder? In einer Zeit, in der persönliche Beleidigungen gegen Renate Künast gerichtlich als legitime Kritik eingestuft werden, setzt Solga sich jetzt für mehr Freundlichkeit ein – ob auf der Bühne oder im heimischen Treppenhaus.

Kurt Tucholsky | Die Wanzen

Die Wanzen

Die Wanzen saßen oben an der Tapetenborte und ärgerten sich, daß es Tag war, ein strahlender, heller Tag. Der konnte noch lange dauern, und so berieten sie inzwischen, bis die liebe, dunkle, graue Nacht herankam, was sie nachts zu tun gedachten. Ab und zu kroch eine an den Rand der Borte, hinter der sie saßen, und sah auf das weiße Bett herunter, das da unten stand. Sie wußten, daß ein dickes, also liebes Mädchen in diesem Bette nächtigte. Von ihr sprachen sie jetzt.

»Ich«, sagte die älteste Wanze, »krieche ihr auf dem Kopf herum und sauge ihr das Blut aus den Schläfen. Hinter den Schläfen sitzt der Verstand, und ich bin eine gebildete Wanze. Ich glaube, ich werde mit jedem Tage klüger. Das machen die klugen Gedanken der Menschin da unten. Ich bin eine politische Wanze.«

»Ich«, sagte die zweite Wanze, »halte mich mehr an die fleischigen Partien. Das macht mich fett, ich bin die fetteste von euch allen. Handel und Wandel müssen sein – ich sauge ihr das Blut aus den Adern, sie hat ja genug. Ich bin eine ökonomische Wanze.«

»Ich«, sagte die dritte Wanze, »laufe hierhin und dorthin, wenn ich da unten bin. Ich brauche nicht viel zum Fressen, ich fühle mich wohl, wenn ich da herumkriechen kann, und ich sehe alles und kümmere mich um alles. Ihr schlagt euch die Leiber dick, ich aber bin über alles orientiert, was an diesem Mädchen vor sich geht. Ich bin eine lokale Wanze.«

»Ich«, sagte die vierte Wanze, »fresse überhaupt nichts. Ich genieße nur den Anblick der gelösten Mädchenglieder, wie sie so im Schlaf daliegen und herrlich für meine Künstleraugen anzuschauen sind. Ich bin eine ästhetische Wanze.«

»Und wohin kriechst du?« wurde die letzte der Wanzen gefragt. »Ich …« sagte die kleine Wanze … »Pfui!« machten die andern Wanzen.

Und so saßen sie und unterhielten sich und rührten die Fühler und bewegten die platten Leiber. Und da sprach die älteste unter ihnen:

»Kinder!« sagte sie, »der Tag ist noch so lang, und wir haben nichts zu tun, aber wir haben jede unser Programm. Gründen wir doch eine Zeitung!«

Und also geschah es, und wenn Wanzen so vom Schriftsteller mißbraucht werden, nennt man das eine Allegorie.

1919

Carl Karlweis | Wiener Kinder 5. Kapitel

Fünftes Kapitel.

Eine Verlobung.

Am nächsten Morgen, da Herr Riedl eben seine Schlafkammer verlassen will, tritt ihm Frau Stölzl in der Küche entgegen. Die resolute Witwe spricht anfänglich kein Wort, sie stemmt nur die Arme in die Hüften und sieht ihren jungen Mieter durchdringend an. Dieser vermag ihren Blick nicht zu ertragen. Verlegen senkt er den Kopf, fährt sich mit den langen Fingern durch die krausen Haare und stottert endlich ein verschüchtertes »Guten Morgen, Frau Stölzl!«

Die Witwe mißt ihn immer drohender vom Kopf bis zu den Füßen.

»Na?« beginnt sie endlich mit unheimlicher Ruhe. »Ist das alles? Haben Sie mir sonst nichts zu sagen?«

»O, Frau Stölzl, – ich weiß wohl, daß heute der Erste ist!« Herr Riedl macht hier eine verzweifelte Anstrengung, seiner gestrengen Hauswirtin ins Gesicht zu sehen. Aber es geht nicht; etwas Raubtierähnliches liegt in dem Blicke dieses Weibes, das jetzt einen vernichtend ironischen Ton anschlägt.

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (117)

117. Die Pferde aus dem Bodenloch

Die Richmodislegende (Zeichnung von Johann Bussemacher; 1604)

Zu Köln nahe dem Eingange der Kirche zu den heiligen zwölf Aposteln war ein Gemälde zu schauen, das stellte eine gar absonderliche Geschichte dar. Es war ein Bürgermeister daselbst, hieß Richmuth von Andocht, dem starb sein Eheweib und ward begraben, und da man am Grabe den Sarg nochmals öffnete, wie es sonst üblich war, und über der Leiche betete, so sahe der Totengräber, daß die Frau einen großen goldnen Ring am Finger hatte, mit Edelsteinen wohl geziert. Da wurde in dem Totengräber die Gier lebendig, zur Nacht das Grab wieder zu öffnen und der Leiche den Ring zu stehlen. Aber wie er das tat, drückte die Leiche ihm die Hand zusammen, denn sie war nicht tot, sondern lebend begraben, und wollte sich aus dem Sarge helfen. Eilend entfloh voller Schreck der Totengräber, die Begrabene aber wickelte sich aus den Grabtüchern los, trat aus dem Grabe und ging auf ihr Haus zu, klopfte und befahl dem Diener, zu öffnen, sie sei es. Der Diener vermeinte ein Gespenst zu sehen und zu hören und lief eilend zu seinem Herrn, ihm die Begebenheit zu melden, und stammelte: Ach Herr! Unsere Frau – drunten vorm Hause steht sie leibhaftig und will, daß ich ihr auftue. – Du bist ein Narr, antwortete der Bürgermeister, Herr Richmuth von Andocht. Ebenso wahr könntest du sagen, meine Schimmel stünden droben auf dem Heuboden. – Kaum hatte er das Wort ausgeredet, so erhob sich von unten nach oben ein grausamer Tumult, und als der Diener nachsah, so standen schon die sechs Kutschenpferde oben, ohne die andern, die noch nachkamen. Der Bürgermeister war ganz starr vor Schreck und glaubte nun, und die Frau ward eingelassen und ihrer mit warmen Tüchern und Arzeneien wohl gepflegt, daß sie sich wieder erholte. Am andern Tage schauten zu jedermanns Verwunderung die Pferde aus den Bodenlöchern heraus, und man mußte große Gerüste und Maschinen anwenden, um sie nur wieder herunter in den Stall zu bringen. Darauf wurden einige Pferde ausgestopft, die mußten zum Andenken auch fürder oben herausschauen. Und die Frau lebte noch sieben Jahre lang und spann und webte einen schönen großen Vorhang von weißem Linnen, den sie in die Apostelkirche verehrte.

Solche Sage ist an mehr als einem Orte gangbar, unter andern auch in der vormaligen alten Reichsstadt Schweinfurt, wo die Frau des Syndikus Albert Angetraute war, die als Wöchnerin beerdigt worden, und die der Totengräber durch seine Raubsucht erweckte, doch lebte sie samt ihrem Kindlein nicht lange, und ihr Grabmal wird noch auf dem Schweinfurter Gottesacker gezeigt.

Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Am ersten Sonntage nach Ostern

Evang.: Jesus geht durch verschlossene Türen
und spricht: »Der Friede sei mit Euch!«

Und hast du deinen Frieden denn gegeben
An Alle, die dich sehnen um dein Heil,
So will ich meine Stimme auch erheben:
Hier bin ich, Vater, gib mir auch mein Teil!
Warum sollt‘ ich, ein ausgeschloßnes Kind,
Allein verschmachtend um mein Erbe weinen?
Warum nicht sollte deine Sonne scheinen,
Wo doch im Boden gute Keime sind?Oft mein‘ ich zwar, zum Beten sei genommen
Mir alles Recht, da es so trüb und lau;
Mir könne nur geduldig Harren frommen
Und starrer Aufblick zu des Himmels Blau:
Doch Herr, der du dem Zöllner dich gesellt,
O laß nicht zu, daß ich in Nacht verschwimme;
Dem irren Lamme ruft ja deine Stimme,
Und um den Sünder kamst du in die Welt.Wohl weiß ich, wie es steht in meiner Seelen,
Wie glaubensarm, wie trotzig und verwirrt,
Wohl weiß ich, daß sich manches mochte hehlen;
Ich fühle, wie es durch die Nerven schwirrt,
Und kraftlos folg‘ ich seiner trüben Spur.
Mein Helfer, was ich nimmer mag ergründen,
Du kennst es wohl, du weißt es wohl zu finden,
Du bist der Arzt, ich bin der Kranke nur.Und hast du tief geschaut in meine Sünden,
Wie nicht ein Menschenauge schauen kann;
Hast du gesehn, wie in den tiefsten Gründen
Noch schlummert mancher wüste, dunkle Wahn:
Doch weiß ich auch, daß keine Trän‘ entschleicht,
Die Deine treue Hand nicht hat gewogen,
Und daß kein Seufzer dieser Brust entflogen,
Der dein barmherzig Ohr nicht hat erreicht.Du, der verschloßne Türen kann durchdringen,
Sieh, meine Brust ist ein verschloßnes Tor.
Zu matt bin ich, die Riegel zu bezwingen;
Doch siehst du, wie ich angstvoll steh‘ davor.
Brich ein, brich ein! O komm mit deiner Macht,
Laß Liebe gelten, da gering der Glaube,
O laß mich schauen deine Friedenstaube,
Laß fallen deinen Strahl in meine Nacht!Nicht weich‘ ich, eh‘ ich einen Schein gesehen,
Und wär‘ er schwach wie Wurmes Flimmer auch;
Und nicht von dieser Schwelle will ich gehen,
Bis ich vernommen deiner Stimme Hauch.
So sprich, mein Vater, sprich denn auch zu mir
Mit jener Stimme, die Maria nannte,
Als sie verkennend, weinend ab sich wandte,
O sprich: »Mein Kind, der Friede sei mit dir!«