Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

»G’wiß! . . . Ganz g’wiß!« murmelt der Polier, dem es immer schwüler wird. Sein Gesicht färbt sich allmählich dunkel und von Zeit zu Zeit schnappt er nach Luft wie ein Fisch auf dem Sande. Sie sind eben vor dem Wirtshause im Hofe angelangt, in welchem sie seit einer Woche allnächtlich trinken. Kumpf bleibt stehen, reicht dem Alten die Hand und sagt gleichmütig:

»Also, viel Glück auf’n Weg! Mir ist derweil der Hals ganz trocken worden, ich muß’n ein bißl anfeuchten.«

Damit steigt er die wenigen Stufen empor, die zur rot verhängten Thüre führen, und legt die Hand auf den Drücker. Vater Schober steht unschlüssig vor ihm. Eine kleine ›Anfeuchtung‹ scheint auch ihm dringend nötig, und er würde gewiß einen Augenblick in die Schänke treten, wenn er sich nicht vor Kumpf schämte. Er hat dem Schlosser zeigen wollen, daß er sich nicht mehr von ihm beeinflussen lasse, er hat recht groß dastehen wollen vor ihm, und deshalb durstet er lieber und entschließt sich geradewegs auf sein Ziel los zu gehen, obgleich es ihm jetzt gar nicht mehr so verlockend und leicht erreichbar scheint wie droben in der Stube, oder auf dem Gange inmitten der Weiber, welche seinen Entschluß allein schon als etwas Großes und Wunderbares anstaunten.

Er unterdrückt also einen schweren Seufzer, zieht den Hut tief in die Stirne, um die verlockende Wirtshausthüre gar nicht zu sehen, und wendet sich zum Gehen. Kumpf lehnt mit dem Rücken an die Thüre des Wirtshauses.

»Was ist?« ruft er dem Alten nach. »Weißt schon, wie Du den Baumeister anreden willst? Das ist das schwerste von der ganzen Sach‘.«

Dem Polier leuchtet die Wichtigkeit dieser Frage sofort ein. Gewiß, die ersten Worte wollen sorgsam überlegt sein, denn von ihnen hängt alles ab. Wenn er sich den ersten Satz somit vorher ordentlich zurechtlegen will, so kann ihm das niemand übel nehmen. Ohne Anfeuchtung geht das aber nicht, . . . und am Ende, wem hat er denn Rechenschaft abzulegen von seinem Thun und Lassen? Kann er sich nicht eine kleine Herzstärkung kaufen, wo und wann er will?!

Noch einmal winkt der Schlosser, der schon die Thüre geöffnet hat und halb in der Kneipe steht. Der Polier guckt in den dunklen, nur schwach beleuchteten Raum. Von dem Schanktische winken die langhalsigen Flaschen, die blanken Gläser. Hm, ein einziger Schluck, was ist’s denn auch weiter? Er will gar nicht niedersitzen, will nur ein kleines Glas leeren und dann umgehend Kehrt machen, um seinen Weg fortzusetzen. – – Eigentlich sollte er es freilich nicht! Er hat sich’s bei allen Heiligen zugeschworen.

Nein, – nein, er geht nicht, – – ganz gewiß nicht! Damit steht er aber schon an dem Schanktische.

Wie ist er nur die Stufen heraufgekommen? Er weiß es nicht. Die Thüre fällt hinter ihm zu und er setzt das volle Glas an die Lippen.


Die hoffnungsvolle Stimmung, in welcher Marie ihren Platz am Arbeitstische in der Kammer wieder eingenommen hat, hält nicht lange stand. Da der Vater nach einer Stunde nicht heimkommt, wird die Tochter unruhig. Was kann ihm begegnet sein? Vergebens sucht sie ihre bösen Ahnungen durch allerlei harmlose Erklärungen seines langen Ausbleibens zu verscheuchen.

»Er hat den Baumeister nicht angetroffen und erwartet ihn!« . . . oder: »Er ist mit Herrn Wiesinger zur Genossenschaft gegangen, um die Prozeßgeschichte endlich einmal auszutragen!« Sie glaubt selbst nicht an diese Erklärungen, erfindet aber doch immer wieder neue. So sitzt sie beim Scheine ihrer kleinen Öllampe über die Arbeit gebeugt, und während die Finger emsig die Nadel führen, irren die Gedanken angstvoll dem Vater folgend durch die Straßen und Gassen der Stadt, aus welchen ein dumpfes Rasseln und Brausen wie ferne Brandung zu ihr herauf dringt.

So oft es vom Turme der nahen Paulanerkirche eine weitere Viertelstunde schlägt, horcht sie mit angehaltenem Atem, als müsse mit dem letzten Glockenschlage der Vater eintreten. Aber er kommt nicht, er kommt noch immer nicht! Sie hat niemand, zu dem sie ihre Angst aussprechen, dem sie ihre bangen Sorgen mitteilen kann. Das fällt ihr heute doppelt schwer auf die Seele.

Ihre Hand zittert, die blauen Linien des Vordruckes laufen plötzlich schier unentwirrbar ineinander; aber Marie drückt die Zähne in die eingezogene Unterlippe und fährt sich entschlossen über die Augen. Sie will arbeiten, so kann sie es auch, und eine Weile unterbricht die tiefe Stille in der Kammer nichts als das Ächzen und Krachen der straff gespannten Leinwand im Stickrahmen, wenn die Nadel taktmäßig wiederkehrend durchsticht.

. . . Neun Uhr. Die Glockenschläge verhallen langsam und Marie horcht wieder mit ängstlicher Sorge und Spannung. Vergebens! Da giebt es plötzlich eine Bewegung auf dem Gange. Marie vernimmt ein verworrenes Summen und Scharren, hört endlich deutlich schwere Männerschritte und gleich darauf einen Schrei, – sie springt auf und eilt hinaus.

Über die Enttäuschung! Der Vater ist nicht da; aber ein Fremder hat Frau Stölzls vermißtes Söhnlein, den zehnjährigen Pepi, heimgebracht und erzählt nun, umgeben von sämtlichen Frauen des Korridors, wie er den würdigen Sprößling weiland Herrn Christian Stölzls mit einer Schar Gleichgesinnter in einer Prater-Au fand, betäubt und entkräftet von den Folgen eines mißglückten ersten Rauchversuches.

Pepi sieht auch in der That sehr niedergeschlagen aus. Er weist die Zärtlichkeiten der geängstigten Mutter mit einem letzten Aufflackern seiner jugendlichen Kräfte zurück und fordert nur stammelnd einen Trunk klaren Wassers. Nachdem ihm dieser gereicht wird, fühlt er sich besser und die besorgte Witwe kann daran denken, dem würdigen, überaus ernst blickenden Manne, der ihr den einzigen Sohn wiedergebracht hat, gebührend zu danken. Aber ehe sie noch das Wort zu ergreifen vermag, hat sich Frau Schober bereits an den Fremden gedrängt und ihn mit einem tiefen Knixe sowie mit einem halb erstaunten, halb prahlerisch vertraulichen: »Oh – guten Abend, Herr Rat!« begrüßt.

Der Fremde scheint von dieser unerwarteten Lüftung seines Inkognitos keineswegs erbaut. Er zieht die spitzen Vatermörder, zwischen welchen sein glattrasiertes Kinn eingezwängt ist, mit einer ablehnenden Geberde in die Höhe und fährt wiederholt mit dem straff gezogenen Ärmel über den hohen, schmalkrämpigen Hut, den er in der Hand hält und nun zu einem kurzen, nicht allzu freundlichen Gruße schwenkt. Damit will er rasch den Korridor verlassen. Allein Frau Schober ist keineswegs gewillt, ihn so leichten Kaufes entkommen zu lassen. Nachdem es mit dem jungen Grafen, von welchem sie seit einer Woche so viel und eingehend gesprochen hat, eine etwas bedenkliche Wendung genommen hat, kann sie nun endlich den Nachbarinnen zeigen, daß sie denn doch wirklich vornehme Bekanntschaften hat, und so stellt sie sich dem langen Rate ganz entschieden in den Weg und versucht ihm alle Einzelnheiten des gemeinsam bei den Volkssängern zugebrachten »gar so viel lustigen« Abendes ins Gedächtnis zu rufen. Sie weiß mit erstaunlicher Fertigkeit die Anrede »Herr Rat« in jedem Satze wiederholt anzubringen und blickt dabei jedesmal triumphierend auf die bewundernd schweigenden Nachbarinnen. Der lange Rat, welcher bei jeder neuerlichen Erwähnung seines Titels, wie von einer schmerzlichen Berührung getroffen, zusammenzuckt, sucht ganz vergeblich längs der Wand zu entwischen; Frau Schober kommt mit liebenswürdiger Geschäftigkeit jeder verdächtigen Bewegung seinerseits zuvor, und da sie endlich erschöpft innehalten muß, benützt Frau Stölzl diese unfreiwillige Pause, um den Gefühlen ihres dankerfüllten Mutterherzens in einer längeren Rede Luft zu machen. Die resolute Witwe legt dabei die Hand schwer auf das wirre Haupt ihres bleichen Kindes und meint mit anmutigem Erröten und einem geradezu zündenden Blicke:

»Mein Gott, der Bub thät halt einen Vater brauchen!«

Der würdige Rat lehnt an der Mauer. Er hat ersichtlich jede Hoffnung auf ein Entkommen aufgegeben. Eben tritt auch Herr Sobotka, von seiner Gattin herbeigerufen, langsam und würdvoll hinzu, um dem Herrn Rat seine Reverenz zu machen. Marie hört nur noch die beiderseits gleichlautende Erklärung der Männer, daß sie einander zum erstenmale sehen, dann schlüpft sie die Treppe hinab und stellt sich in den Stiegeneingang, um den Hof zu überblicken. Aber es ist so dunkel, daß sie nichts sehen kann. Nur hie und da blitzt ein Licht aus irgend einer der langen Fensterreihen auf, oder aus der Mitte des Hofes, wo die beiden Alleen sich kreuzen, tönt ein Wispern und Flüstern herüber. . . . Wie schwül die Nacht ist! Marie fühlt sich hier unten noch befangener und gedrückter als oben in der Kammer. Was will sie auch hier? Wenn der Vater heimkehrt, muß sie ja doch vor ihm die Treppe hinaufhuschen, denn wenn er sie hier seiner wartend fände, würde er ihr diese Sorge gewaltig krumm nehmen.

Nein, wenn er kommt, will sie auch gewiß zur Seite treten und ihn mit keiner Frage belästigen, ob ihr die stets wachsende Angst gleich das Herz abdrücken will. Wer weiß wie die Unterredung mit dem Baumeister geendet hat? Vielleicht ließ sich der Vater im Jähzorn zu einer Unüberlegtheit hinreißen und ist am Ende gar festgenommen worden! Vielleicht hat er mit den Leuten auf dem Bauplatze Streit bekommen und liegt jetzt dort, verwundet und hilflos. Der Vater ist so heftig und seit Wochen überdies aufs äußerste gereizt! Mit ihm ist niemand als Kumpf – eine schlimme Hilfe! Je länger Marie dieser Vermutung nachhängt, desto berechtigter erscheint sie ihr. Ihre Angst steigert die Gefahr zum geschehenen Unglück . . . O sie muß hin zu ihm, sie muß erfahren, was ihn so lange zurückhält, muß ihm Hilfe bringen – – –

Schon hat sie den halben Hof durchmessen. Vor ihr fliehen ein paar dunkle Gestalten wie aufgescheuchte Waldvögel auseinander, das Wispern und Flüstern hat nun ein Ende, dagegen tönt von der anderen Seite des Hofes ein wüstes Schreien herüber. Der Lärm kommt aus dem kleinen Wirtshause, dessen rotverhängte Thüre Marie deutlich erkennen kann, da ein helles Licht dahinter schimmert. Das ist die Kneipe, welche der Vater seither allabendlich in Kumpfs Gesellschaft aufsuchte.

Allabendlich, und in Kumpfs Gesellschaft?! – – O pfui, es ist ein böser, unwürdiger Gedanke, der ihr da durch den Kopf zuckt! Der Vater ist nicht dort drüben in dem abscheulichen Wirtshause, er ist zum Baumeister gegangen, liegt hilflos auf dem Bauplatze oder sitzt verzweifelt auf der Wachtstube, . . . vergebens sucht sie sich dieses Bild so erschütternd als möglich vorzustellen, ihre Blicke haften unverwandt an der rotverhängten Kneipenthüre, und da sie endlich mit einem unwilligen Kopfschütteln die Augen schließt, um nicht mehr nach der verwünschten Thüre sehen zu müssen, schlagen ihre Füße dennoch den Weg nach jener Seite des Hofes ein, von welcher jetzt eben wieder ein wildes Johlen und Toben herüber dringt.

Da steht sie nun vor dem Wirtshause, in das sie doch nicht einzutreten wagt. Sie steigt die beiden Stufen zur Glasthüre empor und versucht in die Kneipe zu sehen. Umsonst, der beschmutzte rote Kattunfetzen, der innen die Scheiben verkleidet, gestattet keinen Einblick. So horcht sie denn, ob sie unter den Stimmen, die da drinnen durcheinander lärmen, diejenige ihres Vaters erkennen könnte. Aber es sind gar keine einzelnen Stimmen, welche laut werden, nur ein verworrenes Murmeln dringt heraus, das ab und zu gänzlich schweigt, um dann mit Eins wieder zu einem wüsten, ohrenzerreißenden Schreien anzuschwellen. Dazwischen hört sie immer wieder ein seltsames Geräusch, als ob einer mit der flachen Hand auf Wasser schlüge. Sie kann es sich nicht erklären, bis endlich einige Worte vereinzelt und in kurz abgemessenen Pausen aus dem dumpfen Lärmen heraustönen:

»Kreuz-Dam! . . . Herz-Bub! . . . Pick-Acht!« . . .

Sie spielen da drinnen, und es sind die Karten, die klatschend auf den blanken Tisch fallen. Hie und da unterbricht das eintönige Rufen ein schrecklicher Fluch, dem dann zumeist ein wieherndes Lachen und Stampfen folgt. Einmal ist es ihr, als höre sie ihren Vater aufschreien, aber sie hat sich gewiß getäuscht, gleich darauf verschlingt auch schon ein neues Anschwellen des Lärmens die Stimme, die ihr das Blut erstarren machte.

Nein, hier ist der Vater nicht, hier kann er nicht sein! Er spielt ja nicht, hat selbst in den letzten bösen Wochen niemals eine Karte berührt. Er hat auch kein Geld, um es einzusetzen, – Marie errötet, indem sie daran denkt. Sie will die Stufen wieder hinabsteigen und weiter gehen. Wohin? Am Ende ist der Vater bereits heimgekehrt, hat sich mit dem Baumeister versöhnt und alles wird wieder gut. Während sie hier vor Angst vergeht, sitzt er daheim behaglich in seinem Lehnstuhle – – – denkt seine eigene Tochter so schlecht von ihm, daß . . .? Gewiß, der Gedanke war abscheulich. Das Mädchen richtet sich entschlossen auf, drückt aber doch noch ein letztesmal das Ohr an die Glasthüre. In der Wirtsstube ist es plötzlich still geworden; kein Summen, kein Fluchen, kein Lachen und Stampfen mehr, eine tiefe, schier unheimliche Ruhe. Nur die Karten fallen nach wie vor auf den Tisch . . . Da sich Marie zum Heimgehen wendet, tritt ihr aus dem Dunkel des Hofes ein Mann entgegen. Sie drückt sich an die Mauer um ihn vorüber gehen zu lassen, aber der Fremde hat kaum den Lichtkreis vor der Wirtshausthüre erreicht, als in der Stube das Poltern und Toben plötzlich weit lauter und wilder als vorher losbricht. Durch das wüste Stimmengewirr klirrt es jetzt wie Zerschellen von Gläsern und Flaschen, ein dumpfes Schlagen und Poltern grollt dazwischen und vereinzelte Hilferufe ertönen. Der Fremde bleibt horchend stehen, nickt dann, knöpft seinen schwarzen Rock bis unter den Hals zu und steigt die Stufen empor zur Thüre, die er rasch öffnet.

Marie drückt sich, von neuer Angst befallen, hinter ihm bis an die Schwelle. In dem raucherfüllten Raume kann sie zuerst nur umgeworfene Stühle und Bänke und einen dichten Knäuel von Menschen erblicken, aus dessen Mitte das Schreien, Fluchen und Hilferufen erschallt.

»Der Alte ist b’soffen!« heult eine heisere Stimme. »Schlagt ihn nieder, schlagt ihn nieder!«

Und gurgelnd antwortet es:

»Der Lump hat falsch g’spielt! Ich will mein‘ Ring zurück haben! – – Mein‘ Ring, oder ich bring‘ Dich um, Du – – –!«

Ein neues Toben und Johlen verschlingt den Fluch, der darauf folgt. Marie hat die letzte Stimme erkannt.

»Vater!« schreit sie gellend durch den Lärm. Das klingt so schrill und verzweifelt, daß der Streit plötzlich stockt und alles verblüfft nach der Thüre sieht, an welcher das junge Mädchen mit angstvoll erhobenen Armen und weit aufgerissenen Augen steht. Die augenblickliche Ruhe benützt der Fremde um in die Mitte der Stube vorzutreten.

»Im Namen des Gesetzes!« sagt er laut. »Herr Wirt, stellen Sie die Ordnung her und weisen Sie die Excedenten aus dem Zimmer, sonst nehme ich die Sache in die Hand und sperre das Lokal!«

Darüber bricht der eben unterbrochene Lärm mit doppelter Heftigkeit los.

»Hinaus mit dem Menschen!« ruft es aus einer Ecke. »Was untersteht sich der Kerl?!«

Aber andere rufen dazwischen: »Recht hat er, – sie soll’n draußen raufen!«

Das giebt einen neuen, leidenschaftlich geführten Zwist und ein wildbewegtes Durcheinander von scheltenden Stimmen, indes rückwärts, in der halbdunklen, nur von einer rußigen Öllampe beleuchteten Ecke der Gaststube der Streit der Kartenspieler unbekümmert um die Anwesenheit des langen Fremden weiter tobt. Mit tief gerötetem Gesichte, den Rock halb abgerissen und die Haare wirr in die Stirne gestrichen, dringt Vater Schober, ein zerbrochenes Stuhlbein schwingend, auf seinen Gegner ein, der sich hinter dem Tische verschanzt und dort den Angriff des Alten unter Drohungen und großsprecherischen Flüchen erwartet.

Vergebens wiederholt der Fremde seine Aufforderung. Der Knäuel der Streitenden um ihn her drängt ihn endlich an die Wand neben der Thüre, an welcher er nun bleich und unentschlossen lehnt, während Vater Schober den Wirt, der ihn besänftigen will, wütend zurückstößt und zu einem wuchtigen Schlage gegen den verschanzten Spielpartner ausholt. Da fühlt sich der Polier von rückwärts her am Arme ergriffen und zurückgezogen.

»Um Gotteswillen, Herr Vater!« flüstert ihm eine bekannte Stimme flehend ins Ohr. »Es giebt noch ein Unglück und Sie kommen vors Gericht!«

»Wer . . . wer ist?« lallt er und will sich losreißen. Das bleiche Gesicht seiner Tochter blickt ihm angstvoll entgegen.

»Kommen S‘, Herr Vater, bevor’s zu spät ist!« zittert es dringender von Mariens Lippen. Das Mädchen umklammert ihn so fest, daß er es nicht abzuschütteln vermag, obgleich er wie ein Rasender um sich schlägt.

»Lass‘ mich los!« knirscht er dabei immerzu und seine Augen treten aus den Höhlen. Wieder versucht er auf seinen Gegner einzudringen. »Der Lump hat falsch g’spielt, er hat mir den Ring abg’nommen, den ich dem Wiesinger zurücktragen muß! . . . Mein‘ Ring gieb her, Betrüger, oder ich schlag‘ Dir die Hirnschale . . .«

Die Angst giebt der Tochter Riesenkraft. Selbst die grausigsten Flüche und Verwünschungen, die der Vater wutschäumend gegen sie ausstößt, können sie nicht bestimmen, seinen Arm freizugeben. Sie spricht keine Silbe weiter, aber sie zerrt und zerrt den Vater bis an die Thüre und endlich hinaus ins Freie. In der Gaststube, aus der jetzt ein breiter Lichtstreifen auf den dunklen Kiesboden des Hofes fällt, hat der wüste Lärm seinen Höhepunkt erreicht. Einzelne Nachbarn öffnen die Fenster und fragen was es gebe? Eine kleine Schar Neugieriger hat sich vor der Thüre angesammelt und wartet dort den Ausgang der Schlägerei ab. Da Marie den Vater über die Stufen herabzieht, ruft eine Stimme aus dem Dunkel:

»Der alte Schober sollt‘ sich meiner Seel‘ schämen! Statt zu arbeiten, rauft er im Wirtshaus, – pfui Teufel!«

»Halt’s Maul!« antwortet es von der anderen Seite her. »Schau die arme Marie an, wie sie blaß ist! Das Mädl kann doch nichts dafür!«

Der Polier hört Rede und Gegenrede, die laut genug gewechselt wurden, und wird plötzlich nüchtern. Er drückt sich ins Dunkel und schleicht im tiefen Schatten des Hauses langsam weiter. Marie folgt ihm in einiger Entfernung. Sie wagt nicht mehr, ihm zur Seite zu bleiben, noch minder ihn anzusprechen. Der heftigen Erregung ist eine jähe Erschlaffung gefolgt, sie vermag sich kaum fortzuschleppen. Im Stiegeneingange muß sie eine Weile rasten, ehe sie die Treppe betritt.

Oben in der Küche wartet sie noch, bis der Vater zu Bette gegangen ist, dann erst huscht sie durch die Stube in die Kammer, um dort zitternd ihr Lager aufzusuchen.

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

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