Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

Vater Schober ist eben dabei, sich das Bild der besseren Zukunft, die von morgen ab anheben soll, in den lebhaftesten Farben auszumalen. Mit Ekel und Verachtung blickt er auf die letzten Tage zurück, in welchen er sich verleiten ließ, stundenlang in der Kneipe zu sitzen und dann berauscht heimzuwanken. Nun soll das aber gründlich anders werden . . . . Ah, es ist doch ein Schönes um die Arbeit, um Ehrbarkeit und Selbstachtung! Ja wohl, Achtung ist die Hauptsache!

Die Stimmen seiner Töchter, welche in der Küche laute Rede und Gegenrede wechseln, schlagen an sein Ohr. Auch in seiner Familie soll ein neues Leben beginnen! Fortan will er ein strenges Regiment führen, will – – da ruft Marie nach ihm. Das paßt ihm gerade. Er eilt in die Küche und läßt zunächst Marie rauh an.

Was der Lärm bedeute? Ob das der Ton in einer anständigen Familie sei? Ob sie nicht Frieden halten könne?! So poltert er ganz im Geiste des neuen Regiments, das er von nun an führen will.

»Ich bitt‘ mir’s aus!« schilt er drohend. »Von heut‘ an muß das anders werden! Ich duld‘ die Streiterei nicht länger, – verstanden? Kein lautes Wort will ich mehr hören, merk Dir das ein für allemal!«

Marie wartet ruhig, wenn auch ein wenig zitternd, bis er zu Ende gesprochen hat. Dann aber nimmt sie allen Mut zusammen und sagt dem Vater in kurzen Worten, was sie von Lori gefordert hat. Kaum hat sie das letzte Wort gesprochen, so erschrickt sie auch schon über ihre eigene Kühnheit und tritt unwillkürlich einen Schritt zurück. Allein der Vater beachtet sie gar nicht weiter; er wendet sich gegen Lori, die halb verlegen, halb kindisch herausfordernd an der Wohnungsthüre steht, die Hand mit dem Ringe wieder in den Falten ihres Kleides vergraben. Sie ist sich ihrer Macht über den Vater wohl bewußt, aber da dieser jetzt die schmale Küche mit zwei Schritten durchmißt und sich knapp vor sie hinpflanzt, weicht das geringschätzige Lächeln doch von ihren Lippen, und ihre Wangen verfärben sich ein wenig, denn er scheint diesmal die Sache wirklich ernst zu nehmen. Er runzelt die Stirne und sieht gar nicht darnach aus, als ob er sich durch ein paar schöne Worte beruhigen lassen wollte.

»Gieb mir den Ring!« sagt er barsch.

»Aber Vater! – –« will Lori einwenden und sich in der gewohnten Weise des verzogenen Kindes schmeichelnd an ihn drängen. Er weist sie heftig zurück.

»Den Ring her, – geschwind!« wiederholt er scharf.

Und da Lori immer noch zögert und sich schmollend abwendet, zerrt er sie am Arme, daß sie laut aufschreit, und zieht ihr trotz ihrer weinerlichen Gegenwehr kurzweg den Ring vom Finger.

Sie steht nun, den trotzigen Blick zu Boden gesenkt und den schmerzenden Finger an den Mund gedrückt, vor dem Vater, der sich anschickt, ihr in einer wohlgesetzten Rede all ihre Fehler und das soeben begangene Vergehen eindringlich vorzuhalten. Er thut das in einem unnatürlich gespreizten, salbungsvollen Tone, den nur selten eine jener derben aber ungekünstelten Wendungen unterbricht, deren er sich sonst zu bedienen pflegt. Heute scheinen sie ihm der väterlichen Würde abträglich. Allmählich spricht er sich in ehrlichen Eifer und vergißt darüber immer häufiger die beabsichtigte Vornehmheit des Tones.

Was er an Vorwürfen und Mahnungen gegen sich selbst auf dem schwer bedrückten Gewissen hat, wirft er nun der Tochter vor: daß es ihrem Charakter an Ernst fehle, daß ihr Leichtsinn noch zu einem bösen Ende führen werde und daß er fernerhin ihre Arbeitsscheu nicht dulden wolle, denn Müßiggang sei immer und zu jeder Zeit aller Laster Anfang gewesen!

»Schlag Du Dir die nichtsnutzigen Gedanken an Liebhaber und Präsenter aus dem Kopf und denk lieber, wie Du was verdienen kannst!« ruft er mit erhobener Stimme. »Der Mensch ist zur Arbeit auf der Welt und zu nichts anderm! Nur wer tüchtig arbeitet, der wird geachtet, Achtung ist aber die Hauptsach‘ im Leben. Dein Vater ist auch nur ein einfacher Arbeiter, aber er ist stolz d’rauf, daß er’s ist, – verstanden? Und wenn ich so einen Tagdieb einmal erwisch‘, der um Dich herumschleicht und Dir solche Ringeln zusteckt, so zerschlag‘ ich ihm alle Knochen im Leib, daß Du Dir Deinen Liebhaber nachher zusamm’klauben kannst!«

Die letzten Worte schreit er bereits und gestikuliert dabei immer heftiger und drohender vor Loris Augen. Die Aufregung thut ihm wohl, er fühlt sich dabei ungemein würdevoll und rechtschaffen.

Seine Frau, die von dem Lärm herbeigelockt die Thüre öffnet, bleibt mit offenem Munde auf dem Korridor stehen; auch die Nachbarinnen, die ihr nachdrängen, blicken sichtlich verwundert drein. Sie trauen kaum ihren Ohren, da sie den alten Polier so überzeugend von der Nützlichkeit und Würde der Arbeit sprechen hören, doch wagt niemand, ihn zu unterbrechen.

Lori möchte in die Erde sinken vor Scham und Ärger. Obgleich sie die Augen noch immer zu Boden geschlagen hat, bemerkt sie doch die höhnischen Blicke, mit welchen die Nachbarinnen bald sie, bald den Vater beobachten. Dieser beginnt immer wieder von neuem, und da Frau Schober, welche den Sachverhalt endlich zu ahnen beginnt, hastig dazwischen treten will, weist er ihre Einmischung mit einer kurzen Handbewegung entschieden zurück.

Während er noch eifrig spricht oder vielmehr schreit, taucht plötzlich Kumpf hinter den Nachbarinnen in der Thüre auf und schiebt sich, allseitig einen guten Abend wünschend, langsam in die Küche.

»Bitt‘ um Entschuldigung, wenn ich stör‘!« sagt er mit einem höflichen Gruße, der aber von niemandem erwidert wird. Vater Schober hält jählings inne, blickt im Vollgefühle des neuen Menschen, den er von morgen ab anziehen will, den Schlosser vom Kopf bis zu den Füßen an und sagt dann wegwerfend:

»Was willst denn Du schon wieder da?!«

Kumpf scheint einen Augenblick überrascht, faßt sich aber bald und erwidert leichthin:

»Ich hab‘ nur nachschauen wollen, wie’s Dir geht!«

»Die Müh‘ kannst ein andersmal sparen. Ich bin jetzt g’sünder als je und brauch‘ Deine Nachfrag‘ nicht! Von morgen an triffst mich auch gar nimmer daheim, – ich geh wieder arbeiten!«

Er sagt das mit besonderer Betonung und weidet sich an dem Erstaunen, das sich auf allen Gesichtern zeigt. Kumpf reibt sich eine Weile das Kinn und nickt wiederholt.

»So . . . so!« sagt er endlich gedehnt. »Da gratulier‘ ich Dir, Schober. Hast schon ein‘ Platz?«

»Ja, – ich arbeit‘ wieder beim Wiesinger.« Der Polier stockt bei dieser Antwort ein wenig, aber er hält Kumpfs fragenden Blick doch aus.

Der Schlosser sieht einen Augenblick wirklich verdutzt drein.

»Deshalb seh‘ ich den Wiesinger schon seit einer Viertelstund‘ in Eurem Hof herumsteigen!« meint er und schlägt sich an die Stirne wie einer, der die Lösung eines schwierigen Rätsels gefunden hat. Dabei fliegt sein Blick aber schon wieder lauernd über den Alten hin. Seine Mitteilung scheint auch in der That den Polier sehr betroffen zu machen, denn dieser läßt die hochgehobenen Achseln sinken und stottert, nun selbst verblüfft:

»Der Wiesinger?! – Wo ist er denn?«

»Unten im Hof,« erwidert Kumpf, welcher sofort seine Sicherheit wieder gewonnen hat. »Natürlich der Junge, nicht der Alte!« fügt er jetzt lachend bei.

Schober betritt hastig den Korridor und blickt in den Hof hinab. Seine Frau und die Nachbarinnen folgen neugierig, lassen den Alten aber allein stehen und besetzen die übrigen Fenster. Kumpf, welcher sich an Frau Schober drängt, weist vorsichtig hinab.

»Der Blonde dort mit dem kleinen Schnurrbart und dem Glas im Aug‘ ist’s!« erklärt er eifrig.

»Der mit der Reitgert’n?«

»Ja, das ist der Wiesinger Eduard. Mir scheint, der wart‘ auf wen!«

Frau Schober blickt unverwandt hinab und schüttelt immer nachdrücklicher den groben Kopf.

»Unsinn!« ruft sie endlich. »Das ist ja der Graf!«

»Ein Graf, – der dort? Das wär‘ das neueste!« lacht Kumpf. »Ich kenn‘ den jungen Wiesinger seit seiner Kinderzeit, aber daß er ein Graf ist, hab‘ ich bis heut‘ nicht g’wußt.«

Der spottende Ton und das Lachen der beiden Nachbarinnen reizt Frau Schober, die den jungen Mann wohl erkannt hat und ihrer Sache sicher zu sein glaubt.

»Lori!« ruft sie entrüstet. »Komm her und sag, ob das nicht der Graf ist, weißt – der junge Graf von den Volkssängern!«

Lori ziert sich ein wenig. Sie bleibt schmollend an der Küchenthüre stehen und blinzelt nur zu den Fenstern hinüber. Aber die Neugierde, ob der Graf sie wirklich erwarte, vielleicht auch die Absicht sich ihm zu zeigen, bestimmen sie endlich dem Rufe der Mutter zu folgen. Sie umklammert Frau Schobers breiten Rücken, während sie sich zierlich vorbeugt, um in den Hof hinabzusehen. In diesem Augenblicke blickt der junge Mann unten auf, erkennt Lori und nickt ihr zu, indem er grüßend den Hut berührt. Da er aber neben ihr die Mutter und an den Nebenfenstern eine ganze Reihe fremder Gesichter bemerkt, tritt er zurück und knapp an das Haus heran um den neugierigen Blicken zu entschwinden.

»Na, ist das der Graf, oder nicht?« wendet sich Frau Schober triumphierend an Kumpf. »Den jungen Wiesinger kennt die Lori gar nicht!«

Allein der Schlosser ist nun einmal nicht zu überzeugen. Er grinst nur und meint:

»Dann hat sich das saubere Früchtl halt einmal für einen Grafen ausgegeben! Es wär‘ nicht sein erstes Stückl!«

Und davon ist er nicht abzubringen. Lori, welche den Gruß des jungen Mannes mit einem tiefen Erröten beantwortet hat, kehrt jetzt dem Fenster den Rücken zu, blickt zu Boden und scheint den Streit zwischen der Mutter und Kumpf gar nicht zu hören. Ihr rasches Atmen und das rastlose Spiel ihrer Hände, die unaufhörlich an Kleid und Halstuch zerren, zeugen von ihrer Unruhe und ihrem Mißmute. Scham und Ärger wechseln auf ihrer Stirn, und doch schmeichelt es ihr andererseits nicht wenig, der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein.

Plötzlich fühlt sie sich an der Hand gefaßt und sieht unwillig auf. Der Vater steht vor ihr.

»Komm!« sagt dieser kurz und zieht sie in die Küche. Da die Mutter und Kumpf dahin folgen, zerrt er die Tochter in die Stube, deren Thüre er hinter sich absperrt. Lori starrt ihn mit weitgeöffneten Augen an. Was hat er vor? Jähe Angst überfällt sie. Sie möchte schreien, wagt es aber nicht. So klammert sie sich denn zitternd an das Bett und ihre Blicke folgen zaghaft dem Vater, der eine Weile schweigend im Zimmer auf und nieder geht.

»War der Laff‘ unten im Hof wirklich derselbe, der Dir den Ring g’schickt hat?« fragt er endlich, indem er knapp vor Lori stehen bleibt.

»Ja!« haucht sie.

»Und er hat sich für einen Grafen ausgegeben?«

»Ja, . . . die Mutter war auch dabei!«

»Die Mutter!«

Schober sagt das mit einem kurzen Lachen, das der Tochter vollends die Fassung raubt. So hat sie den Vater niemals lachen gehört. Sie bricht in Thränen aus.

»Ich hab‘ ja nichts Schlechtes gemeint!« schluchzt sie. »Andere Mädeln bekommen ja auch Sachen geschenkt, und . . . der Graf möcht‘ mich gewiß heiraten!«

»Red nicht so dummes Zeug!« herrscht der Vater sie an. Er beginnt aufs neue die Stube zu durchmessen.

»Hast Du ihn seit dem Abend bei den Volkssängern schon einmal wiedergeseh’n?« fragt er dann plötzlich.

»Nein, o nein, – das ganz gewiß nicht!« beteuert Lori, wie ein Kind nachschluchzend.

Vater Schober nimmt seinen Hut, öffnet die Thüre und verläßt die Stube, ohne die Tochter weiter eines Wortes zu würdigen.

»Wo willst hin?« fragt seine Frau, die angsterfüllt an der Thüre gehorcht hat.

»Zum Baumeister Wiesinger geh‘ ich!« antwortet der Alte so laut, daß man es auf dem Korridore hören muß. »Ich trag‘ ihm den Ring zurück, den sein Herr Sohn meiner Gans von Tochter geschenkt hat!«

Frau Schober schüttelt nur verblüfft den Kopf. Sie findet keine Antwort. Marie, die gleichfalls scheu zur Seite tritt, möchte den Vater um alles gerne bitten, daß er sich dem Baumeister gegenüber nur ja recht mäßigen möge. Aber sie wagt es nicht. Daß er die Sache so ernst nimmt, erfüllt sie mit den besten Hoffnungen für ihn und die ganze Familie. »Jetzt wird alles wieder gut!« flüstert sie vor sich hin und mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung drückt sie sich still in die Stube, um neben in der Kammer an ihre Arbeit zu gehen. Dabei steht sie plötzlich vor Lori, die noch immer im Banne der Angst und wie an allen Gliedern zerbrochen an dem Bette lehnt.

Eine Weile sehen sich die Schwestern schweigend in die Augen.

»Lori!« sagt Marie endlich bittend und streckt ihr die Hand entgegen. Aber Lori antwortet nicht. Sie beißt die Zähne zusammen und schüttelt nur ingrimmig den Kopf.

So muß Marie allein an die Arbeit gehen. –

Draußen auf dem Korridor steht Kumpf und nickt dem Polier, der hoch aufgerichtet an ihm vorübergeht, aufmunternd zu.

»Das ist eine famose Idee von Dir!« sagt er zutraulich. »Wart, ich begleit‘ Dich ein Stückl!«

Obgleich Schober von seiner Begleitung nicht eben erbaut scheint und sein Anerbieten auch gar nicht weiter beachtet, schlürft der Schlosser doch hinter dem Alten her und die Treppe hinab. Unten im Hof greift der Polier mit so mächtigen Schritten aus, daß Kumpf Mühe hat sich neben ihm zu erhalten. Trotzdem bleibt er nicht zurück, nur meint er keuchend:

»Hast Du aber Eil‘!«

Nach einer Weile, da sie schon die Mitte des Hofes erreicht haben, fährt er kopfschüttelnd fort:

»Glaubst, daß ihr zwei euch besonders leicht reden werdet?«

Vater Schober erwidert noch immer nichts, aber er mäßigt doch seinen Schritt. Kumpf bemerkt dies wohl.

»Es ist an und für sich eine schwere Sach‘,« hebt er vom neuen an, »einem Vater, der in seinen Sohn so vernarrt ist, wie der Wiesinger in seinen Eduard, kurz und g’rad ins Gesicht zu sagen: Ihr Herr Sohn ist ein Lump! . . . Hm, große Augen wird er wohl machen!«

Der Alte geht noch langsamer und wischt sich den Schweiß von der Stirne.

»Ist Dir so warm?« fragt der Schlosser mit erheuchelter Verwunderung. »Es ist doch eher ein kühler Abend!« Und er knöpft recht gemächlich seinen Rock zu. »Ja, ja,« meint er dann wieder und beschleunigt nun seinerseits den Schritt, »wenn man bedenkt, wie ihr zwei miteinander steht, – der Prozeß und das alles . . ., so ist’s grad keine Unterhaltung, was Du da vorhast. Aber Du hast’s einmal unternommen, und so mußt Du’s auch ausführen. Ein Wort, ein Mann, – das ist ganz natürlich!«

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

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