Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

Aber da sie nach dem Ringe greift, zieht Lori die Hand zurück.

»Ja, – Du wirst doch den Ring nicht behalten wollen?!« fragt Marie erstaunt.

Lori will antworten, doch eine unerklärliche Scheu schnürt ihr die Kehle zu. Sie starrt eine Weile mißmutig vor sich hin und zieht dann mit sichtlichem Widerstreben den Ring halb vom Finger. Plötzlich stampft sie mit dem Fuße auf und drückt den Ring zurück.

»Nein, ich geb‘ ihn Dir nicht!«

Und ehe Marie etwas erwidern kann, macht Lori dem lange zurückgedrängten Groll mit einem Schwall von Vorwürfen, Anklagen und Verwünschungen Luft, die wie dichter Hagelschlag auf die verblüffte Schwester niederprasseln und der Sprecherin selbst von Zeit zu Zeit den Atem rauben, so wild und regellos kollern sie über ihre Zunge und drängen sich über ihre Lippen. Zu dem alten Jammer über das einförmige, »zum Sterben fade« Leben in den kahlen vier Wänden des langweiligen Daheims gesellt sich die Angst, das so heiß ersehnte und nun endlich erreichte »Glück« könne ihr noch in letzter Stunde entrissen werden, zugleich aber auch der Zorn, daß sie sich so lange von der Schwester einschüchtern ließ. Sie schämt sich ihrer ängstlichen Scheu von vorhin und will sie durch doppelte Heftigkeit wett machen. Eine leise Stimme sagt ihr bei alledem, daß Marie recht habe. Aber das erbittert sie nur noch mehr gegen die Schwester, der sie die niedrigsten Motive unterschiebt . . .

Nichts als Neid ist es, was Marie bewegt; sie will der jüngeren und hübscheren Schwester nicht gönnen, was ihr selbst zu erreichen unmöglich ist! Diese häßliche Anschuldigung, von deren Haltlosigkeit Lori selbst ganz wohl überzeugt ist, schleudert sie der älteren mit besonderer Genugthuung ins Gesicht. Da sie merkt, daß Marie darüber erblaßt, kommt sie wie ein boshaftes Kind immer wieder darauf zurück.

»Schau, wie fein Du wärst!« zischt sie triumphierend. »Arbeiten soll ich wie Du Natürlich! Weil Dich keiner mag, soll ich mich auch in der Kammer drin vergraben und grad so gelb und dürr werden wie Du? . . . Oder schaut Dich vielleicht einer an? Ja? Nicht einmal der Sturm, obwohl Du Augen auf ihn machst, als ob Du ihm gleich um den Hals fallen möchst, wenn er nur wollt‘! Aber er will halt nicht! Mir rennt er nach, mir –, und ich streck‘ nicht einmal den Finger aus nach ihm. Ja, starr mich nur an wie ein Gespenst! – Gelt, das trifft? Gar so dumm ist die Lori halt doch nicht, wie Du glaubst, Du scheinheiliges, neidisches Ding, Du!«

Marie ist in der That erschreckend bleich geworden. Sie sieht die Schwester unverwandt tieftraurig an und schüttelt nur leise den Kopf. Lori vermag ihren Blick nicht zu ertragen.

Wenn Marie doch gleichfalls heftig antworten wollte! Das blasse Gesicht, die festgeschlossenen Lippen und die großen Augen der Schwester, die starr auf sie gerichtet sind, verwirren Lori endlich. Vergebens sucht sie durch neue und noch heftigere Ausfälle Marie zu einer Antwort zu reizen, – es gelingt ihr nicht, und so hält sie denn mit Eins doppelt ergrimmt inne, holt tief Atem und bindet mit zitternden Händen das Halstuch fest, dessen Knoten sich während des Sprechens gelockert hat.

Das heimliche Gefühl ihres Unrechts, das sie vergebens durch ihr Schelten zu betäuben gesucht hat, erwacht mit erneuter Lebendigkeit, sie bereut ihre Heftigkeit, wenn sie es auch nicht eingestehen will. Ärgerlich zuckt sie die Achsel und sagt dann schmollend:

». . . Nun ja, warum mußt Du mich auch immer reizen! Ich, . . . ich hab’s ja gar nicht so bös gemeint. Und das wegen dem Sturm . . .«

Hier hält sie verlegen inne, denn sie fühlt, daß es besser wäre, diese Sache ruhen zu lassen. Dennoch möchte sie den bösen Eindruck ihrer Worte verwischen und beginnt darum abermals:

»Eigentlich ist’s doch recht dumm, daß wir uns streiten! Es kann ja jede ihren eigenen Weg gehen, – nicht wahr?«

Sie wartet eine Weile; da Marie aber noch immer nicht antwortet, geht sie endlich langsam zur Korridorthüre. Jetzt erst bricht Marie ihr Schweigen.

»Du willst also wirklich den Ring behalten und jetzt hinuntergehn?« fragt sie, jedem Worte einen seltsamen Nachdruck gebend. Ihre Augen flammen und sie hebt warnend den Arm.

Der drohende Ton reizt Lori.

»Ja, das will ich!« antwortet sie trotzig. »Und wer soll mich denn hindern? Vielleicht Du? . . . Ich lach‘ nur, wenn Du mir was verbieten willst!«

»Lach zu!« fällt ihr Marie entschlossen ins Wort. Mit einem Satze steht sie an der Stubenthüre, die sie hastig öffnet.

»Vater!« ruft sie in den halb dunkeln Raum.

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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