Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

»Darüber giebt’s gar nichts zu reden!« schließt die beleibte Poliersgattin eben eine längere Auseinandersetzung. »Die Lori ist halt nicht für die Arbeit geboren und wenn man zu etwas nicht geboren ist – –«

»Aber wenn sie einmal heiratet, wird sie doch arbeiten müssen?« fällt ihr Fräulein Kathi kopfschüttelnd ins Wort.

»Wenn sie einmal heiratet?!« Frau Schober begleitet diese Worte mit einem ausdrucksvollen Achselzucken. »Die Lori heiratet keinen gewöhnlichen Mann, bei dem sie arbeiten müßt‘!« erklärt sie dann bestimmt, und sich über die Tänzerin beugend, fährt sie halblaut und geheimnisvoll fort: »Wer weiß was für Neuigkeiten wir nächstens erfahren! Es giebt sehr noble Leut‘, die sich für die Lori interessieren.«

Dabei zieht sie die Mundwinkel herab und nickt ungemein würdevoll. »Ja wohl, sehr noble Leut‘!« wiederholt sie mit starker Betonung.

Fräulein Kathi glättet ihre Arbeit auf dem Knie. »Armer Sturm!« sagt sie leise.

»Ja, es thut mir auch leid um ihn,« meint Frau Schober herablassend, »er ist ein ganz braver Mensch, der es gewiß noch zu etwas bringt in der Welt, aber mein Gott, wenn sich einmal die nobeln Leut‘ einstellen, da kann doch von einem armen Bauführer nicht mehr die Red‘ sein, – das wird er ja selbst einsehen müssen!«

Hier tänzelt Lori, von der Treppe kommend, den Korridor entlang. Halblaut ihr Lieblingslied trällernd und in den feuchtschimmernden Augen noch den Nachglanz des Triumphes, den sie nach ihrer Überzeugung unten im Hofe gefeiert hat, reckt sie sich, als stünde sie eben von einer schweren Arbeit auf, lächelt zerstreut und fragt endlich die Mutter, ob der Vater daheim sei?

»Seit einer halben Stund‘ ist er schon zu Haus!« antwortet Frau Schober. Noch ganz in ihre stolzen Zukunftspläne versunken, kann sie sich’s nicht versagen, die Wangen der hübschen Tochter zu streicheln. Lori blickt sie überrascht an und tritt einen Schritt zurück.

»Was hat denn die Frau Mutter?«

Der abweisende Ton verletzt Frau Schober zwar ein wenig, aber sie will sich’s vor der Tänzerin nicht merken lassen.

»Nichts, mein Engel!« erwidert sie zärtlich. »Ich freu‘ mich nur, daß Du so gut ausschaust. Da ist’s freilich kein Wunder, wenn –«

Lori läßt sie nicht zu Ende sprechen. »Also der Vater ist zu Haus?« fällt sie ihr ins Wort. »Schad‘! Ich hab‘ in die Kammer geh’n wollen.«

»Was willst denn in der Kammer?«

»Mein blaues Kleid möcht‘ ich anziehn.«

»Dein Sonntagskleid, – heut‘? Und jetzt am Abend?«

»Ja, . . . der Leib da ist mir zu eng, er thut mir weh, . . . ich kann die Arme nicht rühren, . . . au!« Und sie steht mit weit ausgestreckten Händen recht hilflos da.

»Das ist aber merkwürdig!« meint Frau Schober erstaunt. »Gestern war das Kleid noch ganz gut.«

»O nein, gestern hat es mich auch schon geniert, ich hab‘ nur nichts sagen wollen!« ächzt Lori. »Aber jetzt halt‘ ich’s nicht mehr aus, . . . ich muß das blaue Kleid anzieh’n!«

»So geh hinein, . . . der Vater ist heut‘ ganz ruhig!«

»Ah, das kenn‘ ich schon! Ich laß‘ mich nicht anschnauzen . . .! Wenn die Frau Mutter so gut wär‘ und mir das Kleid herausbringen thät‘, könnt‘ ich mich bei Fräu’ln Kathi umziehn. Nicht wahr, Fräul’n, Sie erlauben’s?«

Die Tänzerin gestattet das gern. Aber die Mutter zeigt wenig Lust die Stube zu betreten. »Geh Du nur selber hinein,« erwidert sie abwehrend. »Du kommst mit dem Vater noch am besten aus!«

Nach einigem Hin- und Widerreden, das wenig Schmeichelhaftes über Vater Schobers Laune zu Tage fördert, wagt sich Lori endlich doch bis an die Stubenthüre, an der sie eine Weile horcht.

»Hörst was?« fragt Frau Schober vom Korridor herein.

»Er pfeift!«

»Das ist ein gutes Zeichen.«

»In Gottes Namen, – ich probier’s!« Lori schlägt halb lachend, halb wirklich furchtsam ein Kreuz und öffnet leise die Thüre.

Vater Schober ist in der That fast heiter gestimmt, obgleich er, als er heim kam, sich finster in den alten Lehnstuhl warf und ingrimmig vor sich hinstarrte.

Seit einer vollen Woche geht er nun Tag für Tag zu dem Advokaten, den ihm Kumpf empfohlen hat, und sitzt dort stundenlang im Vorzimmer bei einem frechen Schreiber, der ihn rauh anläßt und daheim warten heißt, bis seine Sache den vorgeschriebenen Weg durchgemacht habe. Aber der Polier läßt sich so leicht nicht abweisen. Er paßt den Advokaten selbst ab, wenn dieser zu Gericht geht oder von dort zurückkehrt. Freilich, was hilft’s? Der Anwalt ist wohl weit freundlicher und liebenswürdiger als der grobe Schreiber, aber mit all‘ seiner Höflichkeit bringt er doch nichts anderes vor, als ein obenhin tröstendes: »Steht gut, lieber Alter, steht ganz vortrefflich!« Und damit geht er grüßend seiner Wege.

Auch heute hat Vater Schober keine andere Antwort erhalten und ist darüber wie täglich in ein düsteres Grübeln geraten. Noch immer kein Fortgang, kein Erfolg, kein Ende des Prozesses abzusehen! Noch immer kein Schimmer von Hoffnung! . . . Das sind die Stunden, in welchen er ganz nüchtern über seine Lage denkt und es manchmal in ihm aufsteigt wie Sehnsucht nach der altgewohnten Arbeit, nach geordneten, wohl abgemessenen Lebensverhältnissen.

Wie, wenn er eine friedliche Auseinandersetzung mit seinem Brodherrn versuchte? Der Gedanke erweckt anfänglich seine ganze Erbitterung über die erlittene Schmach, über das erduldete Unrecht vom neuen. Er weist ihn entrüstet von sich und durchmißt zitternd vor Aufregung die Stube. Niemals, – niemals wird er um sein ehrliches, sonnenklares Recht betteln, niemals dem falschen, verleumderischen Baumeister anders entgegen treten, als fordernd, Genugthuung heischend. Aber je ernster er seine Lage überblickt, desto klarer tritt es ihm vor die Seele, daß es so nicht fortgehen könne, will er nicht samt den Seinen elend zu Grunde gehen. Und der einzige Weg der Rettung führt nun einmal über den Bauplatz, durch die Bauhütte Wiesingers . . .! Diesen Weg muß er betreten.

Entschlossen greift er endlich nach seinem Hute und geht aufrecht bis zur Thüre. Aber er öffnet sie nicht. Allerlei Bedenken halten ihn zurück. Der Baumeister ist jetzt gar nicht auf dem Bauplatze, oder ein Gewitter steht just am Himmel; heute ist Zahltag, morgen ist Feiertag und übermorgen schmerzt die Wunde am Bein, er muß zurück zum Lehnstuhl, muß noch ein wenig rasten. So bleibt er zwar fest entschlossen, den schweren Schritt zu thun, aber er verschiebt ihn doch auf den folgenden Tag. Morgen, ja morgen will er hingehen, da soll ihn auch gewiß nichts mehr abhalten! In diesem Entschlusse fühlt er sich so frei und leicht, daß er sogar wie einst in fröhlicheren Jugendtagen irgend ein veraltetes Lied zu pfeifen anhebt und die Kohlmeise im Bauer neckt.

Er merkt es kaum, daß Lori eintritt, auf den Zehen durch die Stube huscht und leise in die Kammer schleicht, deren Thüre sie vorsichtig hinter sich ins Schloß zieht.

Eine halbe Stunde später kommt Marie mit den beiden Nachbarinnen die Treppe herauf. Ihre Wangen sind vom raschen Gehen gerötet und ihre Augen blitzen suchend den Korridor entlang.

»Wo ist die Lori?« wendet sie sich hastig an die Mutter, welche sich, sobald sie der älteren Tochter ansichtig wird, rasch ans Fenster stellt und ihr den Rücken zukehrt.

»Drin in der Kammer!« Frau Schober brummt diese Antwort, ohne zurückzublicken.

Die Nachbarinnen treten hinzu und Frau Stölzl beginnt aufs neue ihrer Sorge um Pepi Ausdruck zu geben. »Ich weiß mir nicht mehr zu helfen,« jammert sie, »der Bub‘ ist nirgends zu finden!« Und sie ringt verzweifelt die Hände. Während Frau Schober und Fräulein Kathi sie zu beruhigen versuchen, erzählt die Amtsdienersgattin einige Schreckensgeschichten von Kinderdieben, die eben wieder stark »umgehen« sollen, wie sie in der Zeitung gelesen haben will, – denn Frau Sobotka liest täglich die Zeitung.

Die Witwe stöhnt nach jeder einzelnen Geschichte entsetzt auf und weint dazwischen still in ihre blaue Schürze.

»Deswegen müssen Sie aber nicht gleich alle Hoffnung aufgeben!« schließt Frau Sabotka ihre trostvollen Mitteilungen. »Ihr Pepi kann sich ja immer noch finden, obwohl es freilich schon ein bißl spät ist!« –

Marie tritt in die Küche und will eben die Stubenthüre öffnen, da kommt Lori heraus. Sie hat nicht nur das blaue Sonntagskleid angezogen, sondern auch ein buntes Seidentuch um den Hals geschlungen und die Rose ins Haar gesteckt, die sie am Kammerfenster vor Mariens Arbeitstisch fand. An dem Goldfinger der rechten Hand funkelt der Ring mit dem Diamantkreuze.

Sie will an der Schwester vorbei huschen, wobei sie – absichtlich oder zufällig – die rechte Hand in den Falten ihres Kleides verbirgt. Allein Marie, welche die Gangthüre rasch geschlossen hat, tritt ihr in den Weg.

»Wohin willst?« fragt sie streng.

»Was geht’s Dich an?« erwidert Lori schnippisch. »Schau, was für ein neuer Ton das wär‘!«

Marie blickt ihr ernst in die Augen. »Lori, gieb den Ring zurück, den Du heut ang’nommen hast!« sagt sie ruhig, aber mit fester Stimme. Lori, welche erst entrüstet auffahren will, schlägt den Blick zu Boden und stottert verlegen:

»Was für einen Ring? Ich begreif‘ nicht, was Du von mir willst!«

»Du weißt’s ganz gut! Den Ring von dem – Grafen oder was er ist, sollst Du zurückgeben.«

»Ich hab‘ keinen Ring bekommen, laß mich in Ruh‘.«

Und abermals versucht Lori die Thüre zu gewinnen, aber Marie hält sie am Arme fest.

»Laß mich los!« zischt Lori zornig und sucht die Schwester zurück zu drängen. Dabei muß sie die rechte Hand zu Hilfe nehmen, an welcher Marie den Ring entdeckt. Lori errötet und erblaßt jählings, wendet endlich den Kopf ab und sagt trotzig:

»Nun ja, da ist der dumme Ring. Und was ist’s weiter? Hätt‘ ich Dich vielleicht um Erlaubnis fragen sollen, ob ich ihn annehmen darf oder nicht?«

Marie läßt die Hand der Schwester fallen. »Lori!« sagt sie bekümmert, »schämst Dich denn gar nicht?«

»Wüßt‘ nicht warum!«

»Weißt Du, was sie im Haus sagen? Daß Du die Geliebte von dem Grafen bist!«

»Wer sagt das?«

»Alle Leut‘ im Haus! – Glaubst Du, die Frau Sobotka und die Frau Stölzl haben es mir allein erzählt? Der ganze Hof spricht schon davon!«

»Sie sollen reden, was sie wollen! Deswegen ist’s doch nicht wahr.«

»Vielleicht jetzt noch nicht. Aber den Ring hast Du doch ang’nommen und tragst ihn sogar, . . . und weswegen hast Du heut‘ Dein Sonntagskleid angezogen? Weswegen hast Du Dich hinausschleichen wollen wie ein Dieb bei Nacht? – Du hast ein Rendezvous mit dem Grafen!«

Lori schweigt. Sie zerrt an den Falten ihres Kleides und beißt sich in die Lippen. Marie fährt dringender fort:

»Ich will’s ja glauben, daß noch nichts geschehen ist, was just schlecht wär‘, aber denk doch nur an das Gered‘ von den Leuten, denk an Deinen ehrlichen Namen, der jetzt schon so bös mitg’nommen wird, – was soll’s dann erst später werden?! Sei vernünftig, Lori, und spiel nicht mit Deiner Zukunft!«

Lori antwortet auch jetzt noch nicht, aber um ihre Lippen zuckt es immer ungeduldiger, und da Marie den Arm um ihren Nacken schlingen will, stößt sie die Schwester heftig von sich.

»Laß mich, Du zerdrückst mir das Kleid!« murrt sie.

Marie läßt sich jedoch nicht so leicht abweisen. Mit sanfter Gewalt zieht sie Lori an sich heran und flüstert ihr schmeichelnd zu:

»Schau, g’rad jetzt sollten wir zwei fest zusammenhalten. Du siehst ja so gut wie ich, was vorgeht. Wer weiß, wohin der schlechte Mensch, der Kumpf, den Vater noch treibt! Da müssen wir uns halt allein helfen, – nicht wahr? . . . Weißt, wenn man so den ganzen Tag und oft auch in der Nacht, wo die andern schon schlafen, allein bei der Arbeit sitzt, da kommen einem allerhand Gedanken. Und da hab‘ ich mir so gedacht, wenn Du Dich ein bißl zu mir setzen und mir helfen möchst, – vielleicht nur ein paar Stund‘ alle Tag‘, – es wär‘ doch der rechte Anfang zu einem neuen Leben! Geh, laß das trotzige Wesen, gieb mir die Hand und sag, daß Du mir von heut‘ an helfen willst! Du wirst sehen, es ist gar nicht so arg als es ausschaut; die Arbeit hat auch ihre schönen Seiten, man fühlt sich ganz anders dabei, viel rechtschaffener und besser, – – es wird Dir ganz gewiß g’fallen, wenn wir zwei so schön beisammen sitzen und lustig drauf lossticheln werden!«

Die sonst so herbe Stimme des jungen Mädchens klingt bei diesen Worten weich und herzlich, wie die jüngere Schwester sie noch nie gehört hat. Lori sieht betroffen auf.

»Ich hab‘ aber versprochen, daß ich heut‘ abend hinunter geh!« wendet sie leise ein.

»Wird der . . . Graf unten sein?«

Lori zögert erst, dann schüttelt sie den Kopf. »Nein,« sagt sie und errötet bis an die Haarwurzeln, »nur die Fanny.«

Marie richtet sich entschlossen auf. »Gut, dann geh ich hinunter! Gieb mir den Ring.«

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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