Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

Sie hat zwar nur eine ganz unbestimmte Vorstellung von dem Glücke, das sie stündlich erwartet; aber daß es in allernächster Zeit kommen und sie aus der niederen Umgebung in eine schönere, vornehme Welt emporheben müsse, steht ihr unzweifelhaft fest. Ihre Vertraute ist jetzt Tini, die kleine Näherin von der Nachbarstiege. Ihr teilt Lori alle kleinen Geheimnisse, alle vagen Wünsche und Befürchtungen mit; auch die Gespräche mit Fanny, dem Blumenmädchen, das der Einladung Loris pünktlich Folge geleistet hat und seither täglich »auf einen kleinen Plausch« ins Freihaus kommt. Fanny betritt jedoch niemals den Korridor, sondern läßt Lori stets in den Hof hinabrufen, wo sie dann ein Langes und Breites zu erzählen hat, meist von dem hübschen jungen Grafen, den Lori bei den Volkssängern kennen lernte. Heute bespricht sie seine feinen Manieren, morgen seinen Reichtum und ein nächstesmal meint sie wieder, daß er gar so toll verliebt sei in ein junges Mädchen, welches er nur ein einzigesmal gesprochen habe und um alles gerne wiedersehen möchte. Lori errötet dann, lacht überlaut und thut als verstünde sie die Anspielung nicht. Fanny dringt auch vorerst nicht weiter in sie, aber ihre Erzählungen von dem verliebten Grafen werden täglich eingehender und rührender. Dabei überbieten sich die beiden Mädchen an harmloser Fröhlichkeit und suchen einander so unbefangen als möglich in die Augen zu sehen. Fanny bringt das vortrefflich zuwege, während Lori doch noch hie und da zu Boden blickt und mitten in einem Ausbruche der natürlichsten Heiterkeit plötzlich gezwungen lächelt. Teilt sie dann der Näherin die neuesten Erzählungen Fannys mit, so verändert sie dieselben wohl auch ein wenig; der junge Graf wird als bereits totkrank vor Liebe und sie selbst als die Prinzessin mit dem Kieselherz dargestellt. Wie die kleine Näherin entzückt aufhorcht! Lori schaut dabei stets mit zerstreuten Blicken ins Leere und um ihren Mund gaukelt immer wieder jenes erwartungsvolle Lächeln, als müsse das sicher erwartete Glück im nächsten Augenblick vom blauen Himmel herab flattern und ihr vor die Füße fallen.

So steht sie eben wieder neben Tini im Hofe und schwatzt von dem gestrigen Besuche Fannys. Da kommt das Blumenmädchen selbst ganz unerwartet daher. Da die kleine Näherin bald merkt, daß Fanny eine wichtige Neuigkeit bringe, macht sie sich bescheiden mit ihrem Kruge am Brunnen zu schaffen. Das Blumenmädchen zieht denn auch Lori nach kurzem Gruße beiseite und beide gehen plaudernd auf und nieder. Tini beobachtet sie heimlich. Sie kann zwar nicht verstehen, was gesprochen wird, allein ab und zu schlägt doch ein halber Satz, ein abgerissenes Wort an ihr Ohr, das eine ganze Reihe von Gedanken in ihr weckt. Allem Anscheine nach sucht Fanny die Freundin zu irgend einem Entschlusse zu bereden, was ihr jedoch nicht sofort gelingen will.

Jetzt kommen beide zurück. Fanny hat sich so sehr in Eifer gesprochen, daß sie die kleine Näherin, die horchend am Brunnen lehnt, gar nicht mehr beachtet.

»Und wenn sich der arme Mensch was anthut?« fragt sie laut und mit eindringlichem Vorwurfe. »Im stand ist er’s!« Die letzten Worte klingen wie eine versteckte Drohung.

Tinis Augen leuchten. Gewiß ist von dem schönen jungen Grafen die Rede! Das ist es, was sie immer prophezeit hat! Fürsten und Grafen müssen sich Loris wegen umbringen, – so ist’s recht! Und neidlos blickt sie auf Lori, die ungläubig, aber doch sichtlich geschmeichelt vor Fanny steht und aufmerksam die Spitzen ihrer Schuhe betrachtet, die unter dem Rocksaume vorgucken.

»Kann ich’s verhindern?« lacht diese jetzt selbstgefällig. »Ich weiß ja gar nicht, wer das hartherzige Mädl ist!«

»Reden wir offen, Lori!« fällt Fanny immer lauter ein. »Du weißt ganz gut, daß der Graf in Dich verliebt ist.« Nach diesem unerwarteten Frontangriffe zieht sie plötzlich ein schwarzes Lederetui aus der Tasche und steckt es Lori zu.

»Da nimm!« sagt sie hastig.

Lori greift rasch nach dem Etui, zögert dann aber eine Weile und öffnet es endlich nur langsam und anscheinend völlig gleichgültig. Aber ihre Hände zittern doch ganz merklich.

»Je, der schöne Ring!« ruft sie jetzt, alle Komödie vergessend, und will das glitzernde Schmuckstück sofort herausnehmen, allein Fanny hat einen neugierigen Blick der Näherin bemerkt und fällt der Freundin in den Arm.

»Er ist vom Grafen!« flüstert sie wieder so heimlich, daß Tini nichts mehr verstehen kann. »Heut‘ abend wird er da durch den Hof gehen, – vielleicht bist Du zufällig herunten, dann kannst Du ihm danken oder ihm den Ring zurückgeben, wenn Du ihn nicht behalten willst!«

Lori will eine Einwendung machen, aber da schlägt es fünf Uhr und Fanny besinnt sich plötzlich, daß sie große Eile habe. »Schon so spät!« ruft sie, die Glockenschläge zählend. »Und ich muß noch zum Gärtner nach Fünfhaus um frische Blumen für heut‘ abend! . . . Also adie, und –« sie faßt beide Hände der Freundin und flüstert ihr mit besonderem Nachdrucke ins Ohr: »Sei g’scheit, Lori!«

Damit huscht sie schon über den Hof und verschwindet eilends in dem dunkeln Durchgange hinter der Kapelle. Lori wendet sich langsam dem Brunnen zu. Sie blickt träumerisch vor sich hin und ihre Finger spielen mit dem schwarzen Etui.

»Was haben S‘ denn da, Fräul’n Lori?« fragt Tini, die ihre Neugierde nicht länger bezwingen kann.

»O nichts!« erwidert Lori mit erkünstelter Gleichgültigkeit. »Es ist nur ein Ring.«

Und sie öffnet das Etui. Tini schlägt entzückt in die Hände. »Herr Gott, ist der aber schön!« ruft sie. »Und die vielen Steine! Sind sie echt? Natürlich, – Ihnen wird doch keiner was Falsches geben! Gewiß von dem schönen jungen Grafen, der sich Ihretwegen umbringen will? Hab‘ ich’s erraten? – Sehen S‘, ich hab’s Ihnen immer gesagt, wenn man so jung und so schön und so lieb ist wie Sie, dann kann’s ja gar nicht fehlen, dann muß das Glück einschlagen!«

Die kleine Näherin plaudert immerzu und blickt dabei so herzensvergnügt drein, als wäre das »Glück« bei ihr selbst eingekehrt. Loris Wangen überfliegt ein leichtes Rot und ihr Atem fliegt . . . Da ist es also, das lang ersehnte Glück! Es streift sie eben, sie kann es festhalten, . . . und das will sie auch! Dennoch heuchelt sie der Vertrauten gegenüber noch immer den kühlsten Gleichmut. Bah, was ist auch an einem Ring gelegen! Das kleine Diamantkreuz darin glitzert freilich ganz artig, – – Lori steckt den Ring an den Goldfinger der rechten Hand und läßt die Steine in der Sonne funkeln.

Tini ist schier geblendet. »Nein, wie das glitzert! Die Augen gehen einem über. Das ist der schönste Verlobungsring, den ich noch gesehen hab‘! Grad wie eine Gräfin schaun Sie damit aus!« Sie tritt geschäftig einige Schritte zurück und wird nicht müde, Hand und Ring zu bewundern. Dazwischen fragt sie immer wieder, ob der junge Graf denn wirklich recht vornehm aussehe, ob er blond oder braun sei, wie er sich trage, wie er spreche, – kurz, sie ist unerschöpflich in Fragen, die umso überflüssiger sind, als Lori ihr dieselben seit dem Abende bei den Volkssängern schon an die hundertmale beantwortet hat.

Dennoch wird Lori, welche den Ring wieder sorgsam in das Etui zurücklegt und dieses offen in der Hand hält, nicht müde, all‘ diese Antworten aufs neue zu wiederholen, ja die beiden Mädchen geraten dabei dergestalt in Eifer, daß Frau Sobotka, welche mit einem Kruge in der Hand aus dem Hause tritt, eine geraume Weile knapp hinter ihnen stehen und ihr Gespräch belauschen kann, ohne von ihnen bemerkt zu werden.

»Ein sehr schönes Ringl!« sagt die Amtsdienersgattin endlich laut und greift nach dem Etui, welches Lori mit einem leisen Aufschrei verbergen will.

Die Nachbarin beruhigt sie. »Ich verrat‘ Sie nicht, Fräul’n Lori!« versichert sie würdevoll. »Mein Gott, man war ja auch einmal jung und hat Präsenter bekommen, wie das Ringl da.«

Sie nimmt es dem Mädchen fast mit Gewalt ab und prüft es mit Kennermiene.

»Solide Arbeit!« erklärt sie dann feierlich. »Unter Brüdern fünfzig Gulden wert. Hätt‘ nicht geglaubt, daß der Herr Sturm so viel überflüssiges Geld hat!«

Tini stößt Lori an und lacht überlegen. »Der ist freilich nicht so reich!« kichert sie seelenvergnügt.

Frau Sobotka wirft einen geringschätzenden Blick auf die kleine Näherin und wendet sich dann wieder Lori zu. »Die neue Bekanntschaft von den Volkssängern, – ja?« forscht sie lauernd. »Hm, muß ein feiner Mann sein, der Herr Graf, wenn er gleich mit so schönen Geschenken anfangt! Den müssen Sie festhalten, Fräul’n Lori. Mein Gott, die Männer sind so flatterhaft! Wenn ich da reden wollt‘ . . .!«

Sie kann ihre Bekenntnisse nicht vollenden, denn eben kommt Frau Stölzl hochgerötet vom nächsten Hofe her und eilt in sichtlicher Aufregung schnurstracks auf die kleine Gruppe am Brunnen zu. Sie sucht ihr Söhnchen, den ›Pepi‹.

»Haben S‘ meinen Pepi nicht gesehn?« ruft sie atemlos. »Er ist zeitlich früh fortg’laufen und ich weiß nicht, wo er steckt!«

Nein, sie haben ihn nicht gesehen. Frau Stölzl stellt sich unter die Korridorfenster.

»Pepi!« kreischt sie hinauf. »Bist vielleicht oben? Komm herunter!«

Oben rührt sich nichts. Die geängstigte Mutter schilt erst, nennt ihr Söhnlein einen nichtsnutzigen Vagabunden, der ihr just wie sein Vater nichts als Kummer und Sorgen bereite, fällt aber sofort wieder in einen weinerlichen Ton, indem sie meint, der Bub‘ sei am Ende doch ihr alles auf der Welt, und wenn ihm etwas zugestoßen wäre, könnte sie es nicht überleben und müßte geradewegs in die Donau laufen, »denn« – schluchzt sie in ihre blaue Schürze – »der Pepi ist halt doch die einzige Erinnerung an meinen Seligen, und der war eine gar so gute und treue Haut!«

Während die dicken Thränen über ihre roten Backen laufen, bemerkt sie plötzlich den Ring, den Frau Sobotka noch in Händen hält. Erstaunt läßt sie die Schürze fallen und fragt eifrig:

»Was haben S‘ denn da, Frau Nachbarin?« Hierauf neue Bewunderung, neue Beglückwünschung der so reich Beschenkten, neue Versicherung tiefster Verschwiegenheit, – Pepi und sein verstorbener Vater sind für eine Weile vergessen. Lori muß auf Wunsch der resoluten Witwe den Ring nochmals anstecken und ihn neuerdings in der Sonne funkeln lassen. Das junge Mädchen biegt sich zierlich zurück, schwenkt den Arm ein wenig auf und nieder und beäugelt selbst mit immer wachsendem Vergnügen das lebhafte Farbenspiel der Steine. Dabei wirft sie von Zeit zu Zeit einen raschen Seitenblick auf die Nachbarinnen, welche sich zwar höchlich entzückt geberden, in Wahrheit jedoch eine leise Verstimmung nicht völlig bemeistern können. Das ist es, was Lori mit besonderer Genugthuung erfüllt. Ein unbeneidetes Gut ist wertlos, jetzt erst freut sie sich des schönen Schmuckstückes. Vorsichtig löst sie den Ring vom Finger, legt ihn mit absichtlicher Umständlichkeit endgültig in das hübsche Etui zurück und steigt mit ihrem Schatze langsam die Treppe empor.

Oben auf dem Korridore ergeht sich Frau Schober noch immer in weitschweifigen Erörterungen der Frage, welche die Tänzerin unvorsichtiger Weise aufgeworfen hat.

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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