Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

»Aber wie hart und mühselig!«

»Ach was, mir kommt’s nicht hart vor, – ich bin ja jung!« Marie sagt das fast fröhlich. Und mit geheimnisvollem Lächeln fährt sie leiser fort: »Ich geb‘ auch nicht alles her, was ich verdien‘! Bst! Sie dürfen mich ja nicht verraten! Alle Tag‘ zieh‘ ich ein paar Kreuzer ab und steck‘ sie heimlich dort in mein Bett.«

Sie springt geschäftig auf und zieht Fräulein Kathi an ihr Lager. »Sehen S‘, in dem Tüchl da liegt es eingeschlagen!« flüstert sie stolz. »Es sind schon drei Gulden und fünfundzwanzig Kreuzer, – ja! das gehört für den Zins, damit sie uns nicht aus der Wohnung schaffen können! Man muß an alles denken!«

Dabei läßt sie die Silbermünzen langsam durch die Finger gleiten. »Es wird alle Tag mehr!« wispert sie vergnügt wie ein Kind. »Wenn es zehn Gulden sind, trag ich’s in die Sparkasse!«

Dann verbirgt sie ihren Schatz wieder sorgsam, glättet die Bettdecke und kehrt zu ihrer Arbeit zurück, die sie mit doppeltem Fleiße aufnimmt. Die Tänzerin hat sich inzwischen an dem Tische zu schaffen gemacht und während sie dem Mädchen eifrig zuzuhören schien, ihre Rose unter ein leichtes Tuch geschoben, welches die fertige Arbeit Mariens bedeckt. Nun setzt sie sich wieder und meint nach einer Pause:

»Sie müssen nicht bös sein, Fräul’n Marie, wenn ich Ihnen die schöne Freude verderb‘, aber ich fürcht‘ halt immer, Ihr Fleiß und Ihr Sparen bleiben umsonst, so lang Ihr Herr Vater alles wieder . . . vertrinkt! – Nein, nicht auffahren, liebes Kind; Sie wissen ja, wie herzlich ich’s mit Ihnen mein‘. Ihr Herr Vater geht jetzt alle Abend ins Wirtshaus und kommt erst spät in der Nacht mit einem tüchtigen Rausch nach Haus. Wie lang wollen Sie das bestreiten? Und was soll aus Ihnen allen zuletzt noch werden?!«

Marie ist bleich geworden und ihre Hand zittert. »O, so schlimm ist’s doch nicht!« erwidert sie mit leise abwehrendem Kopfschütteln. »Hie und da trinkt der Vater wohl, das ist wahr, – aber er thut’s nicht, weil er eine Freud‘ d’ran hat, – o nein! Er hat ja früher nie was getrunken! Er ist nur ein bißl schwach und laßt sich halt gar so leicht verführen!«

»Von dem Schlosser?«

Marie nickt heftig und ihr bleiches Gesicht nimmt einen Ausdruck tiefen Hasses an.

»Ja, von Kumpf,« wiederholt sie bitter. »Das ist ein heimtückischer, grundschlechter Mensch, der den Vater zu allem Unrechten verleitet. Seit er wieder ins Haus kommt, ist’s rein, als ob alles Unglück auf uns losgelassen wär‘!«

»Aber was hat er denn davon, daß er Ihren Herrn Vater so weit bringt?« fragt die Tänzerin erstaunt.

Marie errötet und beugt sich tiefer über ihre Arbeit.

»Ich weiß nicht!« sagt sie zögernd. »Im vorigen Jahr ist er öfter zu uns gekommen, hat aber den Vater zu nichts Bösem verführt. Er ist mir damals überall nachgestiegen, obschon ich’s ihm oft genug gesagt hab‘, daß er mir zuwider ist. Aber der grausliche Mensch hat nicht nachg’lassen und wie er mich einmal grad allein in der Wohnung trifft, wird er so zudringlich, daß es mich in allen Fingern g’juckt hat, ihm eine tüchtige – Antwort zu geben. Ich hab’s aber nicht gethan und da hat er erst recht von seiner Lieb‘ zu reden ang’fangen und ist endlich sogar mit ausgestreckten Armen auf mich zugegangen. Da hab‘ ich ihm einen Stoß gegeben, daß er durch die halbe Stub’n zurückg’flogen ist. Woher ich damals die Kraft g’nommen hab‘, weiß ich heut‘ noch nicht. Er ist aufg’sprungen und wollt‘ auf mich losstürzen, aber da geht zum Glück die Thür‘ auf und der Vater kommt heim. Der hat ihm dann freilich g’schwind gezeigt, wo der Zimmermann das Loch g’lassen hat, aber ich hab’s nachher noch lang anhören müssen, daß ich ein nichtsnutziges Geschöpf wär‘ und ihn selber ang’lockt hätt‘, – ich!«

Sie begleitet das letzte Wort mit einem schmerzlich verwunderten Lächeln.

Fräulein Kathi reicht ihr die Hand.

»Machen Sie sich nichts draus, Fräul’n Marie,« sagt sie tröstend. »Wer Sie nur ein bißl kennt, der glaubt ja doch nichts Schlechtes von Ihnen!«

Marie drückt die dargebotene Hand. »Seitdem hab‘ ich den Menschen nicht mehr g’sehen,« fährt sie fort, »bis er vor einer Woche auf einmal wieder daher gekommen ist. Ich hab‘ schon alles Mögliche probiert, um ihn fortzutreiben, aber er geht nicht. Wenn er mit dem Vater neben in der Stub’n ist und seine niederträchtigen Hetzereien vorbringt, dann geh‘ ich alle Augenblick‘ hinein und stör‘ sie. Aber der Vater ist halt ein bißl jähzornig, . . . Sie kennen ihn ja ohne dies!« . . .

Sie unterbricht sich und fährt dann errötend fort. »Manchmal riskier‘ ich’s aber doch, paß‘ den Kumpf in der Küche ab und sag‘, daß der Vater nicht zu Haus ist. Anfangs hat das ein paarmal geholfen, aber jetzt merkt er’s schon wenn ich lüg‘, und fangt so laut zu reden an, daß ihn der Vater hört und heraus kommt. Dann muß ich nur schaun, daß ich dem Vater an dem Tag nicht mehr vor die Augen komm‘, sonst setzt’s was ab!«

»Arme Marie!«

Die Tänzerin sagt das mit so inniger, schier mütterlicher Zärtlichkeit, daß Marie ihr dankbar zunickt und mit leise zuckender Lippe erwidert:

»Wie gut Sie sind, Fräul’n Kathi! Zu Ihnen kann ich so recht vom Herzen sprechen, Sie sind ja auch die einzige, die mir wieder ein freundliches Wort giebt!«

»Na, na, deswegen müssen S‘ nicht gleich das Köpferl hängen lassen und so trübselig in die Welt schaun, als ob Ihnen die Hendln das Futter wegg’fressen hätten! Es giebt schon noch Leut‘, die Ihnen gut sind, – herzensgut!«

Marie sieht fragend auf, da sie aber einen schalkhaften Zug um den Mund der alten Freundin bemerkt, schüttelt sie abwehrend den Kopf und beugt sich dann mit einem schweren Seufzer tief über ihre Arbeit. Fräulein Kathi fährt mit der mageren Hand liebkosend über den blonden Scheitel des Mädchens.

»Sie wollen also wirklich nichts wissen von dem armen Riedl?« fragt sie sanft. »Schad‘! Er ist ein gar so viel braver und grundehrlicher Mensch! Ein bißl närrisch auch, das ist wahr, – aber Du lieber Himmel, das kommt halt von der Kunst, ich war zu meiner Zeit auch nicht anders.«

Sie verfällt in ein lächelndes Sinnen. Dann hebt sie wieder an. »Und gern hat er Sie! Wenn ich ihn manchmal von Ihnen reden hör‘, kommt mir meiner Seel‘ das Wasser in die Augen.«

Marie schweigt und stichelt eifrig weiter. Nach einer Weile hebt sie langsam den Kopf und blickt der Tänzerin voll in die Augen.

»Na meinetwegen,« sagt diese betrübt und küßt das junge Mädchen auf die Stirne. »Jetzt geh ich, – behüt‘ Sie Gott!«

Marie will aufstehen.

»Werden S‘ gleich sitzen bleiben?« droht Fräulein Kathi lachend. »Ich komm‘ sonst nie mehr zu Ihnen!«

»Also adie! Ich dank‘ für den lieben Besuch!«

Die alte Tänzerin winkt noch einmal recht herzlich und drückt sich dann aus der Kammer.

Das junge Mädchen arbeitet still weiter. Da es nach einer Weile die Schere sucht und das Tuch aufhebt, unter welchem die fertige Arbeit sorglich geschlichtet liegt, entdeckt es die Rose, welche Fräulein Kathi da hinunter geschmuggelt hat. »Wie gut sie doch ist!« denkt Marie und ihre Augen leuchten. Sie riecht ein paarmal an der zarten Blüte und stellt sie dann sorglich in ein Glas, das sie ans Fenster rückt.

Die Tänzerin findet in der Küche Frau Schober, welche dort unter unausgesetztem Brummen und höchst unwirschen Selbstgesprächen die Töpfe und Teller in einem großen Wasserschaffe rein spült. Fräulein Kathi huscht grüßend an ihr vorbei und nimmt ihr gewohntes Nachmittagsplätzchen am Korridorfenster ein. Frau Schober späht von Zeit zu Zeit mit einem fragenden Blicke hinüber, da aber die Tänzerin emsig die glitzernden Nadeln ihrer Strickarbeit kreisen läßt und gar nicht aufsieht, geschweige denn ein Gespräch anknüpft, so murrt die beleibte Frau etwas vor sich hin und reibt ingrimmig weiter an dem verbogenen Blechdeckel des Kochtopfes, den sie just in Händen hält. Dabei hat sie die weiten Ärmel ihrer ausgewaschenen gelben Jacke hoch aufgeschlagen und den faltigen Rock zwischen den Knieen eingeklemmt.

Endlich vermag sie das Schweigen nicht länger zu ertragen. Sie räuspert sich laut, um Fräulein Kathis Aufmerksamkeit zu erregen, und will, nachdem ihr dies gelungen ist, eben einen kleinen »Plausch« beginnen, da kommt Marie, zum Ausgehen bereit, durch die Küche.

»Ich geh‘ in die Stadt, Frau Mutter!« sagt das Mädchen flüchtig, wechselt einen herzlichen Gruß mit der Tänzerin und wendet sich der Treppe zu. Die Mutter sieht ihr finster nach. Es geht ihr jetzt ganz seltsam mit der älteren Tochter. Sie kann den Blick nicht vergessen, mit welchem Marie in jener Unglücksnacht an ihr vorbeistürmte, um dem Vater zu Hilfe zu eilen. Ihr stiller Groll gegen Marie erhält durch diese peinvolle Erinnerung nur noch neue Nahrung.

Sobald das Mädchen im Stiegenhause verschwunden ist, verläßt Frau Schober eilends die Arbeit und stellt sich, die roten Arme in die Hüften gestemmt, vor ihre Thüre.

»Es ist wirklich merkwürdig!« sagt sie zornig. »Alle Augenblick‘ hat das Mädl jetzt was in der Stadt zu thun!«

»Sie muß doch die Arbeit auswechseln!« erwidert Fräulein Kathi vorwurfsvoll.

»Die Arbeit! Natürlich, das ist allemal die große Ausred! Leg‘ ich vielleicht die Händ‘ in den Schoß? Ja?! Freilich treib‘ ich kein solches Wesen mit meiner Arbeit. Ich bin aber eine alte Person und gar nicht gesund, mich strengt’s deshalb auch viel mehr an als das junge Geschöpf, das am liebsten die Prinzessin spielen und gar nichts thun möcht‘! . . . Hm, so ein bißl Nähen oder Sticken, . . . da ist auch was dahinter!«

Die Tänzerin strickt emsig weiter und antwortet nicht. Nach einer Weile kommt Vater Schober heim. Er geht ohne zu grüßen an den Frauen vorüber, die ihm kopfschüttelnd nachsehen. Seine Gattin folgt ihm und fragt ängstlich, ob er den Advokaten angetroffen habe? Der Polier brummt eine unverständliche Antwort und schlägt die Stubenthüre so heftig hinter sich zu, daß die Fensterscheiben klirren.

»Er ist aber nicht besonders artig, Ihr Herr!« meint Fräulein Kathi, die ihren Unwillen nicht länger bemeistern kann.

Frau Schober seufzt und beginnt ihre alten Klagen.

»Es ist aber auch wirklich ganz aus der Weis‘,« schluchzt sie, »wie mich das Unglück verfolgt! Auf meine alten Tag‘ nichts als Kummer und jetzt noch die schwere Arbeit dazu. Nirgends eine Hilf‘, nirgends eine Unterstützung . . .«

»Sagen S‘ mir nur einmal, Frau Schober,« wirft die Tänzerin anscheinend harmlos ein, »warum lassen Sie sich denn nicht von Ihrer Lori helfen?«

Frau Schober sieht sie verblüfft an. Die Frage scheint ihr ganz ungeheuerlich.

»Von der Lori?« wiederholt sie nach einer Pause. »Aber Fräul’n Kathi, wo denken S‘ denn hin? Die Lori ist doch nichts für die grobe Arbeit! Und dann, . . . die Arme hat ja ohnehin so wenig von ihrem jungen Leben, soll sie sich vielleicht auch noch im Haus plagen und so rote, zerschundene Händ‘ bekommen wie ich? O nein, das wär‘ gar zu ungerecht!«

Zu ungerecht! Die Mutter spricht damit nur ihre innerste Überzeugung aus, denn für Lori hat von jeher ein Ausnahmegesetz gegolten. Wer hat es aufgestellt? Niemand weiß es, aber niemand dachte jemals ernstlich daran, es anzutasten. Lori selbst hat nie gefragt, woher ihre bevorzugte Stellung im Hause komme, ja diese ist ihr kaum jemals recht zum Bewußtsein gelangt. Seit sie denken kann, wurde sie gehätschelt und verwöhnt. Sie nahm ihr besseres Leben auch stets so hin wie das Essen, das ihr täglich vorgestellt wurde, und wie die Kleider, die sie anzog: ohne sonderliches Dankgefühl. Es war einfach etwas Selbstverständliches, das ihr gebührte. Und so hält sie es noch heute . . .

Seit dem Abende bei den Volkssängern geht sie vollends wie in einem beständigen Traume herum. Des Vaters häufige Trunkenheit, die angestrengte Arbeit der Schwester und die immergleichen Klagen der Mutter beachtet sie nicht weiter, ja der Alltagsjammer im Hause scheint sie jetzt weniger als früher zu quälen und zu ermüden. Auf ihrem runden rosigen Gesichtchen, aus dem die blühende Gesundheit leuchtet, hat sich ein Lächeln der Geringschätzung festgenistet. Der kleine Mund mit den vollen, ein wenig aufgeworfenen Lippen zieht sich ganz leichthin in die Breite und ein hochmütiges Zucken der Nasenflügel sagt es deutlich genug: Was liegt mir an all‘ den kleinlichen Sorgen und Plackereien? Über ein Kurzes lasse ich sie ja doch tief unter mir und fliege hinauf . . . hinauf!

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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