Carl Karlweis | Wiener Kinder 4. Kapitel

Viertes Kapitel.

»Er wird’s nicht wieder thun.«

Eine Woche später, die Mittagssonne lugt eben durch die Korridorfenster, tritt Vater Schober langsam und zögernd in die Thüre seiner Wohnung. Er hat den Hut tief in die Stirne gezogen und späht mit verdrossener Miene den Korridor entlang. Erst da er diesen völlig still findet, tritt er heraus, drückt sich an der Wand hin bis zur Treppe und stolpert eilends hinab. Sobald seine schweren, ungleichmäßigen Schritte verhallt sind, öffnet sich die nur angelehnte Thüre von Fräulein Kathis Wohnung, die alte Tänzerin schlürft über den Korridor und blickt durch das vergitterte Fenster in die Schobersche Küche. Mit der Rechten hält sie ein buntfärbiges Tuch fest, das sie um den Hals gebunden hat, indes die Linke eine halbaufgeblühte Rose vorsichtig mit den Fingerspitzen faßt und sie, als ob es eine Überraschung gälte, hinter dem Rücken verborgen hält. Nachdem Fräulein Kathi sich überzeugt hat, daß die Küche leer ist, tritt sie vorsichtig ein. In dem schwach erhellten Raume ist’s still wie auf dem Korridor, im Herde glimmt ein verlöschendes Feuer, ein paar Töpfe, Schüsseln und Teller mit kärglichen Speiseresten stehen zerstreut auf der schwarzen Platte, während allerlei Abfälle und zerbrochene Küchengeräte das rote, schmutzigfeuchte Ziegelpflaster bedecken.

Die alte Tänzerin blickt mißbilligend um sich.

»Wie’s da ausschaut!« murmelt sie. »Wenn man denkt, wie spiegelblank die Marie alles gehalten hat, und wie ihre Mutter jetzt wirtschaftet!« . . .

Mit einem Seufzer hebt sie ihr sauberes Kleid ein wenig auf, trippelt behutsam durch die Stube und pocht an die Kammerthüre.

»Herein!« ruft scharf und nicht allzu einladend die helle Stimme Mariens. Fräulein Kathi tritt ein. In der schmalen, weiß getünchten und nur ärmlich eingerichteten Kammer sitzt Marie allein. Sie hat den kleinen Tisch in die Fensternische gerückt und hockt dort, über eine Stickerei gebeugt. Ihre Wangen sind zwar vom Eifer der Arbeit ein wenig gerötet, unter dem flüchtigen Rot guckt aber jene gelbliche Blässe durch, welche Nachtarbeit und dumpfe Zimmerluft erzeugen. Ihre Augen blicken recht müde, da sie jetzt unwillig vom Stickrahmen zur Thüre wandern, und die kleine Falte zwischen den Brauen hat sich noch tiefer in die weiße Stirn gegraben. Sobald Marie in der Eintretenden die alte Freundin erkennt, erhellt sich ihre Miene; mit einem herzlichen Gruße will sie aufspringen, allein Fräulein Kathi drückt sie auf den Stuhl zurück.

»Wenn Sie nicht sitzen bleiben, Fräul’n Marie, geh‘ ich gleich wieder fort!« sagt sie bestimmt, und das Mädchen muß ruhig weiter arbeiten.

»Ich komm‘ ja nicht um Sie zu stören!« erklärt die Tänzerin eifrig. »Nur ein bißl G’sellschaft will ich Ihnen leisten und dann gleich wieder verschwinden. An Ihrer Arbeit hängt so viel! Glauben Sie, ich weiß nicht, daß Sie jetzt allein das Haus erhalten, seit Ihr Herr Vater statt etwas zu verdienen Ihr mühselig erworbenes Geld ins Wirtshaus trägt? Es ist zwar nicht schön von ihm, daß . . .«

Marie sieht bittend auf, Fräulein Kathi hält verlegen inne und meint dann stockend:

»Nun ja, Sie wollen nicht, daß man davon red’t, – ich weiß schon! Ich thu’s auch nicht mehr, . . . aber es drückt mir das Herz ab, wenn ich seh‘, wie Sie armes Kind sich abquälen, während die andern . . .«

Marie schüttelt eifrig den Kopf. »Sie müssen nicht so reden!« sagt sie ernst. »Sehen Sie, Fräul’n Kathi, der Vater kann jetzt nicht arbeiten. Er bekommt keinen Platz, weil er im Prozeß ist mit seinem Baumeister.«

»Mit Herrn Wiesinger?«

»Ja, . . . und mit der ganzen Genossenschaft dazu! Es nimmt ihn keiner! Seit er vom Gerüst gestürzt ist, haben sich alle recht schlecht gegen ihn benommen. Aber sie werden’s gewiß noch bereuen! Der Advokat sagt, daß der Vater den Prozeß ganz sicher gewinnen muß, und dann haben wir wieder Geld genug! Freilich hat der Vater den letzten Rest von seinem Ersparten, das in der Krankheit ohnehin stark zusammen g’schmolzen ist, als Vorschuß hergeben müssen, für die ersten Kosten. Aber das macht nichts. Derweil schau halt ich dazu, daß wir nicht gar zu tief in Schulden kommen, und so geht’s schon wieder!«

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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