Karl Valentin | Die Raubritter vor München | Der Firmling

Der Firmling

Die Bühne gehört – durch ein Plakat mit der Aufschrift ›Weinterrasse‹ gekennzeichnet – zum Zuschauerraum. Sie ist rosa tapeziert und zeigt im Hintergrund gemaltes Publikum, das an kleinen Tischen sitzt. Im Vordergrund sind drei Tische weiß gedeckt, darauf stehen Zahnstocher in Ständern, die Spitzen nach oben, und als Tafelschmuck Tannenzweige in Vasen. Eine Anrichte trägt Sektkübel, Zigarettenschachteln, Teller, Salzstreuer, Gläser, Strohhalme, Bestecke und bunte Zigarrenkisten. Zur Einleitung geht die Musik in ›Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten‹ über. Karl Valentin spielt den Vater.


Beide kommen vom Publikumseingang her durchs Lokal und suchen einen Platz, finden ihn aber nach vielem Anstoßen unter Assistenz des dicken, beschürzten Oberkellners in weißem Sakko erst auf der als Weinterrasse hergerichteten Bühne. Pepperl (Liesl Karlstadt) hat viel zu große weiße Handschuhe an den Händen und trägt darin eine lange Kommunionkerze mit einer riesigen weißen Seidenschleife. Damit bleibt er auf dem Podium gleich am ersten Stuhl hängen, der krachend umfällt.

Vater: No, Depp . . .

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (91)

91. Die Martyrergräber

Abbildung von St. Maximin auf demTrierer Gerichtsbild von 1589

Sankt Maximin heißt unterhalb Trier am Moselflusse eine alte, weitberühmte Abtei. Schon die Stätte, darauf sie steht, soll zur Heidenzeit einen Dianentempel getragen haben, und als ihrer Gründer rühmt sie sich des Kaisers Konstantin des Großen und seiner Gemahlin Flavia Helena. Zuerst wurde das Stift in die Ehre Johannes des Täufers geweiht, dann in die des heiligen Hilarius, unter dem vierten Abt Tranquillus aber erhielt das Stift den Leichnam Sankt Maximins und trug nun von diesem den Namen. In diesen Gegenden – manche sagen bei Neumagen – soll es gewesen sein, daß dem Kaiser Konstantin dem Großen das Kreuzeszeichen am Himmel erschien mit dem berühmten I. H. S. In Hoc Signo – scilicet vinces, in diesem Zeichen wirst du siegen, welche Buchstaben nach alter Schreibart den Namen Iesus bedeuten. Hier sollen die heiligen Kirchenväter Ambrosius, Hieronymus und Athanasius eine Zeitlang gelebt, hier soll der letztere das nach ihm benannte Glaubensbekenntnis niedergeschrieben haben. Hier ruhen die Erzbischöfe Nicetius und Basinus, hier ruht Ada, Karls des Großen Schwester, welche einen Codex aureus der Evangelien schrieb.

Und nahe bei Sankt Maximin liegt auf diesem uralt-heiligen Boden des Trierschen Gaues die Abtei zu Sankt Paulini. Die Krypta dieses Klosters ward zum riesigen Aschenkrug für eine Reihe der vornehmsten Märtyrer. Rictiovar, Kaiser Maximinians Präfekt, verfolgte auf seines Herrn Befehl die christliche sogenannte Thebanische Legion allenthalben, auch in dieser Gegend, und mordete schonungslos. Paulinus, Triers Erzbischof, wurde in eisernen Ketten aufgehenkt; einen der Heerführer der Legion, namens Tirsus, begrub man zur linken Paulins, den Konsul Palmatius ihm zur rechten Hand. Zu Häupten des Heiligen ruhten sieben Ratsherrn, die mit den Thebanern zugleich die Martyrerkrone empfingen, unter ihnen einer des Namens Maxentius. An diese reihten sich Constantius, Crescentius, Justinus, Leander, Alexander, Soter, die letzten drei Brüder. Zu Sankt Paulini Füßen wurden vier Martyrer beigesetzt, welche Rictiovar vor seinen Augen enthaupten ließ nach vorhergegangenen gräßlichen Martern: Hormisda, Papinius, Constans und Jovianus. Das Blut der gemordeten Tausende in Trier und auf diesem Gebiete floß in Bächen hinab zur Mosel und färbte ihre Wogen weit hinab rot, bis zum Schlosse Neumagen.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Am ersten Sonntag in der Fasten

Evang.: Von der Versuchung Christi


»Sprich, daß diese Steine Brode werden!
Laß dich deine Engel niedertragen!
Sieh die Reiche dieser ganzen Erden!
Willst du deinem Schöpfer nicht entsagen?«
Dunkler Geist, und warst du gleich befangen,
Da du deinen Gott und Herrn versucht:
Ach, in deinen Netzen zahllos hangen
Sie, verloren an die tück’sche Frucht.
Ehrgeiz, Hoffahrt, dieser Erde Freuden,
Götzen, denen teure Seelen sterben.

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Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [19]

Danach

Es wird nach einem happy end 
im Film gewöhnlich abjeblendt. 
        Man sieht bloß noch in ihre Lippen 
        den Helden seinen Schnurrbart stippen – 
        da hat sie nu den Schentelmen. 
                Na, un denn –?

Denn jehn die beeden brav ins Bett. 
Na ja … diss is ja auch janz nett. 
        A manchmal möcht man doch jern wissn: 
        Wat tun se, wenn se sich nich kissn? 
        Die könn ja doch nich imma penn…! 
                Na, un denn –?

Denn säuselt im Kamin der Wind. 
Denn kricht det junge Paar n Kind. 
        Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba. 
        Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba. 
        Denn wolln sich beede jänzlich trenn… 
                Na, un denn –?

Denn is det Kind nicht uffn Damm. 
Denn bleihm die beeden doch zesamm. 
        Denn quäln se sich noch manche Jahre. 
        Er will noch wat mit blonde Haare: 
        vorn doof und hinten minorenn… 
                Na, un denn –?

Denn sind se alt. 
                                Der Sohn haut ab. 
Der Olle macht nu ooch bald schlapp. 
        Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit – 
        Ach, Menschenskind, wie liecht det weit! 
        Wie der noch scharf uff Muttern war, 
        det is schon beinah nich mehr wahr! 
        Der olle Mann denkt so zurück: 
        Wat hat er nu von seinen Jlück? 
        Die Ehe war zum jrößten Teile 
        vabrühte Milch un Langeweile. 
Und darum wird beim happy end 
im Film jewöhnlich abjeblendt.

1930

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Der Bademeister…

Der Bademeister beobachtet drei Seniorinnen alle um die 80 wie sie ihre Bahnen ziehen. Die Erste 5 Minuten ohne Pause. Nicht schlecht denkt er sich. Die Zweite 10 Minuten auch ohne Pause. Auch nicht übel. Aber die Dritte übertrumpf die beiden: 10 Minuten, 15 Minuten eine halbe Stunde ebenfalls ohne Pause. Da kann sich der Bademeister nicht länger zurückhalten. Er spricht die Seniorin an: „Donnerwetter gnädige Frau für ihr Alter haben sie aber noch eine sehr gute Kondition wie gib´s den das?“ Die Frau schaut den Bademeister an schmunzelt verschmitzt und sagt, während sie weiter ihre Bahnen zieht: „Ach wissen sie guter Mann, ich wahr in meinen jungen Jahren Nutte in Venedig“.