Seemann Kuttel Daddeldu | Gladderadatsch

Es hatte ein Igel sich geckenhaft und blasiert
Am ganzen Körper von oben bis unten rasiert,
Weil er abstechen wollte.
Stach wirklich auch ab. Da nahte ein Fuchs.
Worauf der Igel sich igelartig zusammenrollte.
Aber der Fuchs verschluckte ihn flugs.
Igel bat Fuchsen, ihn doch wieder auszubrechen;
Er sei ein Igel und könnte empfindlich stechen.
Und mittelst bauchrhetorischer Worte
Sprach der Fuchs: »Sie müssen verzeihn;
Ich hielt Sie für ein kindliches Schwein,
Werde nun aber sofort Sie befrein.
Wenn ich bitten darf – durch die Hinterpforte.«
Der Igel gab keinem Laut
Mehr von sich. Er war schon verdaut.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (90)

90. Frevel wird bestraft

Als im Jahre 1673 die Franzosen Trier belagerten, machten sie ringsum vor der Stadt alle Klöster der Erde gleich. Dem Kommandanten wurde auf das beweglichste zugeredet, nicht also zu verfahren, und ihm zu verstehen gegeben, keinem gehe es gut aus, der sich an Gotteshäusern und frommen Stiftungen mit frevelnder Hand vergreife. 

Der Kommandant aber sagte: Das ist nicht meine, sondern des Königs Sache, der es also haben will und befiehlt; hole mich der Teufel, wenn das Kloster nicht bis heute abend ein Aschenhaufen ist! – Kaum hatte er das gesagt, da er gerade auf einer Brücke hielt, so tat sein Pferd einen plötzlichen Satz, übersprang die Brückenbrustwehr und stürzte zusamt dem Reiter in die Mosel, wo der Reiter unten hin und das Pferd auf ihn zu liegen kam; Roß und Reiter hatten den Hals gebrochen.

Dieses Kommandanten Nachfolger ritt auch dorthin, da warnte ihn die Schildwache und sagte: Hier ist nicht sicher reiten, auch zielt der Feind nach diesem Punkt. – Ho! lachte der Kommandant, der Feind kann mich hintenhin treffen. – In diesem Augenblicke fiel auf einer Bastion ein Schuß, und der Kommandant tat einen lauten Schmerzensschrei und stürzte samt dem Pferde. Die Kugel hatte den von ihm bezeichneten Ort wirklich getroffen, war aber nicht auf halbem Wege geblieben, sondern vorn wieder heraus und dem Pferde durch den Hals gedrungen.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Blondinen

Eine atemberaubende Blondine betritt das Casino. Sie kauft sich Jetons und geht zum Roulette-Tisch.

Dort angekommen fragt sie die Croupiers: „Darf ich mich ausziehen? Wenn ich nackt spiele, gewinne ich immer.“

Die Croupiers sind etwas erstaunt, entscheiden sich aber, dem Wunsch nachzugeben.

Die Blondine legt alle Jetons auf den Tisch und entkleidet sich.

Die Kugel rollt.

Die Kugel fällt auf eine Nummer.

Die Blondine ist außer sich: „Hurra! Ich habe gewonnen! Ich habe gewonnen! Ich habe …“

Sie nimmt alle Jetons vom Tisch und verschwindet.

Nachdem die Croupiers wieder bei Sinnen sind fragt einer den anderen: „Auf welche Zahl hat sie überhaupt gesetzt?“

„Ich dachte du…“

„Nein, ich dachte du…!“

Und was lernen wir daraus?

Blondinen sind nicht doof. Aber alle Männer sind Männer!

Doofe Leute sollten Schilder tragen

Doofe Leute sollten Schilder tragen müssen, auf denen steht: Ich bin doof!

Dann würde man sich nicht auf sie verlassen, oder? Du würdest sie nichts fragen. Es wäre wie „tschuldigung, ich…äh, vergiss es. Hab das Schild nicht gesehen.“ Man wüsste zumindest, was auf einen zukommt.

So wie letzes Jahr, als ich mit meiner Familie mitten im Umzug stand. Die ganze Wohnung voll mit Umzugskartons, der Lkw vor der Tür. Mein Nachbar kommt rüber und fragt: „Hey, du ziehst um?“
„Nö. Wir packen nur ein- bis zweimal die Woche unsere Klamotten ein, um zu sehen, wieviel Kartons wir dafür brauchen. Hier ist dein Schild!“

Letzten Sommer war ich mit nem Freund angeln. Wir zogen sein Boot an Land und holten gerade unseren Fang aus dem Boot, als dieser Idiot von der Anlegestelle kam und fragte: „habt ihr all die Fische gefangen?“
„Nö. Wir haben sie überredet aufzugeben. Hier ist dein Schild!“

Letztens hatte ich nen Plattfuß. Ich also zur nächsten Tankstelle. Kommt einer auf mich zu, wirft nen Blick auf die Karre und fragt: „Reifen platt?“ Ich konnte einfach nicht widerstehen.
„Nö, ich fuhr gerade so rum, als sich die anderen drei plötzlich aufpumpten. Hier ist dein Schild!“

Vor kurzem wollte ich mein Auto verkaufen. Kommt so ein Typ rüber, macht ne dreiviertel Stunde Probefahrt. Als er zurückkommt, steigt er aus, bückt sich, greift an den Auspuff und schreit „Scheisse, ist das heiss.“
Siehst du? Hätte er sein Schild getragen, hätte ich ihn abhalten können.

Ich bin früher mal Sattelschlepper gefahren. Einmal verschätzte ich mich bei der Höhe einer Brücke, verkeilte den Lkw und kam nicht wieder los, egal was ich auch versuchte. Über Funk hab ich Hilfe angefordert. Dann kam ein Polizist und fing an, einen Bericht zu schreiben. Er stellte die üblichen Fragen… ok… kein Problem. Ich war mir schon fast sicher, dass er kein Schild bräuchte… bis er fragte „… also…, ihr Lkw hat sich verkeilt?“ Ich konnte mir nicht helfen. Ich schaute ihn an, blickte zurück zum Sattelschlepper, dann zurück zu ihm und sagte:
„Nö. Ich liefere eine Brücke. Hier ist dein Schild!“

Wenn du heute Abend länger arbeiten musst und ein/e Kollege/-in bei dir reinschaut und fragt: „Du bist immer noch hier?“, dann antworte:
„Nö. Bin schon vor ner Stunde gegangen. Hier ist dein Schild!!!“

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [18]

An die Berlinerin

Mädchen, kein Casanova 
hätte dir je imponiert. 
Glaubst du vielleicht, was ein doofer 
Schwärmer von dir phantasiert? 
Sänge mit wogenden Nüstern 
Romeo, liebesbesiegt, 
würdest du leise flüstern: 
»Woll mit die Pauke jepiekt –?« 
Willst du romantische Feste, 
gehst du beis Kino hin … 
         Du bist doch Mutterns Beste, 
         du, die Berlinerin –!

Venus der Spree – wie so fleißig 
liebst du, wie pünktlich dabei! 
Zieren bis zwölf Uhr dreißig, 
küssen bis nachts um zwei. 
Alles erledigst du fachlich, 
bleibst noch im Liebesschwur 
ordentlich, sauber und sachlich: 
Lebende Registratur! 
Wie dich sein Arm auch preßte: 
gibst dich nur her und nicht hin. 
         Bist ja doch Mutterns Beste, 
         du, die Berlinerin –!

Wochentags führst du ja gerne 
Nadel und Lineal. 
Sonntags leuchten die Sterne 
preußisch-sentimental. 
Denkst du der Maulwurfstola, 
die dir dein Freund spendiert? 
Leuchtendes Vorbild der Pola! 
Wackle wie sie geziert. 
Älter wirst du. Die Reste 
gehn mit den Jahren dahin. 
Laß die mondäne Geste! 
         Bist ja doch Mutterns Beste, 
         du süße Berlinerin –!

1922

Kurt Tucholsky (1890-1935)