Verfremdung

Verfremdung als Mittel zur Erkenntnis – Ein beschämend traurig witziges Beispiel

Eine Frau und ein Mann in einem Heißluft Ballon haben die Orientierung verloren. Sie gehen tiefer und sichten endlich einen Mann, der zu ihnen nach oben blickt:
„Entschuldigung, können Sie uns helfen? Wir haben jemand versprochen, ihn zu treffen, wissen aber nicht, wo wir sind.“
Der Mann am Boden antwortet: „Ja, Sie sind in einem Heißluft Ballon in ungefähr 10 m Höhe über Grund. Sie befinden sich auf dem 49. Grad, 28 Minuten und 11 Sekunden nördlicher Breite und 8 Grad, 28 Minuten und 58 Sekunden östlicher Länge.“
„Sie verfügen offensichtlich über Fachwissen, haben wohl eine solide wissenschaftliche Ausbildung“, ruft einer der beiden aus dem Ballon.
„Stimmt“, antwortet der Mann. „Woher wissen Sie das?“
„Nun“, sagt der Ballonfahrer, „alles, was Sie sagten, ist sachlich korrekt, aber wir haben keine Ahnung, was wir damit anfangen können. Wir wissen immer noch nicht, wo wir sind. Offen gesagt, waren Sie uns keine große Hilfe. Sie haben höchstens unsere Reise noch weiter verzögert.“
Der Mann antwortet: „Sie müssen Politiker sein.“
„Ja“, antwortet die Ballonfahrerin, „aber woher wissen Sie das?“
„Nun“, sagt der Mann, „Sie sind doch aufgrund einer großen Menge Luft in ihre jetzige Position gekommen, eine Position, die Sie erkennbar überfordert. Ganz offensichtlich sind sie außerstande ihre Mittel sinnvoll und effizient einzusetzen. Sie kaprizieren sich auf eine kleinste Minderheit – heute auf nur eine Person – und verschwenden die ihnen verfügbaren Ressourcen für Irrfahrten. Dabei reisen Sie mit doppelt so vielen Personen als nötig sind. Ohne jegliche Skrupel möchten Sie für ihr Tun von Leuten unter ihnen, die bereits für ihre Mittel aufgekommen mussten, wie selbstverständlich weitere Leistungen abgreifen. Statt sich zu qualifizieren und Politik zu rationalisieren, fordern Sie mehr Mittel, die ihnen dann gleich wieder unzureichend sind, obwohl sie doch wissen müssten, geringeren Schaden anzurichten, wenn ihnen weniger Mittel zur Verfügung stünden.“

Zur blauen Stunde | Die Allgegenwart Gottes

Wenige nur, ach, wenige sind, 
Deren Aug in der Schöpfung
Den, der geschaffen hat, sieht!
Wenige, deren Ohr
In dem mächtigen Rauschen des Sturmwinds,
Im Donner, der rollt,
Oder im lispelnden Bache, 
Den Unerschaffnen hört!
Wenige Herzen erfüllt
Mit Ehrfurcht und Schauer
Gottes Allgegenwart.

Lass mich, im Heiligtume, 
Dich, Allgegenwärtiger!
Stets suchen, und finden!
Und wenn er mir entflieht,
dieser himmlische Gedanke,
lass mich ihn tiefanbetend
Aus den Chören der Seraphim
Ihn mit lauten Tränen der Freude
Herunter rufen,
Damit ich, dich zu schaun,
Mich bereite, mich weihe, 
Dich zu schaun!
Im Allerheiligsten!

Friedrich Gottlieb Klopstock

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (89)

89. Sankt Arnulfs Ring

Der goldene Ring des heiligen Bischofs Arnulf im Metzer Domschatz.

Von besonders hohem Alter ist auch zu Trier die Moselbrücke, ein dauerbares Gebäu von Steinen ungeheurer und ungewöhnlicher Größe, auf jeden Fall ein Bauwerk aus Römerzeiten; der Kaiser Nero soll schon über diese Brücke gezogen sein, um alles Land bis Köln zu erobern. Wo sich die Bogen der Brücke miteinander schließen, stehen Säulen, welche über die Brustwehr der Brücke emporragen, darauf sollen heidnische Götterbilder gestanden haben. Einst fühlte der heilige Arnulf sein Gewissen belastet, und da er von ohngefähr über die Moselbrücke ging, sah er in des Wassers Tiefe nieder, zog einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn voll Vertrauen auf Gottes Allmacht und Barmherzigkeit hinab in die Mosel, indem er rief: Wenn ich hoffen darf, daß meine Sünden mir verziehen werden, so werde ich diesen Ring wiederbekommen.

Römerbrücke, Blick von der Mariensäule

Es vergingen wenige Jahre und der heilige Arnulf wurde unterdes Bischof zu Metz. Da lieferte eines Tages ein Fischer in die bischöfliche Küche einen großen Fisch, und da der Koch diesen zubereitete für die Tafel seines Herrn, fand er voller Verwunderung im Eingeweide des Fisches einen schönen Ring und brachte den Ring zum Bischof. Da sahe dieser, daß es sein Ring war, den der Fisch, ihn wohl für eine Speise haltend, beim Fallen hinabgeschlungen und einige Jahre bei sich behalten – und pries Gott in Demut für dieses Gnadenzeichen und tat sich aller sündigen Gedanken ab, um dieser Gnade sich wert zu erzeigen.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

belauscht.de | Schule und Uni

im namen des namens

Koblenz.

Zwei Schülerinnen der Berufsschule unterhalten sich.

#1: “Habt ihr eine Eva in der Klasse?”
#2: “Nein.”
#1: “Wie hieß die denn noch mal? Habt ihr eine Svenja?”
#2: “Ja, eine Svenja haben wir.”
#1: “Heißt die nicht Eva?”
#2: “Nein.”
#1: “Wie heißt die denn?”
#2: “Svenja.”

belauscht von Ronya

diese stunde war mal leerreich

München, an einem Gymnasium.

In einer Deutschstunde wird über die Ergebnisse der PISA-Studie 2012 in den Bereichen Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften diskutiert.

Lehrer: “Den Grund, warum die Finnen und die Schweizer schon wieder besser abgeschnitten sind, wissen auch die Wissenschaftler nicht”.

belauscht von Judith

damit hatte keiner gerechnet

Geesthacht. In einer Schule.

Elternabend 3. Klasse mit allen Eltern und Lehrern der Klasse. Eine Mutter zum Mathelehrer.
Mutter: “Kann es sein, dass die Kinder etwas in Mathe hinterher sind?”
Lehrer: “Nein, gar nicht. Wie kommen Sie darauf?”
Mutter: “Ich finde es so leicht.”
Lehrer (fassungslos): “Schön, dass Sie den Stoff der 3. Klasse leicht finden!”

belauscht von Donner

etwas langsamer

Offenbach. An einer Schule.

Mathelehrer spricht mit einer Mutter über die schlechten Zensuren:
“Ihre Tochter begreift den Unterrichtsstoff ja. Nur leider immer drei Wochen nach den anderen.”

belauscht von Ash

besser sherlock als peter

Bremen. Universität.

Zwei Studentinnen im vermutlich letzten Semester sprechen auf dem Weg zu ihrem Kurs über ihre Zukunft:
#1 (wenig begeistert): “Ich hab mich jetzt noch beim Kriminologischen Forschungsinstitut beworben…”
#2: “Naja, besser als Hartz 4.”

belauscht von Lena

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [17]

Psychoanalyse

Drei Irre gingen in den Garten 
und wollten auf die Antwort warten.

Der erste Irre sprach: 
                »O Freud! 
Hat dich noch niemals nicht gereut, 
daß du Schüler hast? Und was für welche –? 
Sie gehen an keinem vorüber, die Kelche. 
Ich kenne ja wirklich allerhand 
als Mitglied vom Deutschen Reichsirrenverband – 
aber die alten Doktoren sind mir beinah lieber 
als das Getue dieser 
                                                  Ja.«

Der zweite Irre sprach: 
                              »Schmecks. 
Ich habe hinten einen Komplex. 
Den hab ich nicht richtig abreagiert, 
jetzt ist mir die Unterhose fixiert. 
Und ich verspüre mit großer Beklemmung 
rechts eine Hemmung und links eine Hemmung. 
Vorn hängt meine ältere Schwester und 
in der Mitte bin ich ziemlich gesund. 
                                                  Ja.«

Der dritte Irre sprach: 
                              »Wenn 
heut einer mal muß, dann sagt ers nicht, denn 
er umwickelt sich mit düstern Neurosen, 
mit Analfunktionen und Stumpfdiagnosen –« 
(»Ha! – Stumpf!« riefen die beiden andern Irren, 
konnten den dritten aber nicht verwirren. 
Der fuhr fort:) 
»Vorlust, Nachlust und nächtliches Zaudern – 
es macht soviel Spaß, darüber zu plaudern! 
Die Fachdebatte – welch ein Genuß! – 
ist beinah so schön wie ein 
                                                  Ja.«

Die drei Irren sangen nun im Verein: 
»Wir wollen keine Freudisten sein! 
Die jungen Leute, die davon kohlen, 
denen sollte man kräftig das Fell versohlen. 
Erreichen sie jemals das Genie? 
                              O na nie –!

Jeder Jüngling von etwas guten Manieren 
geht heute mal Muttern deflorieren. 
Jede Frau, die in die Epoche paßt, 
hat schon mal ihren Vater gehaßt, 
Und die ganze Geschichte stammt aus Wien, 
und darum ist sie besonders schien –!

Wir drei Irre sehen, wie Liebespaare 
sich gegenseitig die schönsten Haare 
spalten – und rufen jetzt rund und nett: 
Rein ins Bett oder raus aus dem Bett!

Keine Tischkante ohne Symbol und kein Loch … 
Wie lange noch –? Wie lange noch –?«

Drei Irre standen in dem Garten 
und täten auf die Antwort warten.

1925

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Eugen Roth | Sage

Ein Mensch – ich hab das nur gelesen –
Hat einst gelebt bei den Chinesen
Als braver Mann; er tat nichts Schlechts
Und schaute nicht nach links und rechts;
Er war besorgt nur, wie er find
Sein täglich Brot für Weib und Kind.
Es herrschte damals voller Ruh
Der gute Kaiser Tsching-Tschang-Tschu.
Da kam der böse Dschu-pu-Tsi;
Man griff den Menschen auf und schrie:
„Wir kennen Dich, Du falscher Hund,
Du bist noch Tsching-Tschang-Tschuft im Grund!“
Der Mensch, sich windend wie ein Wurm,
Bestand den Dschuh-Putschistensturm,
Beschwörend, nur Chinese sei er.
Gottlob, da kamen die Befreier!
Doch die schrien gleich: „Oh Hinterlist!
Du bist auch ein Dschuh-Pu-Blizist!“
Der Mensch wies nach, daß sie sich irren. –
Oh weh, schon gab es neue Wirren:
Es folgten Herren neu auf Herren,
Den Menschen hin und her zu zerren:
„Wie? Du gesinnungsloser Tropf!“
So hieß es, „hängst am alten Zopf?“
Der Mensch nahm also seinen Zopf ab. –
Die nächsten schlugen ihm den Kopf ab,
Denn unter ihnen war verloren,
Wer frech herumlief, kahlgeschoren.
So schwer ists also einst gewesen,
Ein Mensch zu sein – bei den Chinesen!

Eugen Roth (1895-1976)