Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [16]

Wider die Liebe

Die brave Hausfrau liest im Blättchen 
von Lastern selten dustrer Art, 
vom Marktpreis fleißiger Erzkokettchen, 
vom Lustgreis auch mit Fußsackbart.

Mein Gott, denkt sich die junge Gattin, 
mein Gott! Welch ein Spektakulum! 
»Das schlanke Frauenzimmer hat ihn …« 
Ja was? Sie bringt sich reinweg um.

O Frau! Die Phantasie hat Grenzen, 
sie ist so eng – es gibt nicht viel. 
Nach wenigen Touren, wenigen Tänzen 
ists stets das alte, gleiche Spiel.

Der liebt die Knaben. Dieser Ziegen. 
Die will die Männer laut und fett. 
Die mag bei Seeoffizieren liegen. 
Und der geht nur mit sich ins Bett.

Hausbacken schminkt sich selbst das Laster. 
Sieh hin – und Illusionen fliehn. 
Es gründen noch die Päderaster 
»Verein für Unzucht, Sitz Berlin«.

Was kann der Mensch denn mit sich machen! 
Wie er sich anstellt und verrenkt: 
Was Neues kann er nicht entfachen. 
Es sind doch stets dieselben Sachen … 
                        Geschenkt! Geschenkt!

1920

Kurt Tucholsky (1890-1935)

US Schadensersatzklagen: Die skurrilsten Fälle

Die Stadt San Diego wurde von einem Einwohner auf 5,4 Mio. Dollar Schadensersatz verklagt. Der Kläger hatte angeblich bei einem Elton-John-Konzert in der Stadthalle ein emotionales Trauma erlitten. Der Grund dafür war ein Besuch auf der Toilette. Dort musste er zusehen, wie eine Frau das Herrenklo betrat und ein Urinal benutze.

Nach seiner Scheidung wollte der Immobilenmakler Peter Wallis, 36, aus Alburquerque im US-Bundesstaat New Mexico seiner Frau keine Alimente zahlen. Seine Ex hatte ihm vorgegaukelt, die Pille zu nehmen. Er verklagte sie wegen Samenraub – ohne Erfolg.

Der inhaftierte Einbrecher Jonathan Odom verklagte die Gefängnis-Leitung. Der Staftäter hatte während seiner Einzelhaft kein Deo auf Staatskosten bekommen.

Auf einer verschneiten Straße kollidierte eine Autofahrerin mit einem Motorschlitten, in dem eine Frau und ein Mann saßen. Die Frau im Motorschlitten überlebte, der Mann starb. Die Fahrerin des Autos traf nach einer Untersuchung der Polizei keine Schuld am tragischen Unfall. Deswegen verklagte sie die trauernde Witwe: Durch den Anblick des sterbenden Mannes habe sie einen schweren Schock erlitten.

Ein Biertrinker verklagte die Brauerei Anheuser-Busch auf 10.000 Dollar Schadensersatz. Der Grund: Er hatte auch nach reichlich Bier-Genuss keinen Erfolg bei Frauen – obwohl es die Werbung versprach. Die Klage wurde abgewiesen.

Der Automobilbauer Ford wurde im Jahre 2002 von zwei texanischen Familien nach einem Überschlag wegen zu schwacher Dach- und Türhalterungen verklagt. Die Kläger bekamen 225 Mio. Dollar Schadensersatz zugesprochen.

Ein Einbrecher kletterte über das Flachdach einer Schule und fiel durch ein Oberlicht. Seit diesem tragischen Unfall ist er querschnittsgelähmt. Da das Oberlicht in der selben Farbe wie das Dach der Schule gestrichen war, erhielt er 1,8 Mio. Dollar Schadensersatz.

Ein Krebspatient zog gegen die Gesundheitsbehörden vor Gericht – weil er noch lebte. Laut Diagnose sollte er schon seit drei Jahren tot sein. Er klagte wegen entgangener Lebensfreude.

Ein Fischer aus Florida kenterte im Sturm und starb. Seine Familie verklagte einen TV-Sender auf 10. Mio. Dollar Schadensersatz, weil er das Wetter falsch vorausgesagt hatte. Die Klage wurde abgewiesen.

Eine 64-jährige Frau verklagte im Jahre 2002 den Zigarettenhersteller Philip Morris. Die Klägerin, die mit 17 Jahren Anfing zu rauchen machte das Unternehmen für ihre Krebserkrankung verantwortlich. Zunächst bekam sie 28 Mrd. Dollar Schadensersatz zugesprochen, später wurde die Entschädigungssumme auf 28 Mio. Dollar reduziert.

Amber Carson aus Lancaster im US-Bundesstaat Pennsylvania verklagte im Jahr 2000 einen Restaurant-Besitzer aus Philadelphia. Die Klägerin war im Lokal des Beklagten auf einer Getränke-Pfütze ausgerutscht und brach sich das Steißbein. Sie erhielt 113.500 Dollar Schadensersatz – und das, obwohl sie das Getränk kurz vor ihrem Sturz selbst verschüttet hatte.

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (88)

88. Triers Alter

Trier und Solothurn sollen die ältesten Städte in Europa sein. Eintausendunddreihundert Jahre vor Christus habe Trier schon gestanden, wie alte Reimverse aussagen, ja Trier war lange die zweitgrößeste Stadt in der alten Welt, Rom die erste, und die Alten nannten es das reichste Trier, das beglückteste Trier, das ruhmwürdigste, das ausgezeichnete Trier – und dies schon zur Römerzeit, und zur Zeit des deutschen Mittelalters war Trier des Christentums Wiege, das zweite, das deutsche Rom. Triers frühe Kulturblüte brachen zuerst die Gallier durch eine dreimalige Verheerung und schufen aus der Stadt nur einen großen Totenhof. Dennoch verlangten einige dem Verderben entgangene Nobili noch blutige Zirkusspiele, wie sie in Rom stattfanden zur Zeit des tiefsten Sittenverfalles dieser Weltstadt. Die Astrologen nannten übrigens das Triersche Gebiet die Planetengasse, weil es dort so überaus häufig regnen soll. Man sagt auch von einem See in diesem Gebiete, darin sich zuzeiten ein wunderbarer Fisch soll sehen lassen, und wenn dies geschehe, bedeute es voranzeigend den Todesfall des jedesmaligen Landesherrn. Das schönste unter den vielen Baudenkmalen uralter Zeit ist der Dom zu Trier; lange zeigte man in ihm ein Horn, das die Einwohner die Teufelskralle nannten, und erzählten, der Erbauer des Doms habe allein nicht zustande kommen können und den Teufel zu Hülfe genommen und diesen überlistet, da habe der Teufel in seiner Wut die Altäre umreißen wollen, es sei ihm aber nicht gelungen, und habe er noch dazu eine Kralle lassen müssen. Im Dom zu Trier wird auch der ungenähte heilige Rock aufbewahrt, den Christus der Herr getragen haben soll, und um den die Kriegsknechte gewürfelt, weil er zu schön, als daß sie ihn hätten zerschneiden mögen. Es ist ein Mannsrock mit langen Ärmeln, aus zartem Linnenstoff, aus subtilen Fäden buntfarbig gewirkt. Die heilige Helena war es, welche diesen Rock mit einem Stücke des heiligen Kreuzes und einem Nagel, mit welchem Christus an das Kreuz geheftet war, nach Trier schenkte, wohin sie den frommen Bischof Agritius von Antiochia sandte. Dieser Rock genießt der andächtigsten Verehrung von vielen Millionen Gläubigen, die an seiner Echtheit nicht zweifeln, obschon an vielen Orten mehr derselbe Rock und doch nicht derselbe für echt gezeigt wird.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

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Berliner sind keene Pfannkuchen… (5)

Berlin und die Berliner im Liede

Die Lieder, die über Berlin gesungen werden und die auch die Berliner selbst singen, sind meist ebenso voller Spottlust, wie die Scherze und Anekdoten. Der Berliner nimmt den Spott nicht übel und singt die Lieder lachend mit. Das war schon immer so. Das Lied des genügsamen Lenchens im »Fest der Handwerker« wurde schon vor hundert Jahren in Berlin bejubelt. Und das Weißbierlied sowie krittelnde Verse von Kalisch und allen seinen Mitläufern und Nachfolgern waren nirgends mehr beliebt, als in Berlin.

Aber nach allem Spott kommt doch auch die Erkenntnis vom eigenen Wert zu Worte: Durch Berlin fließt immer noch die Spree! … Auch an seinen Liedern ist der Urberliner zu erkennen. Ja, ein ganzes Buch ließe sich mit solchen Liedern füllen. Doch das ist eine besondere Aufgabe, die ich mir als eine meiner nächsten Arbeiten vornehme.

Ei, was braucht man mehr, um glücklich zu sein.

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