Zur blauen Stunde | Das Rosenband

Im Frühlingsschatten fand ich sie. 
Da band ich sie mit Rosenbändern. 
Sie fühlt‘ es nicht und schlummerte. 
Ich sah sie an; mein Leben hing 
Mit diesem Blick an ihrem Leben. 
Ich fühlt‘ es wohl und wußt‘ es nicht.

Doch lispelt‘ ich ihr sprachlos zu 
Und rauschte mit den Rosenbändern. 
Da wachte sie vom Schlummer auf. 
Sie sah mich an; ihr Leben hing 
Mit diesem Blick an meinem Leben. 
Und um uns ward’s Elysium.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Ein neuer Chef…

…  der für sein hartes Durchgreifen bekannt ist, kommt in ein Unternehmen. Er fordert von seinen Mitarbeiter mehr als 100 Prozent Leistung und ist bekannt, jeden, der seiner Arbeitsmoral nicht entspricht, knallhart zu entlassen. Als der neue Vorgesetzte am ersten Tag durch die Büros geführt wird, sieht er einen Mann, der sich lässig an einen Türrahmen lehnt. Um allen anderen Mitarbeiter seine Härte zu beweisen, geht er auf den Mann zu und fragt diesen im strengen Ton: „Wie hoch ist ihr wöchentlicher Lohn?“ Erstaunt antwortet der Mann: „400 Euro die Woche, wieso?“ Der Chef zückt sein Portemonnaie, gibt ihm 800 Euro und schreit ihn an: „Hier ist ihr Gehalt für die nächsten beiden Wochen und jetzt sehen Sie zu, dass sie abhauen und sich hier nie wieder blicken lassen!“ Der Chef ist stolz auf sein unnachgiebiges Eingreifen und freut sich darüber, dass er den Mitarbeitern gezeigt hat, dass Faulheit streng bestraft wird. Er fragt die Angestellten: „Was hat denn dieser faule Sack hier eigentlich gemacht?“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht sagt einer der Mitarbeiter: „Der hat die Pizza geliefert.“

Schneesturm-Warnung

Ingemar und seine Frau wohnen in Ostfriesland. Eines Wintermorgens
hören sie den Nachrichtensprecher im Radio sagen: „Wir werden
heute 8-10 cm Schnee bekommen und möchten Sie daher bitten,
Ihren Wagen auf der Straßenseite mit den geraden Hausnummern zu
parken, so dass der Schneepflug durchkommt.“
Daraufhin geht Ingemars Frau vor die Tür und parkt den Wagen um.
Eine Woche später, als sie wieder am Frühstückstisch sitzen, hören
sie die folgende Mitteilung in den Nachrichten: „Wir erwarten ein
neues Schneeunwetter und rechnen mit ca 15-20 cm Neuschnee.
Deswegen bitten wir Sie, den Wagen auf der Straßenseite mit den
ungeraden Hausnummern zu parken, so dass der Schneepflug
durchkommen kann.“
Ingemars Frau geht wieder brav nach draußen und parkt den Wagen
auf der Seite der Strasse, die der Nachrichtensprecher erwähnt
hatte.
Nächste Woche spielte sich das gleiche Szenario noch einmal ab.
Der Nachrichtensprecher teilte mit, dass noch mehr Schnee erwartet
wird: „Wir rechnen heute mit ca. 14-16 cm Schnee und möchten Sie
deswegen bitten…“
Da gibt es einen Stromausfall und das Radio schweigt. Ingemars
Frau ist sehr aufgeregt und sagt mit sorgenvoller Miene zu ihrem
Mann: „Liebling, ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll! Auf
welcher Seite soll ich denn jetzt unser Auto parken? Du weißt
doch, dass der Schneepflug durchkommen muss.“
Mit Liebe und Verständnis in der Stimme, die alle Männer haben,
die mit einer Blondine verheiratet sind, meint er:
„Mein Schatz, warum lässt du heute den Wagen nicht einfach mal
in der Garage stehen?“

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [14]

Parkett

Das Stück hat Weltanschauung. Neben mir Ottilchen 
hat weit die grauen Augen aufgemacht: 
Der, nach dem Spiel, erhofft ein Kartenspielchen, 
Der eine Nacht …

Der Diener meldet die Kommerzienräte, 
die Gnädige empfängt, ein Sektglas klirrt. 
Ich streichle ihre Hand, die sonst die Hüte nähte … 
Ob das was wird?

Da oben gibt es Liebe und Entsetzen, 
doch so gemäßigt, wie sichs eben schickt. 
»Ottilie«, flüstre ich, »vermagst du mich zu schätzen?!« 
Sieh da: Sie nickt!

Nun läßt mich alles kalt: Die ganze Tragik 
ist jetzt für mich verhältnismäßig gleich. 
Und nimmt Madameken ihr Gift, dann sag ick: 
»Ich bin so reich …«

Was kümmern mich die blöden Bühnenränke! 
Nu sieh mal, wie sie um die Leiche stehn! 
Genug – 
              … »Ottilie«, spreche ich, »ich denke – 
wir wollen gehn …«

1913

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr

Fastnacht

Evang.: Vom Blinden am Wege


Herr, gib mir, daß ich sehe!
Ich weiß es, daß der Tag ist aufgegangen,
Im klaren Osten stehn fünf blut’ge Sonnen,
Und daß das Morgenrot mit stillem Prangen
Sich spiegelt in der Herzen hellen Bronnen.
Ich sehe nicht, ich fühle seine Nähe,
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Weiterlesen „Annette von Droste-Hülshoff | Das Geistliche Jahr“