Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (84)

84. Der Heiligen Gräber

Im Mosellande beim Dorfe Chau steht eine dem heiligen Eucharius geweihte Kapelle. Sankt Eucharius war ein Sohn des Königs Baccius von Catalonien und der Lientrudis, dessen Gemahlin. Dieses fromme Paar gab aber nicht nur dem heiligen Eucharius das Leben, sondern auch dem heiligen Eligius, der heiligen Liberia, der heiligen Susanna, der heiligen Memia, der heiligen Oda und der heiligen Gertrudis. Alle diese Heiligen wurden mit vielen Edlen dieses Gaues durch die wilden Vandalenhorden, welche Julianus Apostata in das Land führte, umgebracht, an der Zahl zweitausendzweihundert, und das geschah im Jahre 262 nach Christi Geburt, am 10. Mai. So wurde jene Gegend ein großer Totenhof, und die alte Kapelle an der Mosel, Chau gegenüber, wurde zum Grabstein der frommen Märtyrer und bewahrt auf Gedenktafeln das Gedächtnis derselben der Nachwelt auf.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [11]

An die Meinige

Legt man die Hand jetzt auf die Gummiwaren? 
Erinnre, Claire, dich an deine Pflicht! 
Das geht nicht so wie in den letzten Jahren: 
Du bist steril, und du vermehrst dich nicht!

Wohlan! Wohlan! Zu Deutschlands Ruhm und Ehren! 
Vorbei ist nun der Liebe grüner Mai – 
da hilft nun nichts: du mußt etwas gebären, 
einmal, vielleicht auch zweimal oder drei!

Wir Deutschen sind die Allerallerersten, 
voran der Kronprinz als Eins-A-Papa. 
Der Gallier faucht – wir haben doch die mehrsten, 
und hungern sie, mein Gott, sie sind doch da!

Denn sieh: die Babys brauchen Medizinen 
und manchmal auch ein weiß Getöpf aus Ton, 
Gebäck, das Milchgetränk – man kauft es ihnen, 
und dann vor allem, Kind, die Konfektion!

Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen, 
umbrüllt vom Leutnant und vom General? 
Stell du das her: es muß nur maskulinen 
Geschlechtes sein – der Schädel ist egal.

Ins Bett! Hier hast du deine Wickelbinden! 
Schenk mir den Leo nebst der Annmarei! 
Und zählt man nach, wird man voll Freude finden 
sechzig Millionen, und von uns die zwei!

1914

Kurt Tucholsky (1890-1935)