Zur blauen Stunde | Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (83)

83. Vom Ursprung des Moselweins

Es ist eine alte Sage, daß der herrliche Moselwein aus dem deutschen Franken stamme. Merowig, der Westfranken König, habe zwölftausend Bewohner des Mosellandes in das morgenländische Franken geführt und aus letzterem zwölftausend Einwohner in das Moselland versetzt. Diese östlichen Franken waren gute Wingersleute, entnahmen aus ihrem heimatlichen Boden edle Reben und pflanzten diese im neuen Vaterlande an, wo sie herrlich gediehen und liebliche Weine lieferten bis auf diesen Tag.

Die Mosel entspringt im Vogesengebirge im deutschen Sundgau aus zwei Hauptquellen, deren Flüsse sich bei Remiremont vereinigen, und durchfließt in den mannigfaltigsten Krümmungen das welsche Lothringen, dann begrüßt sie deutsche Gaue und rauscht altberühmten Städten vorüber.

Wie vom Frankenwein bis auf den heutigen Tag der Spruch geht und gilt: Frankenwein, Krankenwein, also daß selbst Kranken derselbe heilsam sei, so von seinem Sohne, dem Moselwein, dem Erben seines Ruhmes und seiner Tugenden, geht und gilt der lateinische Reim: Vinum Mosellanum fuit omni tempore sanum, das ist zu deutsch: Moselwein soll allzeit gesund gewesen sein.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [9]

Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varité! 
Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium 
von Rauchtabak, Parfüms und Eßbüfett. 
Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium, 
der erste und der einzige Geiger schmiert »Kollodium« 
auf seine Fiedel für das hohe C… 
So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren – 
drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte 
leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht. 
So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte, 
und wahrlich: ich blamiert mich nicht! 
Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte? 
Was flüstert sie? »Det die de Motten kriecht…!« 
Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut 
aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie, 
du altes Flitterkleid, du Tamburin! 
Nimm du sie hin, mein Sohn – es bleibt in der Familie – 
und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin! 
Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie 
ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn… 
Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen! 
Verhalt dich brav – und damit Gott befohlen!

Kurt Tucholsky (1890-1935)