Zur blauen Stunde | Vorüber . . .

Dunkelflutend durch die blassen Thale 
Kriecht das letzte Abendrot entlang, 
Dort im goldumwobnen Himmelssaale 
Trinkt der Tag aus purpurnem Pokale 
Selig seinen Todestrank.

Königspracht! – Allein mein Blick wird trüber, 
Ein Gedanke zieht so müd und sorgenschwer 
Zu der lichten Tagesspur hinüber: 
Wieder ging ein reicher Tag vorüber 
Ungenützt und inhaltsleer!

Stefan Zweig (1881-1942)

Der Zahnarzt

Nicht immer sind bequeme Stühle 
Ein Ruheplatz für die Gefühle.
Wir säßen lieber in den Nesseln,
Als auf den wohlbekannten Sesseln,
Vor denen, sauber und vernickelt,
Der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.
Er lächelt ganz empörend herzlos
Und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.
Doch leider, unterhalb der Plombe,
Stößt er auf eine Katakombe,
Die, wie er mit dem Häkchen spürt,
In unbekannte Tiefen führt.
Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
Dringt vor er bis zum Nervenfädchen.
Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel!
Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,
Mit der er alsbald dir beweist,
Daß du voll Schmerz im Innern seist.
Du aber hast ihm zu beweisen,
Daß du im Äußern fest wie Eisen.
Nachdem ihr dieses euch bewiesen.
Geht er daran, den Zahn zu schließen.
Hat er sein Werk mit Gold bekrönt.
Sind mit der Welt wir neu versöhnt
Und zeigen, noch im Aug die Träne,
Ihr furchtlos wiederum die Zähne:
Die wir – ein Prahlhans, wer‘s verschweigt –
Dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.

Eugen Roth (1895-1976)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (80)

80. Der Stiefel voll Wein

Auf dem Steine, wo nun fortan dieser Rheingraf fröhlich hauste, ging es zum öftern gar hoch her. Da saßen eines Abends die Wild- und Rheingrafen und eine große Schar Ritter von den Nachbarburgen im Saale beisammen und zechten baß, und die Humpen kreisten. Da saßen Ritter von Sponheim, von Dhaun, von der Ebernburg, von Flörsheim, von Stromberg und tranken scharf und fest. Jetzt hob der Rheingraf einen mächtigen Reiterstiefel auf den Tisch und goß den voll Weines und rief: Wer diesen Humpen leert auf einen Zug, dem soll Hüffelsheim zu eigen sein mit Wonne und Weide und aller Zubehör! – Des verwunderten sich die Mannen und mocht sich’s keiner vermessen, schien ihnen allen der Schluck doch zu groß, und selbst der Burgpfaff, der etwas zu leisten vermochte in guten Trünken, und mancher andere Wackere wagten sich nicht daran. Da saß auch ein alter Zecher im Kreise, Ritter Boos von Waldeck, der sah die andern alle der Reihe nach an und wartete, ob einer den Stiefel leeren wolle, und da es keiner tat, da faßte er ihn in die Hand, und ließ den Wein rinnen in seinen Schlund, und trank ihn leer bis auf die Nagelprobe, und dann sagte er: Lieber Rheingraf, dein Hüffelsheim schmeckte gut, wie wär‘ es nun mit Waldbökelheim? Der Mensch kann doch nicht in einem Stiefel gehen? – Aber der Rheingraf wollte nicht noch einen Ort an eine Rittergurgel verlieren und schwieg stille. Darnach ist das Sprüchwort aufgekommen: Der verträgt einen guten Stiefel.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [6]

Es ist

Es ist soviel unverbrauchte Zärtlichkeit in Hotelzimmern, 
wo sie allein liegen: 
ein Mann, oder eine Frau, oder ein angebrochenes junges Mädchen – 
in leiser Lächerlichkeit liegen wir allein.

Es ist eine Einsamkeit, umflossen 
von den Strömen des städtischen Gases, 
des elektrischen Stromes, für alle gemacht, 
einer Zentralheizung, eines Zentralessens, einer Zentralzeitung … 
aber ein kleiner Fleck ist noch da, 
auf dem sind wir allein.

Jeder liegt in einer Schublade. 
Die kleinen Härchen auf den Oberarmen schwanken 
suchend im Luftzug, 
wie die Greifer der Meerespflanzen in strömendem Wasser; 
die Haut langweilt sich.

Wenn jetzt einer käme und sagte: »Bitte sehr! ich liege 
Ihnen zur Verfügung!« 
wenn ich jetzt durch die Wand ginge zu meiner Nachbarin – 
(»Man ist doch keine Hure! ich werfe mein Leben nicht in 
Hotels weg!« – Kusch.) 
– wenn jetzt eine dicke Dame käme, mich im Bad zu 
massieren; 
wenn sich jetzt der Jungen ein verständiger Mann gesellte, 
der sie nur streichelte … 
ungenützt ist die Nacht.

Dreivierteleins. 
Es kocht in den Röhren des Badezimmers; 
badet jemand noch so spät?

Neugierig sind wir auf fremde Körper. 
Wie legen Sie abends das Hemd auf den Stuhl? Lieben Sie Fruchtsalz? 
Ziehen Sie ihre Uhr morgens oder abends auf? 
Und in der Liebe? 
Sind Sie gesund? Verzeihen Sie, ich habe solche Furcht vor Krankheiten – 
das ist der Teil meiner Tugend.

I’m in love again – 
nein, das eigentlich nicht: 
es sollte nur jemand dasein, an dem ich mich spüren kann. 
Warum, 318 (mit Bad), liegen Sie so allein? 
Denkbar wäre auch eine Hotelgeisha, die höflich liebt, 
und die auf der Rechnung nur als kleiner, diskreter Kreis vermerkt ist – 
aber schöner wäre ein Gast.

Warum kommt nie ein Einsamer zu einer Einsamen? 
Stolz kriechen wir in unser zuständiges Gehäus, 
hygienisch, unnahbar, vernünftig, 
allein.

Knips das Licht an, sagt der Schlaflose zu sich selbst 
(er duzt sich, weil er sich schon so lange kennt) – 
und lies noch ein bißchen. 
Du hast zuviel Pfirsich-Melba gegessen, daher solche Gedanken, 
Luftblasen auf dem Meer der inneren Sekretion. 
Du bist überhaupt gar nicht allein. Du hast ein Buch. Lies:

8. Fortsetzung                        Nachdruck verboten

Schließlich raffte sie ein Spiel Karten auf, kauerte sich 
neben den Kamin und begann eifrig und hingegeben zu 
mischen.

»Ich kam in der Absicht«, begann er mit einer nicht ganz 
festen Stimme, »noch heute um Ihre Hand anzuhalten.«

Das schöne Mädchen

1928

Kurt Tucholsky (1890-1935)

Die besten Beleidigungen

– Sie sind so willkommen wie ein Anruf beim Bumsen.
– In zehn Minuten kommt ein Bus. Du könntest Dich überfahren lassen.
– Ein Tag ohne Sie ist wie ein Monat Urlaub.
– Wenn Du das nächste Mal Deine Klamotten wegwirfst, lass sie an!
– Schieß Dich in den Sack und stirb tanzend.
– Wenn ich Sie beleidigt habe, sollte mich das aufrichtig freuen.
– Warum gehen wir beide nicht irgendwohin, wo jeder von uns allein sein kann?
– Ich weiß, Sie sind nicht so blöd wie Sie aussehen, das könnte niemand.
– Reden Sie einfach weiter, irgendwann wird schon was Sinnvolles dabei sein.
– Ich hatte einen sehr schönen Abend. Es war nicht dieser, aber ich möchte nicht klagen.
– Ich habe gerade zwei Minuten Zeit. Sagen Sie mir alles, was Sie wissen!
– Sagen Sie mal, verprügelt Sie Ihre Frau eigentlich immer noch?
– Gibt es jetzt ein Mittel gegen Ihre Anfälle?
– Sie verschönern jeden Raum beim Verlassen.
– Jeder muss irgendwie sein, aber warum gerade wie Sie?
– Ihr Parfüm ist sicherer als die Pille.
– Haben Ihre Eltern Sie nie gebeten, von zu Hause wegzulaufen?
– Ich denke, Sie sind ein harmloser Trottel, aber ich will ganz offen sein, nicht jeder denkt so positiv über Sie.
– Jedes Mal, wenn ich Sie so anschaue, frage ich mich: Was wollte die Natur?
– Mit Ihrer Krawatte würde ich mir nach einem Unfall nicht mal das Bein abbinden.
– Ich vergesse nie ein Gesicht, aber in Ihrem Fall will ich mal eine Ausnahme machen.
– Sie schaffen es, dass man die Stille zu schätzen weiß.
– Es gibt so viele Möglichkeiten, einen guten Eindruck zu machen. Warum lassen Sie sie alle ungenutzt?
– Ich bin nicht schwerhörig. Ich ignoriere Sie einfach.
– Ist heute ein besonderer Tag, oder sind Sie immer so blöd?
– Keine Ahnung, was Sie so dumm macht, aber es funktioniert super..
– Bei Ihnen bräuchte man ein Hörgerät. Das könnte man abschalten.
– Ihr Gesicht sieht aus als hätten Sie darin geschlafen.
– Nicht bewegen! Ich möchte Sie genauso vergessen, wie Sie jetzt sind!
– Wann immer Sie einen Freund brauchen: Kaufen Sie einen Hund.
– Wenn man aus schimmeligem Brot Penicillin machen kann, dann kann man auch aus Dir was machen.
– Darf ich mein erstes Magengeschwür nach Ihnen benennen?
– Du würdest toll in etwas Langem, Fließenden aussehen: Rhein, Elbe, Donau.