Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (78)

78. Der Affe zu Dhaun

Schloss Simmern in der Darstellung von Matthäus Merian aus dem Jahre 1648

Hoch über dem Städtlein Simmern liegt der alte rheingräfliche Burgsitz Dhaun, das war ein gar stattliches und schönes Grafenschloß mit herrlichem säulengezierten Palas – und über dem Eingang zum Palas wird ein Wahrzeichen in Stein erblickt, ein Affe, der einem Kinde einen Apfel darbeut, von welchem Bilde diese Sage geht. Es hatte ein Burggraf ein junges Kind gehabt, das hatte eine Wärterin, die wiegte das Kindlein im schattigen Burghof, und da der Tag ein Sommertag und schwül war, so nickte sie ein, und als sie aufwachte, war das Kindlein aus der Wiege und fort. Da ward ihr angst und bange, denn wie sie es auch ringsum suchte und in alle Winkel lugte – es war und blieb verschwunden. Da schlug ihr der Schreck in alle Glieder, zitternd vor dem Zorn der Gräfin und des Grafen dachte sie nichts Besseres tun zu können, als ihr Leben zu retten, und stürzte in den Wald, um auch da vielleicht noch eine Spur zu finden. Da kam sie in ein dunkles Dickicht, und siehe, da saß der Affe, den der Graf hielt, und hatte den jungen Grafensohn auf seinen haarigen Armen und küßte ihn gar zärtlich und schaukelte ihn, legte ihn dann sanft auf ein Lager von Moos, bot ihm einen Apfel dar, und als es den nicht annahm, sondern einschlief, wehrte der Affe eine Zeitlang die Fliegen von ihm ab, und dann entschlief er selbst. Des war die Amme froh, schlich leise hinzu und nahm das Kind und trug es fröhlich wieder zur Feste Dhaun hinauf, wo schon alles unruhig war und nach ihr rief und suchte. Da verkündete sie laut die Tat des Affen, und die erst entsetzten, nun hocherfreuten Eltern beschlossen, dieselbe in Stein ausgehauen und überm Torbogen ihres herrlichen Palas verewigen zu lassen.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Die Ballade von den sieben Schneidern

Die Ballade von den sieben Schneidern

       Es hatten sieben Schneider gar einen grimmen Mut;
Sie wetzten ihre Scheren und dürsteten nach Blut.
       Dort auf der breiten Heide lief eine Maus daher,
Und wär‘ sie nicht gelaufen, so lebte sie nicht mehr.
Und zu derselben Stunde (es war um halber neun)
Sah dieses mit Entsetzen ein altes Mütterlein.
       Die Schneider mit den Scheren, die kehrten sich herum,
Sie stürzten auf die Alte mit schrecklichem Gebrumm.
»Heraus nun mit dem Gelde! Da hilft kein Ach und Weh!«
Das Mütterlein, das alte, das kreischte: »Ach herrje!«
       Ein Geisbock kam geronnen, so schnell er eben kann,
Und stieß mit seinem Horne den letzten Schneidersmann.
Da fielen sieben Schneider pardauz auf ihre Nas
Und lagen beieinander maustot im grünen Gras.
       Und sieben Schneiderseelen, die sah man aufwärts schwirr’n,
Sie waren anzuschauen wie sieben Fäden Zwirn.
       Der Teufel kam geflogen, wie er es meistens tut,
Und fing die sieben Seelen in seinem Felbelhut.
       Der Teufel, sehr verdrießlich, dem war der Fang zu klein,
Drum schlug er in die Seelen gleich einen Knoten drein.
       Er hängt das leichte Bündel an eine dürre Lind‘,
Da pfeifen sie gar kläglich, piep, piep, im kühlen Wind.
       Und zieht ein Wandrer nächtlich durch dieses Waldrevier,
So denkt er bei sich selber: Ei, ei, wer pfeift denn hier?
Wilhelm Busch (1832-1908)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [4]

Lamento

Der deutsche Mann 
                        Mann 
                                Mann 
das ist der unverstandene Mann. 
        Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht. 
        Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht. 
        Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht. 
        Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt – 
        Er ist ein Mann., Und das 
                                genügt.

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Weisheit des Tages | 05.02.2021

Niemand, der nicht schreibt, weiß, wie fein es ist, zu schreiben. Früher habe ich immer bedauert, nicht gut zeichnen zu können, aber nun bin ich überglücklich, daß ich wenigstens schreiben kann. Und wenn ich nicht genug Talent habe, um Zeitungsartikel oder Bücher zu schreiben, gut, dann kann ich es immer noch für mich selbst tun.

Anne Frank, Tagebucheintrag