Zur blauen Stunde | Das Mädchen.

Heut kann ich keine Ruhe finden . . . 
Das muß die Sommernacht wohl sein. 
Durchs offne Fenster strömt der Linden 
Verträumter Blütenduft herein.

Oh Du mein Herz, wenn er jetzt käme 
– Die Mutter ging schon längst zur Ruh – 
Und Dich in seine Arme nähme . . . 
Du schwaches Herz, . . . was thätest Du? . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (77)

77. Taube zeigt den Tod an

DETAIL: DIE FRAU, DIE KINDER, DER PFLUG UND DAS TÄUBCHEN
FOTO: KURT BENDLER

Zu Armsheim auf dem Kirchhof steht ein Grabstein, darauf ist ein Pflug, auf dem eine Taube sitzt, eingehauen. Vor vielen Jahren hat dort ein junges Ehepaar gelebt, und die Frau hatte eine zahme Taube, die war ihr Liebling und nahm ihr aus dem Munde, was sie der Taube darbot. Die junge Frau war in guter Hoffnung, und eines Frühlingsmorgens befiel sie ein Bangen, als eben ihr Mann hinaus an den Acker gehen wollte zur Saat, denn es war Säezeit und der Morgen windstill und heiter. Aber die Frau bat gar herzlich ihren Mann: Bleibe bei mir! – Doch er entschuldigte sich mit seiner Arbeit Dringlichkeit und verhieß sich zu eilen und baldige Heimkehr. – Er hatte aber den Samen noch nicht zur Hälfte ausgestreut, da kam die Lieblingstaube seiner Frau geflogen, und flatterte umher, und setzte sich auf den Pflug, der auf dem Acker stand, und sah den Sämann an, und schlug mit den Flügeln. Und da er nicht abließ von seiner Arbeit, so flog ihm die Taube gegen die Brust und pickte ihn in das Kinn, und da gedachte er an seine Frau und eilte heim. Da fand er seine junge schöne Frau tot im Bette, denn sie hatte ohne Hülfe geboren, und zwei lebende gesunde Kinder lagen in ihren Armen. Es war niemand da gewesen, den sie nach Hülfe senden konnte, und er hatte ihre zarte Bitte nicht verstanden. Und war die treue Taube nicht, so wären auch die Kindlein Todes verblichen. Der Mann trauerte, solange er lebte, freite nie wieder und zog die Zwillinge mit Liebe auf. Auf der Gattin Grab ließ er das Bild der Taube meißeln und betete oft um Mitternacht auf dem Grabe seiner Entschlafenen.

Mehr andere Sagen gehen von Tauben, deren eine einen Schatz angezeigt, die andere den Feind abgehalten, eine Stadt zu beschießen.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [3]

Die Nachfolgerin

Ich hab meinen ersten Mann gesehn – 
        der ging mit einer! 
Hütchen, Rock und Bluse (Indanthren) 
        und zwei Kopf kleiner! 
Sie muß ihn wohl ins Büro begleiten … 
Über den Geschmack ist nicht zu streiten. 
        Na, herzlichen Glückwunsch!

Sein Gehirn ist bei der Liebeswahl 
        ganz verkleistert; 
wenn er siegt, dann ist er allemal 
        schwer begeistert. 
Ob Langettenhemd, ob teure Seiden – 
seinetwegen kann man sich in Säcke kleiden … 
        Na, herzlichen Glückwunsch!

Frau ist Frau. Wie glücklich ist der Mann, 
        dem das gleich ist! 
Und für so was zieht man sich nun an! 
        Als ob man reich ist! 
Das heißt: für ihn …?

                                Wir ziehen unsre Augenbrauen 
für und gegen alle andern Frauen. 
        Immerhin erwart ich, daß ers merken kann; 
        ich will fühlen, daß ich reizvoll bin. 
        Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid, im Mann.

Und der guckt gar nicht hin. 
Liebe kostet manche Überwindung … 
Männer sind eine komische Erfindung.

Das brave Lenchen

Das brave Lenchen

Auf einem Schlosse fern im Holz
Wohnt eine Frau gar reich und stolz.
In einem Hüttchen arm und klein
Wohnt Lenchen und ihr Mütterlein.
Das Mütterlein ist schwach und krank
Und ohne Geld und Speis und Trank.
Da denkt das Lenchen: Ach, ich lauf
Um Hilfe nach dem Schloß hinauf!Es nimmt sich nichts wie einen Schnitt
Vom allerletzten Brote mit.Und wie es kommt bis an den Steg,
Sitzt da ein armer Hund am Weg.
»Ach!« ruft der Hund. »Mein Herr ist tot;
Hätt‘ ich doch nur ein Stückchen Brot!«

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Weisheit des Tages | 04.02.2021

Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.

Erich Kästner