Zur blauen Stunde | Sehnsucht

Niemals hab ich Liebeslust empfunden 
In den raschen, mauerschwülen Stunden! – 
Hier im alten Parke, wo nur noch verspätet

Sonnenblitze schimmern und die Stimmen 
Müde in die Dunkelheit verschwimmen, 
Möcht‘ ich lieben, wenn der Abend leise betet. –

Treten möcht‘ ich durch die offne Pforte 
Und im Dämmer einer Liebsten Worte 
Flüstern, bis Gewährung ihre Wangen rötet,

Dort, wo hinter goldumglänzten Gittern 
Rote Rosen in Erwartung zittern 
vor dem Herbst, der sie in seinem Arme tötet . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [2]

Eine Frau denkt

Mein Mann schläft immer gleich ein … oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre. 
… Ich bin so nervös … und während ich an die Decke starre, 
denke ich mir mein Teil. 
Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert. 
Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt 
sein, weil man sie liebt. 
Ob es das wohl gibt: 
ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam 
wie am ersten Tag, wo er einen nahm …? 
Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt, 
mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt 
hat und der einen liebt … liebt … liebt … 
ob es das gibt?

Manchmal denke ich: ja. 
Dann sehe ich: nein. 
Man fällt immer wieder auf sie herein.

Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben. 
Wahrscheinlich … na ja. Die diesbezüglichen Gaben 
sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie. 
Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie. 
Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit, 
dann haben die Herren meist keine Zeit. 
Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag. 
Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack. 
Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als erotische Statisterie. 
Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett, 
leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett.

Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre. 
        Warum? Weil … 
Und während ich an die Decke starre, 
        denke ich mir mein Teil.

Kurt Tucholsky

Mark Twain | Deutsche und andere Geschichten (13)

Duelle

I.

Das deutsche Studentenduell.

Eines Tages erhielt mein Geschäftsträger im Interesse der Wissenschaft die Erlaubnis, mich in das Pauklokal an der Hirschgasse mitzunehmen, wo die Heidelberger Korps ihre Mensuren ausfechten: ein heller, hoher, geräumiger Saal im ersten Stockwerk des idyllisch gelegenen altberühmten Wirtshauses »zum Hirschen«.

Wir trafen daselbst etwa 50–75 Musensöhne, die sich an den langen längs der Wände aufgestellten Tischen die Zeit bis zum Beginn der Paukerei mit Kneipen, Karten- oder Schachspiel, Schwatzen und Rauchen vertrieben. Man sah fast nur farbige Mützen: Weiße, grüne, blaue, rote und hellgelbe; es waren mithin sämtliche fünf Korps stattlich vertreten. Am einen Ende des Saales war für die Paukerei ein Stück frei gelassen, und hier standen an den Fenstern 6-8 lange schmale Schläger mit mächtigen Körben zum Schutz der Hände, während draußen ein Mann damit beschäftigt war, noch eine Anzahl solcher an einem Schleifstein zu schärfen. Er verstand seine Sache, denn jeder Schläger, der aus seiner Hand kam, konnte es mit dem schärfsten Rasiermesser aufnehmen.

Der Verkehr zwischen den Angehörigen der verschiedenen Korps beschränkte sich auf die kalten, förmlichen Verhandlungen der Chargierten behufs Vorbereitung der Mensuren. Kameradschaftlicher Umgang zwischen Angehörigen verschiedener Korps wird nicht geduldet, weil man glaubt, die Beteiligten würden dadurch die rechte Schneide und den Eifer für die Mensur verlieren. Kurz vor dem Tage, an dem ein Korps die Reihe trifft loszugehen, ruft dessen Präses Freiwillige zur Mensur auf, worauf sich denn auch eine Anzahl meldet, die jedoch nicht unter drei betragen darf. Die Namen der Betreffenden werden den Vorständen der anderen Korps mitgeteilt, und diese sind dann bald in der Lage, die entsprechende Anzahl von Mitgliedern ihrer Korps zu bezeichnen, welche sich bereit erklären, die Forderungen anzunehmen. Heute war gerade die Reihe zur Forderung an den Rotmützen; die Gegner, die sich gemeldet hatten, gehörten verschiedenen anderen Korps an. Seit 250 Jahren spielen sich nunmehr in diesem Raum in der hier beschriebenen Weise die Mensuren zweimal in jeder Woche während sieben bis acht Monaten im Jahre ab.

Wir waren eben mit den Weißmützen, von denen wir unsere Einladung erhalten hatten, im Gespräch begriffen, als die beiden, die zuerst an die Reihe kommen sollten, in ihrem – deutschen Lesern wohlbekannten – abenteuerlichen Paukwichs von Kommilitonen aus einem Nebenzimmer hereingeführt wurden. Nun drängte alles nach dem leeren Ende des Saales, wo wir uns ebenfalls einen guten Platz verschafften. Die Kämpfer traten einander gegenüber; um jeden derselben scharten sich eine Anzahl Kameraden, um ihm nötigenfalls Beistand zu leisten; die Sekundanten, gleichfalls bandagiert und den Schläger in der Hand, traten ihnen zur Seite; der Unparteiische, der den Kampf zu überwachen hatte, nahm seinen Platz ein; endlich trat noch ein Student mit der Uhr und einem Notizbuch in der Hand, das die erforderlichen Einträge über die Zeitdauer und die Zahl der Beschaffenheit der Schmisse aufnehmen sollte, sowie der grauhaarige Paukarzt mit seinem Verbandzeug und seinen Instrumenten auf den Plan. Für einen Augenblick herrschte jetzt Ruhe, und sämtliche bei der Mensur Beteiligten traten der Reihe nach auf den Unparteiischen zu, um demselben ihren achtungsvollen Gruß darzubringen, worauf sie ihre Plätze wieder einnahmen. Nun war alles bereit; den Vordergrund füllte dicht gedrängt die Schar der Zuschauer, zum Teil auf Tischen und Stühlen stehend, die Blicke voll Spannung auf den Kampfplatz gerichtet.

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Montanara Chor – Ich bete an die Macht der Liebe

Lyrics to; Ich bete an die Macht der Liebe.

Ich bete an die Macht der Liebe,
Die sich in Jesu offenbart;
Ich geb‘ mich hin dem freien Triebe,
mit dem ich treu geliebet ward;
Ich will, anstatt an mich zu denken,
Ins Meer der Liebe mich versenken.

Ich will, anstatt an mich zu denken,
Ins Meer der Liebe mich versenken

  1. Wie bist Du mir so zart gewogen,
    und wie verlangt Dein Herz nach mir!
    Durch Liebe sanft und tief gezogen,
    Neigt sich mein Alles auch zu Dir.
    Du traute Liebe, gutes Wesen,
    Du hast mich und ich Dich erlesen.

Du traute Liebe, gutes Wesen,
Du hast mich und ich Dich erlesen.


A.Fuer Dich sei ganz mein Herz und Leben,
Mein sueßer Gott, und all mein Gut!
Fuer Dich hast Du mir’s nur gegeben;
In Dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles,
Für Dich sei ewig Herz und alles!

B. Ich liebt und lebte recht im Zwange,
Wie ich mir lebte ohne Dich;
Ich wollte Dich nicht, ach so lange,
Doch liebest Du und suchtest mich,
Mich boeses Kind aus boesem Samen,
Im hohen, holden Jesusnamen.

C. Des Vaterherzens tiefste Triebe
In diesem Namen oeffnen sich;
Ein Brunn der Freude, Fried und Liebe
Quillt nun so nah, so mildiglich.
Mein Gott, wenns doch der Suender wuesste!
sein Herz alsbald Dich lieben muesste.

D. Wie bist Du mir so zart gewogen,
Wie verlangt Dein Herz nach mir!
Durch Liebe sanft und tief gezogen,
Neigt sich mein Alles auch zu Dir.
Du traute Liebe, gutes Wesen,
Du hast mich und ich Dich erlesen.

E; Ich fuehls, Du bist’s, Dich muß ich haben,
Ich fuehls, ich muß für Dich nur sein;
Nicht im Geschoepf, nicht in den Gaben,
Mein Ruhplatz ist in Dir allein.
Hier ist die Ruh, hier ist Vergnuegen;
Drum folg ich Deinen selgen Zuegen.
B.F; Ehr sei dem hohen Jesusnamen,
In dem der Liebe Quell entspringt,
Von dem hier alle Baechlein kamen,
Aus dem der Selgen Schar dort trinkt.
Wie beugen sie sich ohne Ende!
Wie falten sie die frohen Haende!

G; O Jesu, daß Dein Name bliebe
Im Grunde tief gedruecket ein!
Moecht Deine suesse Jesusliebe
In Herz und Sinn gepraeget sein!
Im Wort, im Werk, in allem Wesen
Sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (76)

76. Die glühenden Kohlen

Im Städtchen Lorch am Rhein, da, wo die Wisper in den Strom fällt, steht an der Stadtmauer auch eine Mühle, deren Räder die raschen Wellen der Wisper treiben. Einer Nacht erwachte die Magd in dieser Mühle sehr früh, es war ganz hell, und sie meinte schon, sich verschlafen zu haben, und eilte, das Feuer in der Küche zu schüren. Da gewahrte sie, wie sie durch das Küchenfenster in den Hof hinabsah, einen Haufen glühender Kohlen und ging eilend hinab, um davon um so schneller für ihr Herdfeuer Brand zu gewinnen. Drunten lagen um das Kohlenfeuer einige ihr unbekannte fremde Männer, sie aber fuhr, ohne sich an diese Männer zu kehren, mit ihrer Schaufel in die Kohlen hinein und kehrte mit der Schaufel voll in das Haus zurück. Aber als sie die Kohlen auf den Herd schüttete, so glühten sie nicht mehr, sondern waren erloschen. Sofort lief die Magd noch einmal hinaus und holte wieder eine Schaufel voll – es ging aber gerade wie beim ersten, die Kohlen waren tot. Und nochmals rannte die geschäftige Magd hinaus, da sprach einer der Männer mit tiefer Stimme: Du, höre, dieses ist das letzte Mal! – Die Magd erschrak, und befiel sie ein Bangen, doch sprach sie kein Wort und eilte nur, daß sie wieder an ihren Herd kam. Aber die Kohlen waren abermals erloschen – und jetzt hob die Turmuhr auf der Stadtkirche aus und schlug – und die Magd horchte und wollte gern wissen, wie früh es wäre, und zählte drei – vier – sechs– sieben – so spät konnt‘ es doch noch nicht sein – acht – neun – was ist das? – und die Uhrglock‘ schlug immer zu, und schlug Zwölf – und im Hof verschwand das Kohlenfeuer, verschwanden die Männer. Der Magd gruselte fürchterlich – sie eilte in ihre Bettkammer, kroch tief unter die Decke und betete so viele Seufzerlein und Reimgebetlein, als sie konnte und wußte. Am Morgen verschlief sie sich in aller Form, und statt ihrer trat der Müller zuerst in die Küche, der traute seinen Augen kaum, als er auf dem Herd statt glühender Kohlen einen Haufen glitzernder Goldstücke liegen sah, nahm den Schatz und erbaute sich davon ein neues Haus zu Lorch, gab auch der Magd ihren guten Anteil vom durch sie gewonnenen Reichtum.

Ludwig Bechstein (1801-1860)