Zur blauen Stunde | Gefangen

Gefangen.

Im Glas steht tiefgebeugt die Rose. – 
Da draußen spielt der Sonnenschein 
Und sendet mit den lichten Fluten 
Den Abglanz seiner Glut herein.

Ihr ist, als sei sie längst gestorben 
Und läge lebend doch im Grab . . . 
Erzitternd fällt ein Wassertropfen 
Wie eine Thräne still herab . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (75)

75. Die Wisperstimme

Ohnweit Lorch am Rhein liegt eine Mühle im Wispertale und am Wisperbach, darinnen lebten der Müller, seine Frau und einige Kinder ganz gut und glücklich. Das Haus lag dicht am Berg, auf dem die alten Schlösser Kammerberg und Rheinberg stehen. Einer Zeit geschah es, daß die Müllerin eine Stimme hörte, als wispere ihr jemand in das Ohr, und sahe doch niemand – und dann wisperte es von neuem: Gehe hinauf auf Kammerberg, hebe den Schatz im Turm – er ist dir bestimmt – der Schlüssel steckt am schwarzen Kasten. – Die Frau, dadurch beunruhigt, erzählte ihrem Manne, was sie immer um sich flüstern und wispern hörte, der aber sagte: Possen! Träumerei! Hirngespinste – kehre dich nicht an solche Dinge – unser Schatz ist der weiße Mehlkasten! – Aber die Frau hörte die Wisperstimme fort und fort und hatte keine Ruhe mehr und hatte auch Lust zum Schatz, wenn der ihr doch einmal beschert sei – und eines Morgens, da der Müller weit oben im Tale am Wehr in der Wisper zu bauen hatte und nicht so bald nach Hause zu kommen gedachte, ging die Frau mit ihrem jüngsten Kinde, einem Säugling, in aller Stille hinauf auf den Kammerberg. Der Müller aber vollendete sein Geschäft früher und kam nach Hause, es war gerade Mittag und Essenszeit, aber die Müllerin fehlte. Wie er nun nach der Mutter fragte, so sagte ihm sein ältester Knabe, daß seine Mutter mit dem Jüngsten auf dem Arm schon vor ein paar Stunden den Berg hinaufgegangen sei. Eilend rann der Müller hinauf, und als er in die Trümmer eintrat, hörte er die Stimme seines wimmernden Kindes, die aus der Öffnung eines halbverfallenen Turmgewölbes drang, stieg hinab und fand darin sein Weib leblos am Boden liegen. Eilend zieht er Frau und Kind aus dem Gemäuer und trägt und schleppt beide hinab in sein Haus. Dann ist nach langer Ohnmacht die Müllerin zu sich gekommen und hat erzählt, die Wisperstimme habe ihr Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, sie habe hinausgemußt, und die Stimme habe ihr auf dem Wege noch zugewispert, sie solle ganz ohne Furcht und Bangen sein, es werde ihr nichts geschehen, nur reden solle sie um keinen Preis. Sie stieg in das Turmgewölbe hinab – da stand der Kasten, da stak der Schlüssel, sie öffnete – da lag das blanke Gold – sie durfte nur nehmen – da hört sie plötzlich ihren ältern Knaben hinter sich rufen: Mutter! Mutter! und antwortet unwillig: Was gibt’s?, und da tut es einen entsetzlichen Krach, als berste der Turm und stürze das Gemäuer auf sie und ihr Kind nieder, und eine Stimme ruft aus: Weh! weh! Warum redest du? Nun bin ich wieder unerlöst auf aber hundert Jahre! – und da ist es der Müllerin schwarz vor den Augen geworden. – Und als sie das alles ihrem Mann erzählt gehabt, ist sie in eine tiefe, schwere Krankheit verfallen, und nach drei Tagen ist sie eine Leiche gewesen. So hat es der Wispermüller selbst erzählt im Jahr des Herrn achtzehnhundertundvierzehn.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Mark Twain | Deutsche und andere Geschichten (12)

Der deutsche Portier

Der persische Prophet und Dichter Omar Khayam schrieb vor mehr als achthundert Jahren:
»In den vier Weltteilen giebt es viele, die gelehrte Bücher schreiben können, viele, die Armeen zu führen verstehen, auch viele, die imstande sind, große Reiche zu regieren, aber nur wenige, die wissen, wie man ein Gasthaus halten muß.«

Der Portier in den deutschen Hotels ist eine wunderbare Erfindung, eine höchst wertvolle Annehmlichkeit. Man erkennt ihn stets an seiner Uniform und wenn man ihn braucht ist er immer da, weil er seinen Posten an der Eingangsthür nicht verläßt. Er ist höflich wie ein Herzog; er spricht vier bis zehn Sprachen; er ist die sicherste Hilfe und Zuflucht in Zeiten der Not und Gefahr. Statt sich wie bei uns mit allem an den Hotel-Clerk zu wenden, geht man hier zum Portier.

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Johnny Cash & June Carter live in 1971: Old Time Religion medley

Zum Abschluss dieser Episode aus Cashs Varieté-Show von 1969-71 werden June Carter, Norman Blake, The Carter Family mit Anita Carter und Mutter Maybelle sowie die Statler Brothers in einem Gospel-Medley mit „Old Time Religion,“ „The Fourth Man“ und „The Old Account“. Aus der Folge vom 27. Januar 1971, aufgenommen in Nashvilles legendärem Grand Ol ‚Opry.

Schwarzer Humor | Top Ten

  1. Was steht auf dem Grabstein eines Mathelehrers? – Damit hat er nicht gerechnet!
  2. Wurde gestern aus der Bibliothek geschmissen, weil ich ein Buch über Frauenrechte in die Fantasy Abteilung gelegt habe.
  3. Was sucht ein Einarmiger in der Fußgängerzone? – Einen Secondhand-Shop.
  4. Frage an Siri: Wieso bin ich schon so lange Single? – Siri aktiviert die Frontkamera.
  5. Was ist der Unterschied zwischen Joghurt und Amerika?
    Wenn man Joghurt 200 Jahre lang allein lässt, entwickelt sich eine Kultur!
  6. Was bekommt ein Kannibale, der zu spät zum Essen kommt? – Die kalte Schulter.
  7. Ich mag mich nicht gern mit der Kirche auseinandersetzen; es hat ja keinen Sinn, mit einer Anschauungsweise zu diskutieren, die sich strafrechtlich hat schützen lassen.
    (Kurt Tucholsky)
  8. Kind 1: „Papa, warum heiße ich eigentlich Schneeflocke?“
    Papa: „ Weil dir bei deiner Geburt eine Schneeflocke auf den Kopf gefallen ist.“
    Kind 2: „Papa, warum heiße ich eigentlich Blatt?
    Papa: „Weil dir bei deiner Geburt ein Blatt auf deinen Kopf gefallen ist.“
    Kind 3: „öööäüäöö“
    Papa: „ SEI STILL BACKSTEIN!“
  9. Ein Egoist ist eine Person minderen Geschmacks,
    die mehr an sich interessiert ist als an mir.
    (Ambrose Bierce)
  10. Meine Frau sagt, ich behandle eins unserer Kinder unfair. Ich weiß gar nicht, welches sie meint: Philipp, Paul oder das fette Hässliche?

Kurt Tucholsky | 20 Gedichte [1]

Die Frau spricht

Die geschiedene Frau

Ja … da war nun also wieder einer … 
      das ist komisch! 
Vor fünf Jahren, da war meiner; 
dann war eine ganze Weile keiner … 
      Und jetzt geht ein Mann in meiner Wohnung um, 
      findet manches, was ich sage, dumm; 
      lobt und tadelt, spricht vom Daseinszwecke 
      und macht auf das Tischtuch Kaffeeflecke – 
            Ist das alles nötig –?

Ja … er sorgt. Und liebt. Und ists ein trüber 
Morgen, reich ich meine Hand hinüber … 
      Das ist komisch: 
Männer … so in allen ihren Posen … 
und frühmorgens, in den Unterhosen … 
      Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele. 
      Quält mich; liebt mich; will, daß ich ihn quäle; 
      dreht mein Leben anders, lastet, läßt mich fliegen – 
      siegt, und weil ich klug bin, laß ich mich besiegen … 
             Habe ich das nötig –?

Ich war ausgeglichen. Bleiben wir allein, 
      … komisch … 
sind wir stolz. So sollt es immer sein! 
      Flackerts aber, knistern kleine Flammen, 
      fällt das alles jäh in sich zusammen. 
      Er braucht uns. Und wir, wir brauchen ihn. 
      Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin. 
      Denn ein Mann ist Mann und Gott und Kind, 
      weil wir so sehr Hälfte sind. 
            Aber das ist schließlich überall: 
            der erste Mann ist stets ein Unglücksfall. 
            Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten 
            etwa zwischen dem zweiten und dem dritten. 
Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt, 
aber notdürftig zufrieden mit dem, was man hat, 
amen.

Kurt Tucholsky

Am Feste Mariä Lichtmeß

Am Feste Mariä Lichtmeß

Durch die Gassen geht Maria,
In dem Arm den Sohn, den lieben,
Hält ihn fest und hält ihn linde,
Und ihr Auge schaut auf ihn.
Wie die Englein ihn gesungen,
Ihn die Hirten angebetet,
Huldigten die grauen Weisen,
Läßt sie still vorüber ziehn.
Aber Joseph ihr zur Seiten
Ist in Sorgfalt ganz befangen;
Prüfend frägt er alle Steine,
Ob ihr Fuß zu kühn sich wagt;
Weiß nicht, was er wird erleben,
Aber wunderbare Dinge
Haben aus des Kindleins Augen
Sich ihm heimlich angesagt.
O Maria, Mutter Christi!
Soll ich denn zu dir mich wagen
Mit dem schuldgepreßten Herzen,
Mit dem trüben Sünderblick! –
Die du hast gleich mir gewandelt,
Hast gesiegt, wo ich gesunken,
Weh, vor deiner lichten Krone
Bebt mein scheues Fleh’n zurück.
Doch du neigst dein liebes Kindlein
Und es reicht die linden Hände.
O mein lieber Herr und Richter
Bist du mein Erlöser nur?
Ach, wie hab‘ ich mich gefürchtet,
Und nun bist du lauter Liebe!
Alle harten Worte schweigen
Und dahin ist ihre Spur.
Liebster Herr, du hast geschaffen
Meine arme kranke Seele,
Wie den Reiz, den vielgestalten,
Der auf breite Straßen führt;
Und du weißt, daß wie vor Andern
Frischer Hauch in meiner Seele,
So mich auch vor Andern glühend
Jede Erdenlust berührt.
Hast du mir in Macht und Güte
Meine Seele rein gegeben,
Herrlich, groß und wohlgerüstet
Wie ein königliches Schloß:
Und nun liegt es in Zerstörung,
Graunvoll in der öden Größe,
Wie ein knöchern Ungeheuer,
Wie ein todter Meerkoloß.
Und da ich nach vielen Tagen,
Sonder Glauben, voll der Liebe,
Angstvoll prüfte seine Mauern,
Siehe da! sie standen fest.
O mein Herr, willst du mich hören,
Auftun deine Gnadenschätze:
Sieh‘, ich will getreulich bauen
Meines Lebens trüben Rest!
Muß mein Haus gleich stehen eine
Öde warnende Ruine:
Ach, nur dort kann sich gestalten,
Was so rettungslos zerstört.
Kann ich nur ein Stüblein bauen,
Ausgeschmückt mit stillen Werken,
Wo ich, Herr, dich kann bewirten,
Wenn ich bei dir eingekehrt!
Aus den Hallen tritt Maria,
In dem Arm den Sohn, den lieben,
Hält ihn fest und hält ihn linde,
Und auf dem ihr Auge ruht.
O, sie hat das Glück getragen
Durch neun wonnevolle Monde;
Was verkündet jene Frommen,
Trug sie längst im glühnden Mut.
Aber Joseph stillen Schrittes
Tritt nicht mehr an ihre Seite,
Da das liebe, liebe Kindlein
Nun der Herr der ganzen Welt.
Doch wie höher steigt die Sonne,
Schleicht er leis‘ an ihre Schulter,
Und er zupft an ihrem Mantel,
Daß der Schleier niederfällt.

Annette von Droste-Hülshoff

Weisheit des Tages | 02.02.2021

Manchmal steht man morgens auf und denkt sich, ‚Ich schaffe das nicht‘, aber dann denkt man daran – an all die Male, die man das zuvor gedacht hat.

Sometimes you climb out of bed in the morning and you think, I’m not going to make it, but you laugh inside – remembering all the times you’ve felt that way.

Charles Bukowski