Zur blauen Stunde | Nun weiß ich . . .

Mich hat ein süßer Traum bewegt, 
Durch Wochen, Nacht für Nacht.

Ich hatte seines Glücks nicht acht; 
Doch wie mir heut der Morgen sacht 
Den Schlummer von den Lidern trägt, 
Hab‘ ich an Dich gedacht.

Nun weiß ich, wer das frohe Licht 
In meine Nächte spinnt.

Denn ihr verklärtes Traumgedicht 
Jst nur Dein liebes Angesicht. 
Das heilige sie so tief und schlicht, 
Daß sie voll Sonne sind . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (74)

74. Räderberg

Auf dem Räderberge ohnweit Nassau soll vorzeiten ein Kloster gestanden haben, davon man noch einige Trümmer sieht, aber niemand wisse, wes Ordens. Einst ging ein Metzger aus Nassau gegen Abend aus, Vieh einzukaufen, und wandelte auf der Landstraße dahin, da fuhr vor ihm her eine Kutsche, und er folgte ihr immer nach und hatte des Weges weiter nicht acht. Auf einmal da hält die Kutsche vor einem großen schönen Landhaus, das dicht an der Straße steht, das aber der Metzger sich nicht entsinnen kann je gesehen zu haben, sooft er auch des Weges schon gekommen. Das Haus war hell erleuchtet, und aus der Kutsche sah der Metzger drei Mönche steigen, welche in das Haus hineingingen, und da er vermeinte, es sei das Haus ein Gasthaus, so folgte er ihnen ebenfalls nach, um des Hauses Gelegenheit zu erkunden und vielleicht da Herberge zu suchen. Er sah die Mönche in ein Zimmer gehen, wo ein Sterbender zu liegen schien, der ihrer harrte, um die Sterbesakramente zu empfangen, und dann trat er in einen großen Speisesaal, wo, so schien es ihm, viele Gäste beisammensaßen, aßen und ziemlich lärmend zechten. Als der Metzger eintrat, verstummten alle – aber der obenan Sitzende erhob sich und brachte dem Metzger einen Becher dar mit den Worten: Noch einen Tag! – Dem Metzger überlief es kalt bei der Stimme, die er hörte, und aller Durst verging ihm – da erhob sich ein Zweiter, trat an ihn heran, gleich wie jener, bot ihm einen Becher zum Trinken und sagte auch: Noch ein Tag! – aber der Metzger dankte. Da erhob ein Dritter sich, kam und sagte: Und noch ein Tag! Jetzt trank der Metzger und tat Bescheid, um nicht unhöflich zu erscheinen – als ein Vierter auf ihn zukam und ihm in gleicher Weise anbieten zu wollen schien. Da wurde es dem Metzger ganz unheimlich, und schlug ein Kreuz vor sich hin – und plötzlich war alles hinweg, er stand in tiefer Nacht ganz mutterseelenallein und wußte nicht, wo er war, um ihn war Waldgestrüpp und Ruinengemäuer. Zitternd und bebend erharrte der Metzger an der wüsten Stätte den Morgen, und als dieser anbrach, nahm jener wahr, daß er auf dem Räderberg sei, von der Landstraße weit, weit abgekommen, mitten in den Trümmern des verfallenen Klosters. Auf unbegangenem steinigen Wege fand der Metzger sich zurück, unterließ seinen Geschäftsgang, ging vielmehr zum Pfarrer und entdeckte ihm, was ihm geschehen war. Genau nach drei Tagen war der Metzger tot.

Lynn, ein irisches Luderchen…

„Darling?“

„Ja..!“

„Würdest du eigentlich gerne ein Mann sein, so manchmal…?“

Sie blies sich in ihrer unwiderstehlichen Art eine Strähne ihres wundervollen Haares aus der Stirn, um mir dann zu antworten:

„Nö, eigentlich nicht…“

Nach einer Weile fügte sie dann hinzu:

„Und du, Honey?“

Ich schluckte und wechselte rasch das Thema.

Mark Twain | Deutsche und andere Geschichten (11)

Sonntagsheiligung in Deutschland

Der schönste Tag auf dem Festland ist der Sonntag, ein freier, ein glücklicher Tag. Man kann dort den Sonntag auf hunderterlei Weise entheiligen, ohne eine Sünde zu begehen.

Wir arbeiten am Sonntag nicht, weil es gegen Gottes Gebot ist, die Deutschen ebensowenig. Wir ruhen am Sonntag, weil das Gebot es befiehlt. Die Deutschen ruhen auch. Aber in der Erklärung des Wortes ruhen liegt der ganze Unterschied. Bei den Deutschen bedeutet es am Sonntag genau dasselbe wie am Wochentag, nämlich: gieb dem Teil des Körpers Ruhe, der sie braucht und laß den übrigen Menschen thun, was er will. Der ermüdete Teil soll ausruhen – das muß durch alle Mittel gefördert werden.

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