Tja, tja…

Auf jeder Hochzeit musste ich es über mich ergehen lassen, dass meine Tanten und großmütterliche Bekannte mir in die Seite zwickten und mit einem Lachen zu mir sagten: „Ganz sicher wirst du die Nächste sein.“ Erst als ich damit anfing auf Beerdigungen das Gleiche mit ihnen zu machen, hörten sie damit auf.

Zur blauen Stunde | Neues Verlangen

Die wilden Wogen sind zerstoben, 
Verloschen meines Herzens Brand 
Und keine Sonne grüßt von oben 
In meiner Seele weites Land.

Nur manchmal, in den schwersten Tiefen, 
Will’s flüsternd durch die Stille geh’n, 
Als ob im Traum die Stimmen riefen 
Nach einem frohen Auferstehn . . .

Am fünften Sonntage nach Heilige Drei Könige

Am fünften Sonntage nach Heilige Drei Könige

Evang.: Vom Samen, so unter die Dornen fiel


In die Dornen ist dein Wort gefallen,
In die Dornen, die mein Herz zerrissen;
Du, mein Gott, nur du allein kannst wissen,
Wie sie schmerzlich sind vor andern allen;
In die Dornen meiner bittern Reue,
Die noch keine Tröstung will empfangen;
So verbarg ich es in finstrer Scheue,
Und so ist es trübe aufgegangen.
Und so wächst es auf in bittrer Wonne,
Und die Dornen lassen es gedeihen;
Ach! mein Boden ist zu hart, im Freien
Leckt den Tau vom Felsen ihm die Sonne.
Kann es gleich nur langsam sich entfalten,
Schirmen sie es treulich doch vor Stürmen
Und dem Hauch der Luft, dem todeskalten,
Und wenn sich des Zweifels Wolken türmen.
In die Dornen ist dein Wort gefallen,
Und sie werden blut’ge Rosen tragen;
Soll ich einst dir zu vertrauen wagen,
Darf ich nur in ihrem Kranze wallen.
Wenn er recht erstrahlt im Feuerglanze
Und das Haupt mir sengt mit tiefen Wunden,
Dann gedeiht die zarte Gottespflanze,
Muß an seinem Schmerzenstrahl gesunden.
In Entsagung schwinden muß mein Leben,
In Betrachtung meine Zeit ersterben,
So nur kann ich um das Höchste werben;
Meine Augen darf ich nicht erheben.
Ach! ich habe sie mißbraucht zu Sünden
Und verscherzt des Aufblicks reine Freude;
Dann nur kann ich noch den Himmel finden,
So ich ihn in Scham zu schauen meide.
Wenn ich blicke in die milden Mienen
O, wie schmerzlich muß es mich betrüben,
Denen noch das teure Recht geblieben
Ihrem Gott in Freudigkeit zu dienen!
Muß an seinem Schmerzenstrahl gesunden.
Muß erglühend sie zur Erde schlagen;
In ein reines Auge sie zu senken,
Kann ich nimmer sonder Frevel wagen.
Und wie tief neig‘ ich die Stirn, die trübe,
Wenn die Sünde rauscht an mir vorüber,
Meinen Manche, daß mich Abscheu triebe,
Und gewinnen lieber mich und lieber,
Ist es oft nur mein vergangnes Leben,
Grauenhaft zum zweitenmal geboren;
Ach! und oft empfind‘ ich gar mit Beben,
Wie der Finstre noch kein Spiel verloren!
Aber, was er auch für Tücke hege,
Kämpfen will ich um des Himmels Grenzen;
Meine Augen sollen freudig glänzen,
Wenn ich mich in meine Dornen lege,
Daß die Welt nicht meinen Kampf darf rügen,
Oder gar mit eitelm Lob geleiten:
Wohl, ich kann durch Gottes Wunder siegen,
Aber nimmer mit zwei Feinden streiten.
Ob ein Tag mir steigen wird auf Erden,
Wo ich frei mich zu den Deinen zähle?
Wo kein Schwert mehr fährt durch meine Seele,
Wenn mir deine Hände sichtbar werden?
Herr, und soll der Tag mir nimmer scheinen,
Dürft‘ ich ihn in Ewigkeit nicht hoffen,
Dennoch muß ich meine Schulden weinen,
O, der Sünder hat sich selbst getroffen!

Erich Kurt Mühsam | Die Pflicht

Jüngst war der Tod bei mir zu Gast … 
Unsichtbar stand er und hat still 
und prüfend meinen Puls gefaßt, 
als fragt er, ob ich folgen will.

Da ward mein Körper schwebend leicht, 
und in mir ward es licht und rein. 
Ich spürte: Wenn das Leben weicht, 
muß Seligkeit und Süße sein.

Willkommner Tod, du schreckst mich nicht; 
in deiner Obhut ist es gut, 
wo Geist und Leib von aller Pflicht 
von Kerkerqual und Ängsten ruht …

Von aller Pflicht? Stirbt denn mit mir 
der Krieg, das Unrecht und die Not? 
Des Armen Sucht, des Reichen Gier – 
sind sie mit meinem Ende tot?

Ich schwur den Kampf. Darf ich ihn fliehn? 
Noch leb ich – wohlig oder hart. 
Kein Tod soll mich der Pflicht entziehn – 
und meine Pflicht heißt: Gegenwart!

Eugen Roth | Theaterbilletts

Ein Mensch besitzt zwei Festspielkarten,
Auf die vielleicht zehntausend warten,
Die, würden sie beschenkt mit diesen,
Sich ungeheuer glücklich priesen.
Der Mensch von diesen schroff getrennt,
Dadurch, daß er sie gar nicht kennt,
Denkt vorerst seiner beiden Schwestern:
„Nein, danke“, heißts, „wir waren gestern.“
Dann fällt ihm noch Herr Müller ein,
Der wird vermutlich selig sein,
Doch selig ist der keinesfalls,
Ihm stehn die Opern schon zum Hals.
Wie konnt ich Fräulein Schulz vergessen?
Die ist auf so was ganz versessen!
„Wie, heute abend, Lohengrin?
Da geh ich sowieso schon hin!“
Herr Meier hätte sicher Lust:
„Hätt vor drei Tagen ichs gewußt!“
Frau Huber lehnt es ab, empört:
„Vor zwanzig Jahren schon gehört!“
Herr Lieblich meint, begeistert ging er,
Wär es für morgen, Meistersinger,
Doch heute abend, leider nein,
Der Mensch läßt es von nun an sein.
Zwei Plätze, keine Sitzer habend,
Genießen still den freien Abend.

Mark Twain | Deutsche und andere Geschichten (10)

Wagnermusik

Abends fuhr ich in Begleitung eines Freundes von Heidelberg nach Mannheim, um ein Scharivari zu hören – oder vielleicht eine Oper – sie heißt ›Lohengrin‹. Das Hämmern und Klopfen, das Sausen und Krachen war über alle Beschreibung. Es erregte mir einen unerträglich quälenden Schmerz, ganz ähnlich wie das Plombieren der Zähne beim Zahnarzt.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (73)

73. Not Gottes

Zu Rüdesheim am Rhein bewohnte das mannliche Geschlecht der Brömser von Rüdesheim ihre uralte graue Feste, deren Aufbau in die Römerzeit fällt, und weiter stromabwärts an der Waldberger Höhe ist das Kloster gelegen, welches den wunderbarlichen Namen Not Gottes trägt. Ein Brömser von Rüdesheim zog nach Palästina, tat allda viele mannliche Taten, bezwang viele Sarazenen und kämpfte mit einem Drachen, den er auch erlegte, aber bei dieser Gelegenheit oder bald darauf fiel er in die Hände der Ungläubigen, die ihm schwere Ketten zu tragen auferlegten. Da gelobte er in seinem Kerker, seine Tochter, die er als ein junges Kind verlassen, dem Himmel zu weihen, wenn sie am Leben bleibe und er in die Heimat rückkehre. Und siehe, des Ritters Ketten fielen von ihm ab, der Himmel nahm das dargebotene Opfer an, der Ritter entkam und eilte der Heimat zu. Freudvoll empfing ihn seine schön erblühte Tochter, und er offenbarte ihr sein Gelübde. Da wurde die Tochter bleich wie der Tod – sie war in Minne einem jungen Ritter zugetan, dessen Hand zugesprochen zu erhalten sie von ihrem Vater zuversichtlich gehofft. Aber es halfen nicht Flehen, nicht Tränen, der Vater glaubte dem Himmel vor allem schuldig zu sein, sein ritterliches Wort zu halten. Da enteilte die Tochter laut wehklagend der Brömserburg, erklimmte den nächsten Felsen und stürzte sich in den Strom hinab. –

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Zur blauen Stunde | Beim Schlafengehen

Nun hat der Tag mich müd gemacht,
Soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht
Wie ein müdes Kind empfangen.

Hände, laßt von allem Tun
Stirn, vergiß du alles Denken,
Alle meine Sinne nun
Wollen sich in Schlummer senken.

Und die Seele unbewacht
Will in freien Flügen schweben,
Um im Zauberkreis der Nacht
Tief und tausendfach zu leben.

Eugen Roth | Tele-Pathie

Fand einer Heilung rasch, der krank war, 
Ist er natürlich riesig dankbar. 
Er schreibt der Firma ganz freiwillig, 
Die Tee versendet, gut und billig. 
Dankschreiben finden in der Zeitung 
Mit Recht in Wort und Bild Verbreitung. 
Da sehn wir eine Frau aus Sachsen, 
Seit siebzehn Jahren darmverwachsen, 
Wie blickt sie uns jetzt rüstig an: 
Der Tee, der hat ihr gutgetan. 
Des weitern schreibt ein Herr aus Danzig, 
Dort wohnhaft Schillerstraße zwanzig, 
Daß er sich wieder glänzend fühlt:
Der Spulwurm ist hinweggespült.
Ein Mann, dem Kalk in ganzen Quadern 
Gebröckelt schon in seinen Adern, 
Schreibt, daß sein Blut jetzt dünner rönne 
Und daß er wieder schlafen könne. 
Durchs Leben jeder gerne wandelt, 
Mit Tee ganz schmerzlos fernbehandelt.