Die Edda | 1. Gylfaginnîng

14. Da fragte Gangleri: Was that Allvater als Asgard gebaut war? Har antwortete: Zuvörderst setzte er Richter ein, die über das Schicksal der Leute entscheiden und die Einrichtungen in der Burg bewahren sollten. Das war an dem Orte, der Idafeld heißt, mitten in der Burg. Ihr erstes Geschäft war, einen Hof zu bauen, worin ihre Stühle standen, zwölfe an der Zahl und überdieß ein Hochsitz für Allvater. Es ist das beste und gröste Gebäude der Welt, außen sowohl als innen von lauterm Gold. Diese Stätte nennt man Gladsheim. Sie bauten noch einen andern Saal, da war die Wohnung der Göttinnen. Dieß Haus war auch sehr schön und die Menschen nennen es Wingolf. Darnach legten sie Schmiedeöfen an, und machten sich dazu Hammer, Zange und Amboß und hernach damit alles andere Werkgeräthe. Demnächst verarbeiteten sie Erz, Gestein und Holz und eine so große Menge des Erzes, das Gold genannt wird, daß sie alles Hausgeräthe von Gold hatten. Und diese Zeit heißt das Goldalter: es verschwand aber bei der Ankunft gewisser Frauen, die aus Jötunheim kamen. Darnach setzten sich die Götter auf ihre Hochsitze und hielten Rath und Gericht, und gedachten wie die Zwerge belebt würden im Staub und in der Erde gleich Maden im Fleisch. Die Zwerge waren zuerst erschaffen worden und hatten Leben erhalten in Ymirs Fleisch und waren da Maden. Aber nun nach dem Ausspruch der Götter erhielten sie Menschenwitz und Menschengestalt und wohnten in der Erde und im Gestein. Modsognir hieß einer dieser Zwerge und ein anderer Durin, wie es in der Wöluspa heißt:

Da gingen die Berather   zu den Richterstühlen,
Hochheilge Götter   hielten Rath,
Wer schaffen sollte   der Zwerge Geschlecht
Aus des Meerriesen Blut   und blauen Gliedern.

Da ward Modsognir   der mächtigste
Dieser Zwerge,   und Durin nach ihm.
Manche noch machten sie   menschengleich
Der Zwerge von Erde   wie Durin angab.


Und dieses, heißt es, sind die Namen dieser Zwerge:

Nyi und Nidi,   Nordri und Sudri,
Austri und Westri,   Althiof, Dwalin,
Nar und Nain,   Nipingr, Dain,
Biwör, Bawör,   Bömbör, Nori,
Ori, Onar,   Oin, Modwitnir,
Wigr und Gandalfr,   Windalfr, Thorin,
Fili, Kili,   Fundin, Wali,
Thror, Throin,   Theckr, Litr, Witr,
Nyr, Nyradr,   Reckr, Radswidr.


Und diese sind auch Zwerge und wohnen im Gestein wie jene in der Erde:

Draupnir, Dolgthwari,   Hör, Hugstari,
Hlediofr, Gloin,   Dori, Ori,
Dufr, Andwari,   Hepti, Fili,
Har, Siar.


Aber folgende kamen von Swarins Hügel gen Örwang auf Jöruwall, und von ihnen stammt Lofars Geschlecht. Dieß sind ihre Namen:

Skirfir, Wirfir,   Skafidr, Ai,
Alfr, Ingi,   Eikinskialdi,
Falr, Frosti,   Fidr, Ginnar.


15. Da fragte Gangleri: Wo ist der Götter vornehmster und heiligster Aufenthalt? Har antwortete: Das ist bei der Esche Yggdrasils: da sollen die Götter täglich Gericht halten. Da fragte Gangleri: Was ist von diesem Ort zu berichten? Da antwortete Jafnhar: Diese Esche ist der gröste und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhöggr nagt von unten auf an ihr. Bei der andern Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er täglich von dem Brunnen aus dem Giallarhorn trinkt. Einst kam Allvater dahin und verlangte einen Trunk aus dem Brunnen, erhielt ihn aber nicht eher bis er sein Auge zum Pfand setzte. So heißt es in der Wöluspa:

Alles weiß ich, Odhin,   wo dein Auge blieb:
In der vielbekannten   Quelle Mimirs.
Meth trinkt Mimir   jeden Morgen
Aus Walvaters Pfand:   wißt ihr was das bedeutet?


 Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte; jeden Tag reiten die Asen dahin über Bifröst, welche auch Asenbrücke heißt. Die Pferde der Asen haben diese Namen. Sleipnir, das beste, hat Odhin: es hat acht Füße; das andre ist Gladr; das dritte Gyllir, das vierte Gler, das fünfte Skeidbrimir, das sechste Silfrintopp, das siebente Sinir, das achte Gils, das neunte Falhofhir, das zehnte Gulltopp, das eilfte Lettfeti. Baldurs Pferd ward mit ihm verbrannt. Thôr geht zu Fuß zum Gericht und watet über folgende Flüße:

Körmt und Örmt   und beide Kerlög
Watet Thôr täglich,
Wenn er hinfährt   Gericht zu halten
Bei der Esche Yggdrasils.
Denn die Asenbrücke   stünd all in Lohe,
Heilige Fluten flammten.


Da fragte Gangleri: Brennt denn Feuer auf Bifröst? Har antwortete: Das Rothe, das du im Regenbogen siehst, ist brennendes Feuer. Die Hrimthursen und Bergriesen würden den Himmel ersteigen, wenn ein Jeder über Bifröst gehen könnte, der da wollte. Viel schöne Plätze giebt es im Himmel, die alle unter dem Schutz der Götter stehen. So steht ein schönes Gebäude unter der Esche bei dem Brunnen: aus dem kommen die drei Mädchen, die Urd, Skuld und Werdandi heißen. Diese Mädchen, welche aller Menschen Lebenszeit bestimmen, nennen wir Nornen. Es giebt noch andere Nornen, nämlich solche, die sich bei jedes Kindes Geburt einfinden, ihm seine Lebensdauer anzusagen. Einige sind von Göttergeschlecht, andere von Alfengeschlecht, noch andere vom Geschlecht der Zwerge, wie hier gesagt wird:

Gar verschiednen Geschlechts   scheinen mir die Nornen,
Und nicht Eines Ursprungs.
Einige sind Asen,   andere Alfen,
Die dritten Töchter Dwalins.


Da sprach Gangleri: Wenn die Nornen über das Geschick der Menschen walten, so theilen sie ihnen schrecklich ungleich aus. Die Einen leben in Macht und Überfluß, die Andern haben wenig Glück noch Ruhm; die Einen leben lange, die Andern kurze Zeit. Har antwortete: Die guten Nornen und die von guter Herkunft sind, schaffen Glück, und gerathen einige Menschen in Unglück, so sind die bösen Nornen Schuld.

 16. Da fragte Gangleri: Was ist weiter Merkwürdiges von der Esche zu sagen? Har antwortete: Gar viel ist davon zu sagen. Ein Adler sitzt in den Zweigen der Esche, der viel Dinge weiß, und zwischen seinen Augen sitzt ein Habicht, Wedrfölnir genannt. Ein Eichhörnchen, das Ratatöskr heißt, springt auf und nieder an der Esche und trägt Zankworte hin und her zwischen dem Adler und Nidhöggr. Und vier Hirsche laufen umher an den Zweigen der Esche, und beißen die Knospen ab. Sie heißen: Dain, Dwalin, Dunneir, Durathror. Und so viel Schlangen sind in Hwergelmir bei Nidhöggr, daß es keine Zunge zählen mag. So heißt es hier:

Die Esche Yggdrasils   duldet Unbill
Mehr als Menschen wißen:
Der Hirsch weidet oben,   hohl wird die Seite,
Unten nagt Nidhöggr.


Ferner heißt es:

Mehr Würme liegen   unter der Esche Wurzel
Als ein unkluger Affe meint:
Goin und Moin,   Grafwitnirs Söhne,
Grabakr und Grafwölludr;
Ofnir und Swafnir   sollen ewig
Von der Wurzel Zweigen zehren.


Auch wird erzählt, daß die Nornen, welche an Urds Brunnen wohnen, täglich Waßer aus dem Brunnen nehmen und es zugleich mit dem Dünger, der um den Brunnen liegt, auf die Esche sprengen, damit ihre Zweige nicht dorren oder faulen. Dieß Waßer ist so heilig, daß Alles was in den Brunnen kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt. So heißt es:

Begoßen wird die Esche,   die Yggdrasils heißt,
Der geweihte Baum,   mit weißem Nebel.
Davon kommt der Thau,   der in die Thäler fällt.
Immergrün steht er   über Urds Brunnen.


Den Thau, der von ihr auf die Erde fällt, nennt man Honigthau: davon ernähren sich die Bienen. Auch nähren sich zwei Vögel in Urds Brunnen, die heißen Schwäne und von ihnen kommt das Vogelgeschlecht dieses Namens.

17. Da sprach Gangleri: Große Dinge weist du vom Himmel zu berichten; aber was für andere Hauptgebäude giebt es noch außerdem an Urds Brunnen? Har antwortete: Da sind noch manche merkwürdige Stätten. So ist eine Wohnung, die Alfheim heißt. Da haust das Volk, das man Lichtalfen nennt: aber die Schwarzalfen (Döckalfar) wohnen unten in der Erde, und sind jenen ungleich von Angesicht, und noch viel ungleicher in ihren Verrichtungen. Die Lichtalfen sind schöner als die Sonne von Angesicht; aber die Schwarzalfen schwärzer als Pech. Da ist auch eine Wohnung, die Breidablick heißt, und das ist die schönste von allen. Ein anderes Gebäude heißt Glitnir: dessen Wände, Säulen und Balken sind von rothem Golde und das Dach von Silber. Da ist auch ein Bau, der Himinbiörg (Himmelsburg) heißt, der steht an des Himmels Ende, da wo die Brücke Bifröst an den Himmel reicht; da ist ferner ein großer Saal, der Walaskialf heißt: das ist Odhins Saal. Ihn schufen die Götter und deckten ihn mit schierem Silber. In diesem Saal ist der Hochsitz, der Hlidskialf heißt, und wenn Allvater auf diesem Hochsitz sitzt, so übersieht er die ganze Welt. Am südlichen Ende des Himmels ist der Pallast, der Gimil heißt und der schönste von allen ist und glänzender als die Sonne. Er wird stehen bleiben, wenn sowohl Himmel als Erde vergehen, und alle guten und rechtschaffenen Menschen aller Zeitalter werden ihn bewohnen. So heißt es in der Wöluspa:

Einen Saal sah ich   lichter als die Sonne,
Mit Gold gedeckt,   auf Gimils Höhn.
Da werden bewährte   Leute wohnen,
Und ohne Ende   der Ehren genießen.


Da fragte Gangleri: Wer bewahrt diesen Pallast, wenn Surturs Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: Es wird gesagt, daß es einen Himmel südlich und oberhalb von diesem gebe, welcher Andlang heiße. Und noch ein dritter Himmel sei über ihnen, welcher Widblain heiße, und in diesen Himmeln glauben wir sei der Pallast belegen und nur von den Lichtalfen glauben wir diesen Pallast jetzt bewohnt.

18. Da fragte Gangleri: Woher kommt der Wind, der so stark ist, daß er das Weltmeer aufrührt und Feuer anfacht? Aber so stark er ist, kann ihn doch Niemand sehen: wie ist das wunderlich beschaffen! Da antwortete Har: Das kann ich dir wohl sagen. Am nördlichen Ende des Himmels sitzt ein Riese, der Hräswelgr (Leichenschwelger) heißt. Er hat Adlersgestalt und wenn er zu fliegen versucht, so entsteht der Wind unter seinen Fittichen. Davon heißt es so:

Hräswelg heißt,   der an Himmels Ende sitzt,
In Adlerskleid ein Jote.
Mit seinen Fittichen   facht er den Wind
Über alle Völker.


19. Da fragte Gangleri: Wie kommt es, daß der Sommer heiß ist und der Winter kalt? Har antwortete: Nicht soll ein kluger Mann also fragen, denn hievon weiß ein Jeder Kunde zu geben. Wenn du aber allein so unwißend bist, daß du dieß nie gehört hast, so will ich dir lieber zulaßen, daß du einmal unweise fragst als daß du länger dessen unkundig bleibst was ein Jeder wißen sollte. Swasudr heißt der Vater des Sommers; der ist so wonnig, daß nach seinem Namen alles süß (svasligt) heißt was milde ist. Aber der Vater des Winters heißt bald Windloni (Windbringer), bald Windswalr (Windkühl), und dieß Geschlecht ist grimmig und kaltherzig und der Winter artet ihm nach.

20. Da fragte Gangleri: Welches sind die Asen, an welche die Menschen glauben sollen? Har antwortete: Es giebt zwölf göttliche Asen. Da sprach Jafnhar: Die Asinnen sind nicht minder heilig und ihre Macht nicht geringer. Da sprach Thridi: Odhin ist der vornehmste und älteste der Asen. Er waltet aller Dinge, und obwohl auch andere Götter Macht haben, so dienen ihm doch alle wie Kinder ihrem Vater. Seine Frau ist Frigg; sie weiß aller Menschen Geschick, obgleich sie es Keinem vorhersagt. So wird berichtet, daß Odhin selbst zu dem Asen sagte, der Loki heißt:

Irr bist du, Loki,   daß du selber anführst
Die schnöden Schandthaten.
Wohl weiß Frigg   Alles was sich begiebt
Ob sie schon es nicht sagt.


Odhin heißt Allvater, weil er aller Götter Vater ist, und Walvater, weil alle seine Wunschsöhne sind, die auf dem Walplatz fallen. Sie werden in Walhall und Wingolf aufgenommen und heißen da Einherier. Er heißt auch Hangagott oder Haptagott, Farmagott und nannte sich noch mit vielen Namen als er zu König Geirröd kam:

Ich heiße Grimur   und Gangleri,
Herian, Hialmberi,
Theckr, Thridi,   Thudr, Udr,
Helblindi und Har.
Sadr, Swipal   und Sanngetal,
Herteitr und Hnikar,
Bileigr und Baleigr,   Bölwerkr, Fiölnir,
Grimnir, Glapswidr, Fiölswidr.
Sidhöttr, Sidskeggr,   Siegvater, Hnikudr,
Allvater, Atridr, Farmatyr,
Oski, Omi,   Jafnhar, Biflindi,
Göndlir, Harbardr.
Swidur, Swidrir,   Jalkr, Kialar, Widur,
Thror, Yggr, Thundr,   Wakr, Skilfingr,
Wafudr, Hroptatyr,   Gautr, Weratyr
.


Da sprach Gangleri: Erschrecklich viel Namen habt ihr ihm gegeben, und wohl glaube ich, daß der sehr klug sein müße, der weiß und angeben kann, welche Begebenheiten einen jeden dieser Namen veranlaßt haben. Da antwortete Har: Wohl gehört Klugheit dazu, das genau zu erörtern; aber doch ist davon in der Kürze zu sagen, daß dieß zu den meisten dieser Benennungen Veranlaßung gab, daß so vielerlei Sprachen in der Welt sind, denn alle Völker glaubten, seinen Namen nach ihrer Zunge einrichten zu müßen um ihn damit anzurufen und anzubeten. Andere Veranlaßungen zu diesem Namen müßen in seinen Fahrten gesucht werden, die in alten Sagen berichtet werden, und du magst mit Nichten ein kluger Mann heißen, wenn du nicht von diesen merkwürdigen Begebenheiten zu erzählen weist.

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

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