Zur Blauen Stunde | Im Abendpurpur.

Dank Dir, Abend, Dank für Dein Geleiten! 
Kronreif webst Du meinen Locken hin 
Pupurwogen mein Gewand umgleiten . . . 
Und nun kann ich wie ein König schreiten 
Hin zu Dir, Du meine Königin.

Was ich blicke ist mein Gut und Eigen, 
Breiter Bäche helles Glitzergold, 
Edelsteine, die sich von den Zweigen 
Demantfunkelnd in die Sonne neigen 
Winken mir als reicher Königssold.

Rosen streut der Abend mir zu Füßen. – 
Machtbewußt und hoch schreit ich dahin 
Hin zu Dir. – Und Deine märchensüßen 
Blicke werden mich als König grüßen 
Der ich doch bei Dir nur Bettler bin . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Herbstnacht

Als ich, ein Kind, am Strome ging,
Wie ich da fest am Glauben hing,
Wenn ich den Wellen Blumen gab,
So zögen sie zum Meer hinab.
Nun hält die schwarz verhüllte Nacht
Erschauernd auf den Wäldern Wacht,
Weil bald der Winter, kalt und still,
Doch tödlich mit ihr ringen will.
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Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Erstes Kapitel

Erstes Kapitel
Von dem Ursprung, Herkommen und Namen der Schildbürger in Misnoxotamia.

Vor vielen Jahrhunderten haben die Alten schon diesen herrlichen Spruch gehabt, welcher auch noch zu unsern Zeiten als giltig anerkannt werden muß, und der also lautet:

So wie die Eltern geartet sind, 
Sind größtentheils auch ihre Kind: 
Sind sie mit Tugenden begabt, 
An Kindern ihr deßgleichen habt. 
Ein guter Baum gibt gute Frucht; 
Der Mutter nach schlägt gern die Zucht. 
Ein gutes Kalb, eine gute Kuh: 
Das Jung thut’s gern dem Vater zu. 
Hat auch der Adler hoch an Muth 
Furchtsame Tauben je gebrut’t? 
Doch merk‘ mich recht, merk‘ mich mit Fleiß, 
Was man nicht wäscht, wird selten weiß.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (19)

19. Mutter Gottes am Felsen

Unterhalb Täsch, wo das Dorf St. Nicolaus das Nicolaital beschließt oder dem, der im Gebirg von unten heraufkommt, eröffnet, hebt sich hoch über St. Nicolaus der Räti mit einer schroffen Felswand gegen das Tal; an dieser Wand steht ein kleines Muttergottesbild von Stein. Weiterlesen „Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (19)“

Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (13)

13. Der Schuhmacher

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es gibt eine Art Menschen, denen jeder einmal hier und da begegnet ist, Menschen, die tun, als glaubten sie nicht, woran sie im Herzen doch glauben und wovor sie sich fürchten. Felix O’Driscoll war ein solcher, überall mit dem Munde voraus, ein Schreier und Schwätzer, gab er vor, weder an die Elfen noch an Cluricaune und Phuken zu glauben und manchmal war er so unverschämt sich anzustellen, als bezweifle er das Dasein der Geister, an welche doch jeder Mensch auf irgendeine Weise glaubt. Die Leute aber pflegten sich zu winken oder einander anzusehen, wenn Felix prahlte, denn man hatte bemerkt, daß er sich fürchtete, wenn er über die Furt von Ahnamoe bei Nacht ging und daß, wenn er einmal über den alten Kirchplatz von Grenaugh in der Dunkelheit ritt, obgleich er sich Mut genug getrunken hatte, er sein Pferd in Trab setzte, so daß niemand gleichen Schritt mit ihm halten konnte und er regelmäßig von Zeit zu Zeit einen scharfen Blick über seine linke Schulter warf.

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