Zur Blauen Stunde | Aus schweren Nächten . . .

In meine Nächte zittert manche Thräne 
Kein Traum schließt meine wunden Augen zu . . . 
Oh, wie ich mich nach Deinen Lippen sehne 
Nach ihrem glockenreinen weichen »Du«!

Oh Gott, nur Deine leise Hand zu fühlen 
Und Deiner Finger stummen Liebesdruck, 
Die mild die fieberheißen Pulse kühlen! 
Minuten nur!! – Mir wär es Glücks genug . . .

Stefan Zweig (1881-1942)

Die Schildbürger, oder: Das Lallen- und Narrenbuch. | Vorrede

Höchst wunderseltsame, abenteuerliche Geschichten und Thaten.

Mit schönen Figuren.

Herausgegeben von F. S. Haarer.

Reutlingen, 
Druck und Verlag von Fleischhauer und Spohn.

1854

Vorrede an den Leser.

Sei es, daß Beschäftigung mit zu wichtigen Dingen, sei es, daß irgend ein anderer wichtiger Grund und Ursache unsere lieben Schildbürger abgehalten, uns von ihren höchst seltenen, dazu merkwürdigen Thaten Kunde zu verschaffen. Ganz im Geheim und verborgen vor der Welt, lebten unsere Schildbürger in ihrem Streben nach Wissenschaft fort, und suchten immer mehr und mehr ihre Weisheit noch zu vergrößern. Ungeachtet sie es auf einen hohen Grad zu bringen gewußt haben, so waren sie dennoch gar zu bescheiden, als daß sie sich darum vor ihren übrigen Mitmenschen hervorheben und sich damit hätten brüsten wollen, als ob sie Alles verständen.

Einem ganz zufälligen Ereigniß jener Zeit verdanken wir das große Glück, daß unsere gegenwärtige Historie der Nachwelt überliefert worden. Vernehmet, liebe Leser, mit Aufmerksamkeit: wie es sich fügen mußte, daß die Thaten unsers berühmten Schildbürger-Stammes zur Oeffentlichkeit gebracht worden sind.

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Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (18)

18. Der ewige Jude auf dem Matterhorn

Hoch im Alpengebirge, ohnweit Welschlands Grenzen und dem hohen Monte Rosa, des Name schon italienisch genannt wird, hebt sich ein mächtiger Bergstock, das Matterhorn geheißen, darunter liegt der Matterberg mit einem Gletscher, dessen ablaufendes Gewässer die Visper bildet, welche noch ihre Wellen nach deutschem Boden herabrollt. Weiterlesen „Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (18)“

Die Edda | 36. Gudhrûnarhvöt.

36. Gudhrûnarhvöt.Gudruns Aufreizung.

Da ging Gudrun ans Meer, nachdem sie Atli getödtet hatte. Sie ging in die See, sich umzubringen, mochte aber nicht versinken. Da ward sie von den Fluten über den Sund getragen an das Land König Jonakurs. Der nahm sie zur Ehe. Ihre Söhne waren Sörli, Erp und Hamdir. Dort wurde Swanhild, Sigurds Tochter, erzogen und Jörmunrek dem reichen zur Ehe gegeben. Bei dem war Bicki: der gab den Rath, daß Randwer, des Königs Sohn, sie zur Ehe nähme. Das verrieth Bicki dem Könige. Da ließ der König Randwern henken und Swanhilden von Pferden zertreten. Als Gudrun dieß hörte, sprach sie den Söhnen zu.

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Irische Elfenmärchen | Der Cluricaun (12)

12. Der verwünschte Keller

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es gibt wenig Leute in Irland, die nicht die alte Familie der Mac Carthys kennen sollten, deren Zweige sich in dem Süden ausgebreitet haben und die sämtlich durch die Gastfreundschaft berühmt sind, womit sie jeden Fremden, vornehm oder gering, aufnehmen.

Von niemand übertroffen ward hierin Justin Mac Carthy von Ballinacarthy; seine Tafel war mit Speise und Trank reichlich besetzt und herzlich willkommen jeder, der daran Teil nehmen wollte. Sein Weinkeller konnte für ein wahrhaftes Muster gelten und mancher andere mußte sich dagegen seines Namens schämen. So viel Raum er hatte, war er doch mit Körben für Weinflaschen und langen Reihen von Fässern aller Art und Größe angefüllt, so daß sie aufzuzählen mehr Zeit wegnehmen würde, als der mäßigste Mensch übrig behalten könnte an solch einem Platz, umgeben von der Fülle zu trinken und herzlich eingeladen, es zu tun.

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