Zur Blauen Stunde | In tiefer Nacht.

So mitternächtig alle Gassen, 
Die silberblank der Mond durchzieht 
So blaß und stumm die Häusermassen . . . 
Hinauf zu schlummernden Gelassen 
Klingt sonnetrunken noch mein Lied.

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Mein Himmel

Wie ist der Himmel doch so weit
entfernt von mir mit seinen Sternen!
Er baut zur Grenzenlosigkeit
sich auf durch unmeßbare Fernen.
Es reicht mein schwacher Blick nicht hin,
mir nur die nächste Welt zu zeigen;
ich fühle, daß ich Erde bin,
nicht wert, zu ihr empor zu steigen.

Wie ist der Himmel doch so nah!
Er strahlt in mir mit tausend Sternen.
Fühl ich ihn nicht, er ist doch da;
ich muß ihn nur erfassen lernen.
Die ganze Unermeßlichkeit
der Liebe darf ich in mir tragen;
es hemmt sie weder Raum noch Zeit,
mich auf zu Gott, dem Herrn zu tragen.

Unendlich und doch endlich ist
der Himmel um die kleine Erde,
doch du in meinem Herzen bist
der, den ich ewig haben werde.
Was andern Himmeln drohen mag.
Dir hat es nicht und nie zu gelten:
Für dich gibt’s keinen letzten Tag
und keinen Untergang der Welten.

Wie ist der Himmel doch so weit,
und wie so nahe kann er liegen,
wenn über unsre Blödigkeit
der Glaube und die Liebe siegen.
Ich blick empor; ich schau in mich;
dort darf ich nichts, hier Alles hoffen.
Mein Gott und Herr, ich bitte dich,
erhalt mir diesen Himmel offen!

Karl May (1842-1912)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (16)

16. Kastelen-Alpe

Auf der Kastelen-Alpe wohnte ein reicher Bauer, der hatte viele Herden und Matten, und drunten in Kriens hatte er eine arme Muhme, die war Witwe, hatte nur eine einzige Tochter und nährte sich mit dieser gar kümmerlich, lag auch schwer an der Gicht darnieder. Da entschloß sich das Maidli, hinauf auf die Alp zum reichen Vetter zu gehen und ihn um eine Unterstützung anzusprechen. Da stieg ein schrecklich Gewitter am Himmel auf, als sie auf der Alpe ankam, ihr aber ward kein Trost und keine Gabe, nur Hohn und Scheltworte, und sie ließen droben auch trotz des drohenden Wetters das Mägdlein wieder fortgehen. Das kam tüchtig in das Wetter und erreichte mit Not die Hütte eines Sennen, das war ihr Bube Aloys, der hatte noch einen kleinen Käs, den gab er ihr für sie und ihre Mutter. Raschen Schrittes eilte die Dirne abwärts, da glitt sie auf der glatten Trift, fiel hin, und der Käs rollte in die Tiefe, unaufhaltbar in unzugängliche Felsklüfte. Weinend und kummervoll schaute die arme Dirne dem entrollten Käse nach, da faßte etwas ihre Hand, und sie erschrak zum Tode, und bei ihr stand so ein klein winziges graues Herdmanndli, das hatte auf seiner Schulter das verlorengegangene Stückchen Alpenkäse, etwa so groß wie ein Viertelsmühlstein und in der Hand ein Büschel Kräuter, und sprach: Magst den Käs mit heimnehmen und deiner Mutter von den Kräutern einen Tee kochen, sollst nicht mehr hülflos weinen. – Hoch droben im Gebirg aber tobte das Unwetter noch fort, über alle Maßen greulich, und war ein Donnern, Tosen und Krachen, als ginge die Welt unter. Wie das Maidli zur Mutter kam, war der Käs ein Stück so schweres Gold geworden, und vom Kräutertee wurde die Mutter ganz gesund. Über die Kastelen-Alp aber hatte sich im Gewitter ein Bergsturz geschüttet, die Matten verwüstet, die Herden erschlagen und ein Stein, etwa so groß wie ein Alpenkäs, hatte dem geizigen Vetter einen Fuß abgeschlagen. Später ist er noch zu seiner Muhme Haus gehinkt gekommen und hat gebettelt.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Irische Elfenmärchen | Das stille Volk (10)

(Siehe auch die Anmerkungen)

10. Die Bekenntnisse des Thomas Bourke

Thomas Bourke wohnt in einem niedrigen, langgestreckten Pächterhaus, welches von außen einer großen Scheune gleicht und an dem Fuße eines Berges liegt, gerade da, wo die neue Straße von der alten sich scheidet, welche von Kilworth nach Lismore führt. Er gehört zu einer Klasse von Leuten, die in Irland eine Art schwarzer Schwäne sind; er ist nämlich ein wohlhabender Pächter. Sein Vater hatte in der guten, alten Zeit, wo hundert Pfund Sterling ein nicht unbeträchtlicher Schatz waren, seinem Gutsherrn mit dieser Summe ausgeholfen, und als Vergeltung dieser Bereitwilligkeit eine lange Pacht erhalten, die zehnmal mehr wert war, als das Darlehen, dem er sie zu verdanken hatte. Der alte Mann starb mit einem Vermögen von einigen hundert Pfunden, wovon er den größten Teil, samt dem Pachtgute, seinem Sohn Thomas vermachte. Außerdem erhielt Thomas von seinem Vater eine Gabe, die mehr Wert hatte, als alle irdische Reichtümer, so hoch er diese auch zu allen Zeiten schätzte. Es ward ihm das Vorrecht verliehen, dessen sich wenige Menschenkinder erfreuen, mit jenen geheimnisreichen Wesen Verkehr zu haben, welche man das stille Volk nennt.

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Die Harfenjule

Emsig dreht sich meine Spule, 
Immer zur Musik bereit, 
Denn ich bin die Harfenjule 
Schon seit meiner Kinderzeit.

Niemand schlägt wie ich die Saiten, 
Niemand hat wie ich Gewalt. 
Selbst die wilden Tiere schreiten 
Sanft wie Lämmer durch den Wald.

Und ich schlage meine Harfe, 
Wo und wie es immer sei, 
Zum Familienbedarfe, 
Kindstauf oder Rauferei.

Reich mir einer eine Halbe 
Oder einen Groschen nur, 
Als des Sommers letzte Schwalbe 
Schwebe ich durch die Natur.

Und so dreht sich meine Spule, 
Tief vom Innersten bewegt, 
Bis die alte Harfenjule 
Einst im Himmel Harfe schlägt.

Alfred Georg Hermann „Fredi“ Henschke, genannt Klabund (* 4. November1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos) war ein deutscher Schriftsteller.