Sinnende Stunde (2)

Die frühen Kränze

Oh, come grato ocorre 
Nel tempo giovanil, quando ancor lungo 
La speme e breve ha la memoria il corso, 
Il rimembrar delle passate cose!

Leopardi

I

Oft bange ich, vom Tal der Heiterkeit 
Biege mein Weg zu Stille schon und Schweigen, 
Denn leiser wandelt meiner Stunden Reigen, 
Wie Menschen gehn vor naher Müdigkeit.

So war, was ich, ein Kind, ein Träumer nahm 
Das Leben schon? Und waren die verfrühten 
Geschicke, die ich griff, schon reife Blüten, 
Mit denen meine Jugend zu mir kam?

Doch Fragen sind dies, die ich klaglos spreche, 
Denn keiner weiß es ganz, was er erlebt, 
Da er noch Strom ist und geschnellte Schwinge,

Und erst, wenn alle Unrast fern verbebt, 
Malen sich bildhaft auf der stillen Fläche 
Die späten Träume der erlebten Dinge.

II

Doch diesen Glanz verlangt es mich, zu halten, 
Zu fassen das, was kaum Erlebnis war, 
Der Ferne Gruß, der Frauen mattes Haar, 
Den lieben Schritt enteilender Gestalten,

Und solche Bilder, ehe sie verschatten, 
In heißen Worten formend zu erneuern, 
Daß sie, geläutert von den späten Feuern 
Ein Glühen geben, das sie einst nicht hatten.

So wird, was schon verging, mir neu zu eigen 
Und reicher nun. Gefangen im Gedicht 
Runden die Stunden längst schon welker Lenze

Sich lächelnd wieder in den Lebensreigen, 
Und ein – fast träumendes – Besinnen flicht 
Die bunten Farben in die frühen Kränze.

Stefan Zweig (1881-1942)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (11)

11. Die Bergmanndli schützen Herden und Fische

Die Bergzwerge schätzen und lieben die Gemsen, sie wollen nicht, daß die Jäger sie töten, und manchem Alpenjäger ist es deshalb schon gar schlecht ergangen. Guten Jägern, denen sie wohlwollten, haben sie wohl auch das eine und das andre Stück z’weg gestellt, der durft‘ aber denn bei Leib und Leben nit mehr schießen, als mit den Bergmanndli verakkordiert war, sonst schmissen sie ihn die Felsen hinunter und bliesen ihm das Lebenslicht aus elendiglich. Da war einmal ein Gemsjäger, der verstieg sich hoch in die Felsen, auf einmal stand ein eisgraues Bergmanndli vor ihm da und sprach ihn zornig an: Was verfolgst du meine Herde? – Der Jäger war ganz erschrocken und sprach: Hab‘ ich doch nit gewußt, daß die Gemsen dein sind. – Sprach der Berggeist: Du sollst jede Woche vor deiner Hütte ein Grattier finden, aber du hütest dich und schießest mir kein andres. – So geschah’s, der Jäger fand alle Wochen den frischen Braten, der macht‘ ihm aber gar keine Freud, er konnte die Jagdlust nicht bezwingen, stieg wieder hinauf zu Berg und Holz, ward auch bald eines Gemsenleitbocks ansichtig, auf den legte er rasch an, zielte und schoß – aber wie er losdrückte, hob sich hinter ihm der Berggeist aus dem Boden und zog ihm die Haxen unterm Leib weg, daß er niederstürzte und in den Abgrund hinunterschmetterte.

In Malters saß ein Untervogt, der hieß Hans Bucher, der wollt‘ auch gern einmal ein Herdmanndli sehen; war gar ein eifriger Fischer und Jäger, aber sonst ein frommer Mann, stieg eines Tages hinauf am Pilatus, folgte dem Rümligbach und wollte gern Forellen fangen, da sprang ihm jählings ein Herdmanndli hinterwärts auf den Rücken und drückte ihn mit solcher Gewalt mit dem Gesicht in den Bach nieder, daß er schier vermeinte, er müsse versaufen. Dabei sagte das Herdmanndli zürnend: Ich will dir wohl lehren meine Tierlein fangen und jagen. – Als der Untervogt nach Hause kam, war er halbtot und sah im Gesicht aus wie der Tod von Ypern; war auch auf der einen Seite erlahmt und kam nimmermehr auf den Berg, zu jagen oder zu fischen.

In Obwalden war ein alter Landammann, der hieß Heinrich Immlin, der hat selbst erzählt, wie er einmal zum Pilatus hinangestiegen auf die Gemsjagd, da begegnete ihm ein Zwergmanndli und heischte, er solle flugs umkehren. Nun ist der Landammann ein starker stattlicher Mann gewesen, der spottete des Zwergs und sagte: He, du wirst wohl große Macht haben, mir was zu wehren! – Kaum gesagt, so sprang ihn der Zwerg an, drückt‘ ihn an einen Felsen, schwer wie ein Pferd, daß ihm schier die Seele ausfuhr und die Sinne ihm vergingen. Lag da eine halbe Stunde für tot, bis die Seinen ihn fanden, erquickten und heimführten.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Prosastücke | Das Lottchen (3)

Lottchen beichtet 1 Geliebten

»Es ist ein fremder Hauch auf mir? Was soll das heißen – es ist ein fremder Hauch auf mir? Auf mir ist kein fremder Hauch. Gib mal n Kuß auf Lottchen. In den ganzen vier Wochen, wo du in der Schweiz gewesen bist, hat mir keiner einen Kuß gegeben. Hier war nichts. Nein – hier war wirklich nichts! Was hast du gleich gemerkt? Du hast gar nichts gleich gemerkt … ach, Daddy! Ich bin dir so treu wie du mir. Nein, das heißt … also, ich bin dir wirklich treu! Du verliebst dich ja schon in jeden Refrain, wenn ein Frauenname drin vorkommt … ich bin dir treu – Gott sei Dank! Hier war nichts.

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Irische Elfenmärchen | Das stille Volk (4)

4. Die Mahlzeit des Geistlichen

Leute, die sich auf solche Dinge verstehen, sagen, das stille Volk sei ein Teil jener aus dem Himmel verstoßenen Engel, die nun auf Erden festen Fuß gefaßt haben, während ein anderer Teil, größerer Sünden wegen, an einen viel schlimmern Ort noch tiefer gesunken sei. Das mag dahin gestellt bleiben.

Gegen Ende Septembers war einmal eine muntere Gesellschaft von Elfen versammelt, welche im Glanze des Mondlichtes herumtanzten und ihre wunderlichen Streiche und Sprünge machten. Der Platz lag nicht weit von Inchegila in dem westlichen Teile der Grafschaft Cork, einem armen Dörfchen, von welchem große Berge und dürre Felsen, die es umschließen, allen Wohlstand abhalten. Doch was kümmern sich Elfen, die alles, wornach sie Verlangen tragen, herbeiwünschen können, um die Armut einer Gegend. Sie sorgen nur für einen heimlichen, unbesuchten Platz, wo sich nicht leicht jemand hin verirrt und sie in ihrer Lust stört.

Auf einem weichen grünen Rasen, nahe bei des Flusses Rand tanzten die kleinen Gesellen im Kreis, fröhlicher als je; ihre roten Käppchen wackelten bei jedem Sprung in dem Mondschein und doch waren diese tollen Sprünge so leicht, daß die Tautropfen unter ihren Füßen zwar zitterten, aber nicht auseinander rollten. So trieben sie ihr wildes Spiel, zogen Kreise umher, wirbelten und zappelten durch die Luft und auf und nieder tauchend erschöpften sie ihre Künste, bis endlich einer von ihnen zirpte:

»Geschwind, geschwind hört auf zu sausen,
laßt euer tolles, wildes Brausen;
ich wittre einen, der kommt heran,
ich wittre einen geistlichen Mann!«