Der Kenner

Ein Mensch sitzt stolz, programmbewehrt,
In einem besseren Konzert,
Fühlt sich als Kenner überlegen –
Die anderen sind nichts dagegen.
Musik in den Gehörgang rinnt,
Der Mensch lauscht kühn verklärt und sinnt.
Kaum daß den ersten Satz sie enden,
Rauscht er schon rasend mit den Händen
Und spricht vernehmliche und kluge
Gedanken über eine Fuge
Und seufzt dann, vor Begeisterung schwach:
„Nein, wirklich himmlisch, dieser Bach!“ 
Sein Nachbar aber grinst abscheulich:
„Sie haben das Programm von neulich!“ 
Und sieh, woran er gar nicht dachte:
Man spielt heut abend Bruckners Achte. 
Und jäh, wie Simson seine Kraft, 
Verliert der Mensch die Kennerschaft.

Eugen Roth (1895-1976)

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (6)

6. Die Tellensage

Lieder und Chroniken des Schweizerlandes preisen den Tell als den Befreier von hartem und lastendem Druck, als den Schöpfer der Schweizerfreiheit, und in alle Lande ist sein Ruhm erklungen, und ist ewig fortlebend und unaustilgbar.

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Prosastücke | Enthüllung

»Es gibt keinen Mädchenhandel«, sagt Kurt Tucholsky. – Was hat er für ein Interesse, die Mädchenhändler zu schützen?
Nationale Zeitungsnotiz

Frühmorgens, wenn, mit Verlaub zu sagen, die Hähne krähn, springe ich fröhlich aus dem Bett, reibe mir den Beischlaf aus den Augen, gürte meinen Galanteriedegen, und – hei! – fort geht’s, meinem heimlichen Beruf entgegen, von dem niemand, niemand nichts weiß. Rasch den Kuppelpelz umgelegt, und hinein in den Rolls-Royce, jüngere Linie, der schon vor der Tür, abgezahlt bis auf das linke Hinterrad, auf mich wartet. Fahr zu, Johann, und laß die Pferdekräfte traben –!

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