Des Wanderers Niederfahrt

Wandrer
           Dies ist, hat mich der Meister nicht betrogen,
Des Westes Meer, in dem der Nachtwind braust.
Dies ist der Untergang, von Gold umzogen,
Und dies die Grotte, wo mein Führer haust. -Bist du es nicht, den Tag und Nacht geboren,
Des Scheitel freundlich Abendröte küßt?
In dem sein Leben Helios verloren
Und dessen Gürtel schon die Nacht umfließt.Herold der Nacht! bist du’s, der zu ihr führet,
Der Sohn, den sie dem Sonnengott gebieret? Weiterlesen „Des Wanderers Niederfahrt“

Ludwig Bechstein – Deutsches Sagenbuch (2)

2. Des Schweizervolkes Ursprung

In alten Zeiten, bevor noch das Schweizerland bevölkert und bebaut war, saß ein starkes und zahlreiches Volk in Ost- und Westfriesland und im Lande Schweden, und kam über dieses Volk große Hungersnot und leidiger Mangel. Da beschlossen die Gemeinden, weil der Menschen bei ihnen zu viel, daß von Monat zu Monat eine Schar auswandern sollte, und sollte die das Los bestimmen. Wen es treffe, der müsse fort bei Strafe Leibes und Lebens, ob hoch oder niedrig, und mit Weib und Kindern. Als dies immer noch nicht fruchtete und dem Mangel steuerte, so ward fernerweit beschlossen, daß jede Woche der zehnte Mann ausgeloset werden und hinwegziehen solle. So geschah es, und zogen an die sechstausend Schweden fort und zwölfhundert Friesen mit ihnen, und ernannten sich Führer. Deren Namen waren Suiter, Swey und Josius, noch andere Restius, Rumo und Ladislaus. Sie fuhren auf Schiffen den Rhein hinauf und hatten unterwegs manchen Kampf zu bestehen; endlich kamen sie in ein Land, das hieß das Brochen- oder Brockengebirg (wie es auch im Harzwald einen Brockenberg hat), allda bescherte ihnen Gott Wonne und Weide, und sie bauten sich an und verteilten sich in das Land, wirkten und schafften. Ein Teil zog ins Brünig (Bruneck), ein anderer an die Aar. Ein Teil Schweden, die aus der Stadt Hasle (gehört jetzt dem Dänen) stammten, die erbauten Hasli und wohnten darin unter ihrem Führer Hasius. Restius erbaute die Burg Resty bei Meiringen und wohnte allda, Swey und Suiter gaben der Schweiz und dem Volke den Gesamtnamen. Auch das Bernerland gewannen sie, waren ein treu und gehorsam Volk, trugen zwilchne Kleider, nährten sich von Fleisch, Milch und Käse, denn des Obstes war damals noch nicht viel im Lande. Sie waren starke Leute, wie die Riesen, voll Kraft, und Wälder auszureuten war ihnen so leicht wie einem Fiedler sein Geigenbogen. Davon gehen noch alte Lieder, die sagen aus, wie ihrer ein Teil unter dem Führer Ladislaus und Suiter gen Rom gezogen und dem römischen Kaiser tapfer beigestanden gegen hereingebrochenes Heidenvolk, und wie beide Führer vom Kaiser Feldzeichen empfangen, Adler und Bären, ein rotes Kreuz, und auf der Krone des Aaren ein weißes, und haben dann diese Zeichen nach der neuen Heimat getragen. Immer noch erzählen sich auf ihren Bergen die Alpenhirten, wie die Vorfahren im Lande gezogen und wie die Berge eher bewohnt gewesen als die Täler. Erst ein späteres jüngeres Geschlecht habe die Talgründe bebaut, wie das auch in andern Bergländern geschehen ist.

Ludwig Bechstein (1801-1860)

Ihre Düfte haben die Violen…

Ihre Düfte haben die Violen
Von dem Moschus deines Haars gestohlen.
Die Zypresse geht, von deinem Gange
Anmut der Bewegungen zu holen,
Und dein klares Lächeln nachzuahmen,
Wird vom Ostwind dem Jasmin empfohlen.
In der Rosenknosp ist deines Mundes
Halberschlossne Heimlichkeit verhohlen.
Aus dem Auge trunkener Narzissen
Sieht von dir ein Blick mich an verstohlen.
Du bist meiner Wünsche Blumengarten,
Blühend von dem Scheitel zu den Sohlen.
Eifersüchtig über deine Reize
Wach ich, wie es mir ist anbefohlen.
Feuer bist du, ewiges, der Liebe,
Und die Herzen brennen dir wie Kohlen.
Hafis, seit du sein Idol geworden,
Darf nicht knien mehr vor der Welt Idolen.

(aus dem Persischen von Friedrich Rückert)

Hafis, Detail eines Manuskriptes des Dīwāns, 18. Jahrhundert