Abschied

Abschied von Paris

war ursprünglich als Eingangskapitel geplant, wurde aber von Heine verworfen
 (der Titel stammt wohl von Strodtmann),
 doch finden sich einige Gedanken in Caput XXIV.

Ade, Paris, du teure Stadt
Wir müssen heute scheiden
Ich lasse dich im Überfluß
Von Wonne und von Freuden.

Das deutsche Herz in meiner Brust
Ist plötzlich krank geworden,
Der einzige Arzt, der es heilen kann,
Der wohnt daheim im Norden.

Er wird es heilen in kurzer Frist,
Man rühmt seine großen Kuren;
Doch ich gestehe, mich schaudert schon
Vor seinen derben Mixturen.

Ade, du heitres Franzosenvolk,
Ihr meine lustigen Brüder,
Gar närrisch Sehnsucht treibt mich fort,
Doch komm ich in Kurzem wieder.

Denkt Euch, mit Schmerzen sehne ich mich,
Nach Torfgeruch, nach den lieben
Heidschnucken der Lüneburger Heid,
Nach Sauerkraut und Rüben.

Ich sehne mich nach Tabaksqualm,
Hofräten und Nachtwächtern,
Nach Plattdeutsch, Schwarzbrot, Grobheit sogar,
Nach blonden Predigerstöchtern.

Auch nach der Mutter sehne ich mich,
Ich will es offen gestehen,
Seit dreizehn Jahren hab ich nicht
Die alte Frau gesehen.

Ade, mein Weib, mein schönes Weib,
Du kannst meine Qual nicht fassen,
Ich drücke dich so fest an mein Herz,
Und muß dich doch verlassen.

Die lechzende Qual, sie treibt mich fort
Von meinem süßesten Glücke-
Muß wieder atmen deutsche Luft,
Damit ich nicht ersticke.

Die Qual, die Angst, der Ungestüm,
Das steigert sich bis zum Krampfe.
Es zittert mein Fuß vor Ungeduld,
Daß er deutschen Boden stampfe.

Vor Ende des Jahres bin ich zurück
Aus Deutschland, und ich denke
Auch ganz genesen, ich kaufe dir dann
Die schönsten Neujahrsgeschenke.

Heinrich Heine (1797-1856)

Die Gruselvilla

An einem kalten, dunklen und windigem Winterabend leuchtete der Vollmond hell am Himmel. Obwohl Lisa und ihre beste Freundin Mona sich eigentlich nicht trauten, gingen sie trotzdem noch einmal nach draußen, um ihre Katze Mimi ins Haus zu holen. Aber ihre Katze ließ sich nicht mit hinein nehmen und lief stattdessen in Richtung Friedhof. Lisa und ihre Freundin folgten ihr mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend.

Doch was sie sahen, konnten sie selber nicht glauben: Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine riesige schwarze Villa vor ihnen, mit großem Eisernen Tor (was allerdings schon ein bisschen verrostet war) und einem riesen Garten mit Grabsteinen dahinter – oder war es doch der Friedhof? Die Villa war ihnen zuvor noch nie aufgefallen. Mimi aber lief schnurstracks auf das große rostige Tor zu und zwängte sich zwischen den Stäben hindurch. Lisa schossen die Tränen in die Augen, als sie ihre Katze rief, die jedoch wollte nicht hören und ging geradewegs weiter. Jetzt erst bemerkten Lisa und Mona, wie sie durch unerklärliche Weise langsam auf das Haus zugezogen wurden, das Tor stand mittlerweile offen.

Sie fingen an zu schreien und nun rannen ihnen nur so die Tränen über die Wangen, aber es half nichts. Als sie kurz vor dem Haus waren, hörten sie eine Stimme, sie klang wie das Miauen einer Katze – und jetzt sahen sie auch Mimi wieder, die auf einem Fensterbrett saß und sie beobachtete. Die Stimme rief – eigentlich war es ein unheimliches Schreien: „HAHAHA, hier kommt ihr NIE wieder raus, nie wieder.“ Sie konnten nichts mehr sagen vor Angst. Mimi kam auf sie zu und fletschte die Zähne, jetzt sahen beide, dass sie spitze, lange und weiße Vampirzähne hatte. Sie sagte zu ihnen: „Wisst ihr nicht, dass in dieser Nacht Halloween ist? Da sollten eigentlich keinen kleinen Kinder nachts auf dem Friedhof herumlaufen – und schon gar nicht in der Mitternachtsstunde, die gerade anfängt. Aber hier werdet ihr nie wieder rauskommen. Eure Eltern wissen schon gar nicht mehr, dass sie Kinder haben, denn wer einmal dieses Grundstück betritt, wird für immer vergessen sein. Ach, und dieses Haus erscheint nur alle zehn Jahre in der Halloween-Nacht, und jetzt seid ihr für immer in diesem Haus gefangen und verloren – genauso wie ich.“

Die beiden Mädchen hatten tierische Angst, aber sie wussten nicht, was sie machen sollten.
Plötzlich sprang Mimi an ihnen hoch und biss erst Lisa und dann Mona in den Hals, bis beide tot umfielen. Sie sagte noch: „Jetzt seid ihr endgültig verloren, und keiner wird euch vermissen! Aber ihr bekommt ein schönes Grab direkt nebeneinander hier auf dem Friedhof.“ Die Katze lief in das Haus und Nebel stieg auf. Als er sich lichtete, war das Haus verschwunden, aber auf dem Friedhof, an der Stelle, wo das Haus gestanden hatte, waren zwei frisch ausgehobene Gräber mit der Aufschrift: „Von der Geistervilla mitgenommen“. Da aber keiner die Toten kannte, interessierte sich auch keiner dafür, wer genau da in den Gräbern lag. Doch alle zehn Jahre kam die Villa zurück, um neue Opfer zu finden.

ENDE

Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput XXVII

Was sich in jener Wundernacht
Des weitern zugetragen,
Erzähl ich euch ein andermal,
In warmen Sommertagen.

Das alte Geschlecht der Heuchelei
Verschwindet, Gott sei Dank, heut,
Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt
An seiner Lügenkrankheit.

Es wächst heran ein neues Geschlecht,
Ganz ohne Schminke und Sünden,
Mit freien Gedanken, mit freier Lust –
Dem werde ich alles verkünden.

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Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput XXVI

Caput XXVI

Die Wangen der Göttin glühten so rot
(Ich glaube, in die Krone
Stieg ihr der Rum), und sie sprach zu mir
In sehr wehmütigem Tone:

»Ich werde alt. Geboren bin ich
Am Tage von Hamburgs Begründung.
Die Mutter war Schellfischkönigin
Hier an der Elbe Mündung.

Mein Vater war ein großer Monarch,
Carolus Magnus geheißen,
Er war noch mächt’ger und klüger sogar
Als Friedrich der Große von Preußen.

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Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput XXV

Caput XXV

Die Göttin hat mir Tee gekocht
Und Rum hineingegossen;
Sie selber aber hat den Rum
Ganz ohne Tee genossen.

An meine Schulter lehnte sie
Ihr Haupt (die Mauerkrone,
Die Mütze, ward etwas zerknittert davon),
Und sie sprach mit sanftem Tone:

»Ich dachte manchmal mit Schrecken dran,
Daß du in dem sittenlosen
Paris so ganz ohne Aufsicht lebst,
Bei jenen frivolen Franzosen.

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Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput XXIV

Wie ich die enge Sahltrepp‘ hinauf.
Gekommen, ich kann es nicht sagen;
Es haben unsichtbare Geister mich
Vielleicht hinaufgetragen.

Hier, in Hammonias Kämmerlein,
Verflossen mir schnell die Stunden.
Die Göttin gestand die Sympathie,
Die sie immer für mich empfunden.

»Siehst du« – sprach sie -, »in früherer Zeit
War mir am meisten teuer
Der Sänger, der den Messias besang
Auf seiner frommen Leier.

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