Menschen, die man trifft | Melanie

Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann,stöbere ich gerne in alten Beiträgen von mir herum. Dort fand ich auch den folgenden Artikel wieder. Er ist schon einige Jahre alt, aus der Zeit, als ich noch in München arbeitete. Eine schöne Erinnerung, dachte ich mir. Ich möchte ihn Euch nicht vorenthalten, passt er doch gut zur Blogparade unserer lieben Alice. Viel Vergnügen beim Lesen. Euer Werner


Sie war 16 Jahre alt, als ich ihr das erste mal begegnete. In Freising am Bahnhof. Sie stand in der Eingangshalle und fror erbärmlich. Es war der 16. Dezember 2008 und ich kam aus München und wollte, ehe mein Zug nach Moosburg fuhr, rasch bei „Yormas“ Tabak, Schnaps und Bier kaufen. Es war mein Geburtstag. Ich würde ihn, wie immer seit Lynns Tod, alleine zu Hause verbringen. Halt, ganz alleine war ich ja nicht. Ich hatte meinen guten Freund Gorbatschow dabei…
In Gedanken versunken verließ ich den Laden. Wenn ich mich etwas sputete, konnte ich noch den Zug erreichen.
„Wenn Du auf Murphy trittst, kratze ich Dir die Augen aus!“
Ruckartig blieb ich stehen.
„Äh… was? Murphy?“
„Bist du blind, Alter?“ Unsicher, aber doch aggressiv klang ihre Stimme, während sie mit dem ausgestreckten rechten Arm zu Boden deutete.
Ich folgte ihrem dünnen Arm mit meinen Blicken und sah eine gescheckte Ratte, die eifrig nach etwas fressbarem suchte.
Nun schaute ich mir die Besitzerin dieses Tieres genauer an.
Schlank, fast schon dürr. Grüne Augen die Lebenswillen ausstrahlten. Haare, die jeden Friseur an den Rand des Wahnsinns treiben würden. Die Klamotten, die sie am Leibe trug, viel zu windig, für den Dezember. Erbarmungswürdig und mein Herz treffend alle beide, Mädchen wie Ratte.
Ich bot ihr an, mit mir bei Yormas etwas zu essen, Käse wollte ich kaufen für Murphy und mir überlegen, wie den Beiden zu helfen wäre.
„Suchst du was zum ficken? Vergiss es!“ Schluck…
„Ich möchte gerne, dass Du was im Magen hast. Murphy auch…“
Misstrauisch, aber dankbar, nahm sie an. Ich erfuhr so einiges aus ihrem Leben, während sie drei Bratwürste verschlang. Murphy knabberte mittelalten Gouda und ließ sich sogar streicheln von mir.
Melanie vertraute mir, suchte Wärme und Geborgenheit. Und fand sie…. nirgendwo.
Seit ihrem elften Lebensjahr wurde sie von ihrem eigenen Vater missbraucht. Die Mutter schaute weg. Aus Angst, den Mann zu verlieren.
Melanie fand im Alter von 16 Jahren erstmals die Kraft, dieser Hölle zu entfliehen. Und sie traf mich. Ich wollte nichts von ihr. Andere hätten ihre Not wohl ausgenutzt, ich verabredete mich mit ihr für den nächsten Tag. Ich ging mit ihr zu einem mir bekannten Hotel in Freising. Ich musste etwas tun.
„Mach mir ein Angebot“, sagte ich zu Mira, der Inhaberin dieses Hotels.
„Wenn sie keine Ansprüche stellt, ich habe ein freies Personalzimmer. Sie kann dort wohnen.“
Ich schaute Melanie fragend an.
„Und wer bezahlt das?“
Mira zwinkerte mir zu.
„No, wirst du arbeiten wollen? Kannst du Frühstück herrichten für Gäste. Dann ist umsonst.“
Prima! Ich summte und sang auf dem Weg zum Bahnhof.

Status heute:

Vor wenigen Tagen sprach mich eine junge, hübsche und selbstbewusste junge Frau in Freising auf der Straße an. Es war „meine“ Melanie.
Sie hat es geschafft, aus eigenem Antrieb. Und DAS sind Dinge in meinem Leben, die mir immer wieder Antrieb geben. Melanie ist zur zweiten Geschäftsführerin aufgestiegen. Dieses kleine, freche Luder.

Nota bene: In diesem Falle habe ich Namen verändert. Um Melanie zu schützen.

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

8 Kommentare zu „Menschen, die man trifft | Melanie“

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