Aus dem Archiv: Franz aus Oppeln

Er war alt. Sehr alt. Jeden Tag schlurfte er langsam durch diese große Stadt, warf hier ein paar Tauben einige Krumen hin, winkte dort spielenden Kindern zu oder setzte sich auf die Holzbank am Rheinufer, deren Holz schon ebenso grau und verwittert war, wie das Gesicht des Mannes, dessen Bartstoppeln ein schabendes Geräusch von sich gaben, wenn er mit der schwieligen Hand sein Kinn rieb.
Dort, auf der Bank, saß er gerne. Er schaute den stolzen weißen Dampfern nach, welche mit fröhlichen Ausflüglern beladen Richtung Drachenfels dampften.
Er liebte es, so in der Sonne zu sitzen. Den alten, schäbigen Mantel aus grauem, dickem Stoff, hatte er dann weit geöffnet. Aus der Innentasche lugte ein kleines Paket aus zerknitterter Aluminiumfolie. Dort bewahrte er seine Stumpen auf, dicke, billige Zigarren, die nicht sehr gut rochen.
Manchmal saßen wir Kinder bei ihm auf der Bank. Dann zauberte er eine schmutzige weiße Tüte aus der Manteltasche. Gefüllt mit fies klebenden Himbeerbonbons. Es bereitete jedesmal einige Mühe, die klebrigen Dinger voneinander zu lösen – aber sie schmeckten einfach himmlisch.
Und dann begann er zu erzählen, dieser alte Mann mit seinem stoppeligen Kinn. Seine blassen Augen blickten den Schiffen hinterher und manchmal schaute er auch uns in unsere jungen, glatten Gesichter.
Dann spielte ein leises Lächeln um seine Lippen.
Er erzählte von Oppeln in Oberschlesien, woher er stammte. Breitete klangliche Bilder vor uns aus. Wir sahen sanfte, grüne Hügel, mit riesigen Koppeln voller Pferde. Bauern, die das Korn mit der Sense ernteten, bündelten und zu kleinen, spitzen Kegeln aufstellten, bis es gegen Abend von den Pferden heimgezogen wurde.
Er erzählte von dem unendlichen Leid der Vertreibung, der Flucht. Und wieder waren es die Pferde, die die größte Rolle in dem Drama spielten.
Bis sie vor Schwäche verendeten, oder im Eis einbrachen und ganz zum Schluß den Menschen noch als Nahrung dienten.
Nie war seine Stimme gebrochen, oder klagend. Sachlich und tief klang sie.
„Und wenn Du dann tot bist, mein Junge“, sagte er manchmal leise zu mir, „bist Du vergessen. Schade ist das!“

Und dann erhob er sich, fast würdevoll, zog den schäbigen Mantel fester um sich und schlurfte davon.
Dieser einsame, alte Mann.

Ach, Franz, Du siehst, ich habe Dich nicht vergessen. Immer, wenn ich irgendwo Himbeerbonbons sehe, kaufe ich mir welche. Und während sie langsam im Munde zergehen, denke ich an Dich, Franz.

Mach es gut, und danke für Deine vielen Geschichten!

Autor: Werner Philipps

Mein Leben und ich! So könnte man den Inhalt meines Blogs kurz und knapp überschreiben. Er beinhaltet (ich hoffe in der richtigen Balance!) Episoden und Ereignisse aus meinem Leben (sic!), Humor und Gedichte... Lasst Euch einfach mal überraschen. Über Kommentare zu den einzelnen Artikeln freue ich mich natürlich auch sehr und meistens antworte ich sogar! Ich freue mich sehr über Euren Besuch. Herzlichst, Werner Philipps

2 Kommentare zu „Aus dem Archiv: Franz aus Oppeln“

Mein Senftöpfchen wartet auf neue Nahrung. ;) Also, gib gerne Deinen Senf dazu!

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